Würde die Schule doch erst um 9 Uhr beginnen:"Gebt den Leuten mehr Schlaf"

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Es ist ja wahr, die Stahlgewitter des Morgens werden vor allem von den Frauen ertragen. Nur politisch sehr korrekte Männer und solche, die vor den Vorwürfen ihrer Frauen einknickten und sich seither fragen, ob ihrem Vater das auch passiert wäre, sind bereit, diese Aufgabe zu teilen oder gar ganz zu übernehmen. Tun sie dies aber, droht zu ihrer Bestürzung eine neue Kampflinie. Die Hausfrau und Mutter wird, sofern sie nicht der sehr, sehr großherzige Typ Frau ist, sein Tun mit dem ihren vergleichen. Das Ergebnis ist nach aller Lebenserfahrung das, was sie schon vorher gewusst hat, nun aber nicht zu dulden bereit ist.

Wie kann dieser Mann Abteilungsleiter sein, daheim aber unfähig, einen Wollpulli passender Größe zu finden, obwohl sie ihn abends eigens herausgelegt hatte? Ist es zu fassen, fragt sie ihre Freundin beim Frühsport - den er ihr durch das morgendliche Versorgen der Kindlein ermöglicht hat, aber das spielt in ihren Erwägungen eine untergeordnete Rolle -, ist es denn möglich, dass er der Kleinen zwei Wasserflaschen mitgegeben hat und dem Großen dafür zwei Brotdosen? Letzte Woche hat er es zwar richtig aufgeteilt, aber die Brote zielsicher mit dieser Fenchelsalami belegt, die bei unseren Kindern schon immer Brechreiz ausgelöst hat, kann man das glauben? Und wie ist es zu erklären, dass der Jüngste dreimal hintereinander, dreimal, ich sage es dir, ohne Brille zur Schule ging, die Hausaufgaben an der Tafel nicht sah und einen Tadel bekam?

Das alles ist möglich, weil der Mensch nicht dafür gemacht ist, früh aufzustehen. "Gebt den Leuten mehr Schlaf - und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind", um noch einmal Tucholsky anzuführen, den Klugen.

Die Kinder, so lehrt es der Schlafmediziner Jürgen Zulley von der Universität Regensburg, werden gezwungen, gegen ihren natürlichen Biorhythmus zu handeln. Der Biorhythmus will nämlich nicht, dass um 6:30 das böse Licht angeht, der Wecker schrillt, der Vater mit falscher Freundlichkeit "Guten Morgen, liebe Sorgen" trällert, vom falschen Ton ganz abgesehen. Der Biorhythmus sagt dem Kind: Der hat kein Recht, das mit dir zu tun, nur weil er groß ist. Es ist unfair. Krieche hinein in deine Decken. Schlaf, Kindlein, schlaf weiter, säuselt der Biorhythmus.

Das alles wäre ganz anders, nämlich weit besser für alle Beteiligten, so sagen viele Wissenschaftler, wenn die Kinder morgens einfach eine Stunde mehr Schlaf hätten. Eine Stunde, mehr verlangt doch niemand, Unterricht ab neun, das Abendland würde nicht untergehen, der Bildungsstandort in den Rankings aufsteigen. Aber sie geben uns die Stunde nicht.

Die Ehefrauen und Mütter, um auf sie zurückzukommen, neigen in der Früh dazu, alle Erfahrungen der Motivation und Fähigkeitsförderung sausen zu lassen. Jedenfalls soweit es den aus ihrer Sicht planlos durch den jungen Morgen stolpernden Gatten betrifft. Es wäre gescheiter, würden sie die Ernsthaftigkeit seines Versuchs anerkennen und vielleicht, Männer sind da wie Kinder, gar rühmen und preisen. Das wäre eine Basis, auf der man kleine Abweichungen vom Erforderlichen ansprechen und gemeinsam Lösungen definieren kann.

Stattdessen kann sie, sonst von Charme und großem Herzen, der Versuchung, selbst bei strenger Aufgabenteilung zu intervenieren, schwer widerstehen. Das ist der Fluch der frühen Stunde. Die Gleichzeitigkeit des Geschehens und der Handgriffe provoziert auch beim wohlmeinenden Manne Fehlleistungen, das Stakkato ihrer Kritteleien erst recht. Der Kleine ist ja immer noch im Bett, die Brotzeit muss noch her, essen sollten sie morgens schon was, wieso kaut sie jetzt an Gummibärchen, und wo sind die Schuhe, zum Henker? So reden die Frauen. Zieh ihm doch die Regenjacke an, bitte. Ist das dein Ernst, ihn mit kurzen Hosen rauszuschicken? Und schau mal, hier ist der Schlüssel, er hat ihn also nicht dabei.

Der Ehemann und Vater, er war morgens wieder an der Reihe, hörte kürzlich, wie die Kleine ans Bett der Mutter trat und sprach: "Hähä, guck mal, Mama, was er mir wieder gegeben hat. Die Ärmel gehen bis zum Boden." Gut, es war das Hemd des großen Bruders, aber bin ich hier der Fahrschüler mit dem Besserwisser-Motzki nebendran oder was? So denkt der Ehemann und Vater, und ist er töricht genug, nicht nur so zu denken, sondern auch so zu sprechen, ist die Debatte lebhaft und die Kindergruppe schon weg, weil die Kleine noch in der Tür steht und fasziniert zuhört.

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