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Amazon-Serie "Crisis in Six Scenes":Woody Allen verachtet das Fernsehen - trotzdem hat er eine Serie gedreht

Woody Allen Crisis in 6 Scenes

Ihre Frisuren sind in etwa so pflegebedürftig wie seine Neurosen: Woody Allen als Schriftsteller Sidney J. Munsinger - ausnahmseweise nicht im Kino.

(Foto: Amazon Studios 2016)

"Crisis in Six Scenes" heißt die Auftragsarbeit für Amazon Video. Mit der Sitcom unterwandert Woody Allen sämtliche Erfolgsrezepte des aktuellen Serien-Hypes.

Zwei Jahre lang haben Amazon-Mitarbeiter den Regisseur Woody Allen quasi angefleht, eine Serie für den hauseigenen Streamingdienst zu drehen. Eine exklusive Show vom dreifachen Oscarpreisträger, das sollte im erbitterten Konkurrenzkampf der Online-Serienanbieter der große Coup werden.

Das Problem: Der 80-jährige Kino-Veteran hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das Fernsehen verachtet, und der Aufstieg der Streamingdienste fand auch unterhalb seines Interessenradars statt. Also mussten die Amazon-Studios, die für die Eigenproduktionen des Versandunternehmens verantwortlich sind, ihm ein Angebot machen, das kein Filmemacher ablehnen kann. Sie versprachen laut Allen: "Dreh, was du willst, wann du willst und mit wem du willst. Du brauchst uns vorher kein Drehbuch zu zeigen, wir geben dir das Geld, und du rufst an, wenn du fertig bist."

Eine solche Carte blanche ist auch für einen Starregisseur einmalig, weshalb Allen sich an seine alte deutsche Olympia-Schreibmaschine setzte, an der er seit seinem 16. Lebensjahr alle Filmskripte geschrieben hat. Nur tippte er nach mehr als sechs Jahrzehnten und fast 50 Kinofilmen nun erstmals eine Serie in die schweren, alten Tasten. Das Ergebnis ist die Sitcom Crisis in Six Scenes, deren sechs Episoden von jeweils gut zwanzig Minuten Länge nun bei Amazon Video abrufbar sind.

Die Sketch-Portionierung klappt besser als in manchem Filme

Der alte Schelm Woody Allen unterwandert darin sämtliche Erfolgsrezepte des aktuellen Serienhypes mit einem wirklich bewundernswerten Stoizismus, weshalb sich die Verantwortlichen bei Amazon schon mal auf einen veritablen Shitstorm gefasst machen können. Denn mit dem dramaturgischen Überdruck von Shows wie Game of Thrones oder Daredevil, die ein extremes Erzähltempo zum Erfolgsprinzip erhoben haben, kann diese Serie ungefähr so gut mithalten wie Allens alte Schreibmaschine mit einem modernen Laptop. Die Handlung aller sechs Folgen von Crisis in Six Scenes würde den meisten Serienmachern vermutlich nicht mal für fünf Sendeminuten reichen, aber gerade diese Entschleunigung macht die Comedy-Show zu einem nahezu buddhistischen Seherlebnis im hypernervösen Serienbetrieb der vergangenen Jahre.

Allen selbst spielt den neurotischen Schriftsteller Sidney J. Munsinger, der sich sechs Folgen lang darüber aufregt, dass seine Gattin, eine Paartherapeutin (Elaine May), ein junges Hippie-Mädchen aufnimmt, das von der Polizei gesucht wird. Die Geschichte ist in den frühen Sechzigerjahren angesiedelt, der Vietnamkrieg tobt, die Studenten beginnen zu revoltieren. Aber der Schauplatz ist ein kleiner Vorort von New York, mit weißen Häusern und buntem Herbstlaub im Garten, und hier herrscht noch ein suburbanes Nachkriegsidyll, das keine Systemkritik gebrauchen kann. Diesen Kosmos verteidigt Allen als Karikatur aufs konservative Amerika mit der Vehemenz eines Mannes, der sein Steak essen möchte, ohne wissen zu müssen, wo es herkommt.