Geschlechterrollen Schminktipps vom Beauty-Boy

Einer der populärsten Beauty Boys der Welt: Der amerikanische Teenager Jake Warden gibt im Internet Styling-Tipps.

(Foto: YouTube/Jake Warden)

Auf Youtube zeigen sich immer mehr Jungs und Männer beim Make-up-Auftragen und Fingernägel lackieren. Gerade bei Frauen sind diese Videos beliebt.

Von Julian Erbersdobler

Wenn sich Ossi Glossy und Marvyn Macnificent falsche Wimpern aufkleben, Lidstriche ziehen, Concealer einarbeiten, das Gesicht pudern oder Lippenstifte auftragen, dann sehen ihnen manchmal fast drei Millionen Menschen zu. Ihre Videos heißen "Fünf Minuten Make-up-Challenge", "Mein Bruder schminkt mich zum Frosch" oder "Wieder zwölf??!! Krasses Umstyling". Nun gibt es Schmink- und Beautytipps im Netz natürlich an jeder Ecke, und das seit Jahren. Doch anders als Youtube-Prominente wie Bianca Heinicke alias Bibi sind Ossi Glossy und Marvyn Macnificent keine jungen Frauen.

Sie sind Jungs. Wer bei Google nach dem Schlagwort "Beauty Boys" sucht, findet zum Beispiel Dreizehnjährige, die ihre Morgenroutine filmen. Aufstehen, Peeling, Eincremen, Foundation, Wimperntusche, ein letzter Blick in den Spiegel und dann ab in die Schule. Fünfzehnjährige, die ihre Schminktipps und den neusten Nagellack mit der Welt teilen. Die Zielgruppe dieser Clips ist dann allerdings sehr ähnlich zu denen von Bibi &Co.: Vor allem weibliche Nutzer kommentieren unter den Videos - und das sehr umfassend. Userin Nihan schreibt zum Beispiel: "Ihr süßen Zuckermenschen". 2468 Likes. Eine andere: "Sogar in fünf Minuten sieht deren Make-up besser aus als ich in 20 Minuten." Oder immer wieder: "Mach mal bitte ein Video von deiner Schminksammlung", dazu gibt es zwei Herzen.

Eine halbe Millionen Abonnenten

Ossi Glossy heißt eigentlich Oskar, ist erst 15 Jahre alt und hat schon mehr als eine halbe Million Abonnenten. Von dieser Reichweite kann Luca Ueding, 20, aus Oberhausen nur träumen. Vor zweieinhalb Jahren hat er zum ersten Mal ein Schmink-Video mit einem männlichen Protagonisten gesehen. Sein erster Gedanke: "Huch, was ist das denn?" Seine Mutter ist Kosmetikerin, ganz fremd war ihm das Thema nie. Dann hat er sich immer mehr damit beschäftigt, mehr Videos, mehr Input, und mittlerweile nennt er das Schminken seine Passion.

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Er teilt sie mit anderen auf Instagram. 2955 Menschen folgen seinem Account Makeup.by.luc. Das ist ganz nett, aber noch lange kein Wert, der ihn zu einem Influencer macht. Das weiß er selbst. Immerhin: "Ich bin noch nicht so groß, dass ich viele Hate-Kommentare bekomme", sagt Ueding. Auf seinem Kanal postet er Fotos von seinen bunten Fingernägeln, Lippenstiften, Lidschatten. Manchmal verkleidet er sich so, dass man ihn fast nicht mehr erkennt. Dann sieht er aus, wie einer aus der "Rocky Horror Picture Show". Das Feedback im Kommentarfeld sei durchweg positiv. Meistens schreiben ihm Frauen unter seine Bilder. Manchmal auch Männer, aber die sind eindeutig in der Minderheit.

Obwohl vor allem weibliche Fans die Videos anklicken, stehen die Jungs, die sich vor einem Millionenpublikum schminken, aber auch für ein Geschäftsfeld, von dem sich die Kosmetikindustrie derzeit viel erhofft. Das Marktforschungsinstitut Euromonitor geht etwa davon aus, dass der Markt für Männerkosmetik in China in den kommenden fünf Jahren um mehr als 15 Prozent wachsen wird. Aber auch in Deutschland tut sich was. Der Erfolg der Beauty-Boys ist international. Stark geschminkte Jugendliche, die sich aus ihren Kinderzimmern heraus im Netz präsentieren, können beim Zuschauer durchaus gemischte Gefühle auslösen. Man weiß ja schließlich nicht, wer diese Videos am Ende ansieht, weil er vielleicht weniger Interesse an Rouge hat als an kleinen Jungs.

Die meist sehr jungen Fans der Beauty-Teenies nehmen daran aber offenbar keinen Anstoß. Vielleicht ist die Wahrnehmung vor allem eine Generationenfrage, und die Eltern der Teenager scheinen sich nicht zu sorgen: "Den Account verwaltet meine Mum", liest man als Hinweis immer wieder in den Kanalinfos. Luca Ueding jedenfalls findet es ohnehin seltsam, dass Make-up immer gleich mit Sexualität in Verbindung gebracht werde. Selbst im alten Ägypten hätten sich alle geschminkt, Frauen, Männer, Kinder.

Manche Beauty Boys sind schwul, andere heterosexuell. Unter vielen Posts steht der Hashtag #makeupknowsnogender, Schminke kennt kein Geschlecht. "Auf meinen Kanal kommen die Leute, die sich für mein Make-up interessieren, nicht die, die wissen wollen, was in meinem Schlafzimmer abgeht." Grundsätzlich sei die Toleranz gegenüber schminkenden Jungs in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Luca Ueding.

Ähnlich argumentiert auch Dieter Bonnstädter, einer der bekanntester Promi-Visagisten und Starfriseure Deutschlands. Bonnstädter hat schon als Chefvisagist für Yves Saint Laurent und Versace gearbeitet. Neben seinem Studio in Berlin hat er einen Online-Shop für Kosmetikprodukte, auch für Männer. "Vor 20 Jahren hat sich niemand die Augenbrauen gezupft", sagt er. "Die männlichen Kunden machen das jetzt alle. Wir sind viel freier geworden als Gesellschaft." Das habe auch damit zu tun, dass Homosexualität akzeptierter sei.

Make-up für Männer braucht ein anderes Label

Trotzdem schätzen wohl gerade Männer die Anonymität des Internets. Bonnstädter erzählt, dass manche Kunden andere Versandadressen angeben, weil sie Angst haben, dass jemand ein Paket mit Make-up entgegennehmen könnte. "Das ist fast wie bei einem Sex-Shop."

Aber Bonnstädter erzählt auch, dass einige Männer, die noch vor einem Jahr auf keinen Fall wollten, dass er ihnen einen Pickel abdeckt, heute deutlich entspannter reagieren. "Da tut sich was." Schwierig wird es allerdings, wenn Make-up auch wirklich so heißt, erzählt er. Da müsse man ein bisschen tricksen. Korrektur sei zum Beispiel ein Wort, das besser ankomme. "Make-up klingt vielen nach wie vor zu feminin."

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