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Anne Will:Wenn einem das Lachen im Schnelltest stecken bleibt

Anne Will; Anne Will

Bei Anne Will ging es mal wieder um Corona. Wie seit drei Monaten in jeder Sendung.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Warten auf Lockerung, Nonsens-Dialoge und ein auswegloser Dauerzustand - bei Anne Will rettet die Absurdität vor Hilflosigkeit.

Von Marlene Knobloch

Anne Will grinst, als hätte sie aufgegeben, noch etwas Sinnhaftes aus der Gesprächsrunde für sich zu ziehen, die sie gerade moderiert. Was soll sie auch machen. Ihre Diskutanten verheddern sich gerade unter ihrer Beteiligung in absurden Schnelltest-Dialogen. "Wir haben doch Schnelltests!" - "Eben nicht!" - "Aber wir brauchen sie!" - "Ja eben!". Vielleicht ist es ihr auch langsam einfach genug. Seit einem Vierteljahr moderiert Anne Will ausschließlich Corona-Abende. Das erklärt vielleicht diese zwischen Schrecken und Lachen schwirrende Stimmung, die sich im Studio am Sonntag breitzumachen scheint, als die Frage aufgerufen wird: "Lockern auf Probe - wohin führt der Strategiewechsel in der Pandemiepolitik?"

Nicht, dass es nichts zu diskutieren gäbe. Ist ja wieder einiges passiert in der vergangenen Woche. Der Journalist Markus Feldenkirchen fasst das schnell mal so zusammen. "Wir brauchen eine neue Regierung." Denn: Die Schnelltests gab es, sie wurden nur nicht eingesetzt. Das Impfen geht zu langsam. Die Corona-App hat nichts gebracht. Und dass erst jetzt eine "Taskforce" eingerichtet wird, die sich um ausreichende Testkapazitäten kümmern soll, bezeichnet er als "Witz". Einer, über den jetzt Anfang März, nach einem Jahr Pandemie und Monaten des Lockdowns, keiner mehr lachen will.

Blöderweise folgte darauf einer der Verantwortlichen, nämlich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der verspricht, "nichts schönreden zu wollen". Und erst erzählt, er könnte ja jetzt eine Karte zeigen. Und dann eine Karte zeigt, ein DIN-A4-Blatt, das zeigt, dass Deutschland eben doch alles richtig gemacht habe. Es ist sein Schutzschild, mit dem er sich in diese Schlangengrube mit Virologen, der vorwurfsvollen Wirtschaft, wütenden Journalisten und sowieso Alles-besser-Machern getraut hat. Und in der er den ihn unterbrechenden Feldenkirchen trotzig zurück unterbricht: "Ich. Bin. Ja. Kritikfähig."

Schauen Sie mal nach Aying - nach Aying!

Die Talkshow hat schnell diesen Reizpunkt erreicht, der manchmal in sehr ausweglosen Situationen auftritt. Wenn sich etwa einer so lange den Kopf über etwas zerbricht, dass er damit nur noch einen riesigen Scherbenhaufen hinterlässt. Aus der Hilflosigkeit rettet den Zuschauer dann nur die Erkenntnis, wie absurd das alles ist. Ein Gefühl, das viele nach den neuesten Beschlüssen vom vergangenen Mittwoch teilen dürften. Nach Stufenplänen, Öffnungsversprechen, die an den heiligen Inzidenzwert gekoppelt sind, und der Söder'schen Öffnungsmatrix, die der SPD-Politiker Karl Lauterbach in dunkel-existenzialistischem Dramatikerton verwirft: "Die Lockerungen werden sich nicht materialisieren."

Die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Angela Inselkammer, sitzt da mit verschränkten Armen und im türkisen Blazer und erklärt, dass die Hotels und Restaurants das Thema Hygiene "mit der Muttermilch aufgesogen hätten". Lauterbach solle mal nach Aying schauen - nach Aying! - auf den Marktplatz, da ließen Menschen die Flaschen von Mund zu Mund gehen. Und fragt dann anklagend, warum die Deutschen nach Mallorca fliegen und dann da in die Hotels und Restaurants gehen. Haseloff: "Ja, sollen sie nicht." - "Aber tun sie!" - "Aber das dürfen sie nicht!" - "Aber dann bieten wir Ihnen doch bitte Urlaub zu Hause an." - "Ja eben." - Ja ... Moment? Ach, diese verflixte Öffnungsmatrix.

Am Ende leitet Anne Will nur mit entspanntem Lächeln zu Pinar Atalay über, die sich an diesem Abend leider um unangetastete Themen kümmert, wie etwa die Korruptionsskandale bei CDU und CSU. Das zumindest ist Reiner Haseloff an diesem Abend erspart geblieben.

© SZ/kler
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