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Wohnungsnot in der Kaiserzeit:Berliner Häuserkampf

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war die Wohnungsnot eine soziale Frage - vor allem in der boomenden Hauptstadt Berlin.

Zum Inbegriff des flanierenden Literaten ist Franz Hessel geworden. Sein Buch "Spazieren in Berlin" (1929) ist eine berührende Hommage an eine Stadt, deren Schattenseiten er nicht verschwieg. Eines Tages stand Hessel im Berliner Wedding, vor dem Wohnblock "Meyers Hof". Er ging näher heran:

"Aus dem Hof der riesigen Mietskaserne, dem ersten Hof - sie hat wohl fünf oder sechs, eine ganze Stadt wohnt darin. Alle Arten Berufe lassen sich erraten aus den Anschlägen: Apostelamt, Pumpernickelfabrik, Damen- und Burschenkonfektion, Schlosserei, Lederstanzerei, Badeanstalt, Drehrolle, Fleischerei. Und noch soundso viel Schneiderinnen, Näherinnen, Kohlenmänner, die in den endlosen, graurissigen Quergebäuden hausen. ... Sonst ist es hier im Norden wie auch in den proletarischen Teilen von Schöneberg oder Neukölln den Häusern von außen meist nicht anzusehen, wie viel Armut sie bergen. Wie die Menschen, so haben auch die Gebäude eine heruntergekommene Bürgerlichkeit. Sie stehen in endloser Reihe; Fenster an Fenster, kleine Balkons sind vorgeklebt, auf welchen Topfblumen ein kümmerliches Dasein fristen. Um eine Vorstellung vom Leben der Bewohner zu bekommen, muß man in die Höfe vordringen, den traurigen ersten und den traurigeren zweiten, man muß die blassen Kinder beobachten, die da herumlungern und auf den Stufen zu den drei, vier oder mehr Eingängen der lichtlosen Quergebäude hocken, rührende und groteske Geschöpfe, wie Zille sie gemalt und gezeichnet hat."

Schon im klassischen Rom war der Mietwucherer ein erklärtes Feindbild

Die Debatte darüber, wie sozial und bezahlbar die Stadt sein muss, ist also nicht neu. Die dramatischen Mietpreissteigerungen in deutschen Großstädten haben sie nur neu belebt und die Enteignet-sie!-Predigten des Jusochefs gegen Besitzer von Wohneigentum zusätzlich befeuert: Wem gehört die Stadt? Wem gehören ihre Häuser und Wohnungen? Und wie sehr müssen diejenigen, die über diese Häuser und Wohnungen verfügen, an das Wohl der Gesellschaft denken? Und wenn sie es nicht tun, darf und kann der Staat sie dazu zwingen?

In vielen Ländern sind die Mieter längst schon die Verlierer dieses Konflikts, Wohnungspreise in Paris oder London wären selbst für Münchner Verhältnisse apokalyptisch. Aber die deutschen Städte holen auf, fast überall dort, wo der Wirtschaftsboom Arbeitsplätze bietet - und im Mieterland Bundesrepublik betrifft die Wohnungsfrage besonders viele Menschen.

Schon im antiken Rom war der Mietwucherer ein erklärtes Feindbild. Nicht ohne Grund: Geldgierige Hausbesitzer neigten dazu, auf die vielstöckigen insulae, die hohen, aus Lehm und Stein errichteten Wohnhäuser der weniger Begüterten, noch eine Etage draufzusetzen und dann noch eine . . . bis das Haus kollabierte. Strafen und Gesetze gegen skrupellose Vermieter nutzten wenig. Schon damals war das Geld stärker. Der Satiriker Juvenal schrieb: "Wir wohnen in einer Stadt, die großenteils durch Stützen getragen wird, welche die Zerbrechlichkeit von Rohren haben. Wenn aber ein Haus einzustürzen droht, dann ist die einzige Maßnahme des Verwalters die, die Sprünge, die sich gebildet haben, zu übertünchen. Dann sagt er: Nun kannst du beruhigt schlafen."

Fast zwei Jahrtausende später, um 1900, ist die Welt eine völlig andere und doch auch wieder nicht. Ein Architekturhandbuch von 1905 zeigt eine vorbildliche Siedlung: Gärten, Gemeinschaftstoiletten und Höfe mit viel Platz für die Kinder. Daneben steht: "Ein Arbeiterviertel, wie es sich die Hygieniker wünschen würden." Damit ist im Grunde alles gesagt: würden - in einer besseren Welt, einer anderen Zeit.

Die heute sehr beliebten Gründerzeitviertel, deren harmonische Fassaden sich so wohltuend von den städtebaulichen Wildsaugehegen der Moderne abheben, waren damals oft regelrechte Slums; jedenfalls in Vororten wie in Berlin-Prenzlauer Berg oder Neukölln, wo sehr schnell sehr viele sehr schlecht verdienende Arbeiter irgendwie unterkommen mussten. Berlin, heute fast ohne produzierendes Gewerbe, war in der späten Kaiserzeit einer der größten Industriestandorte der Welt. Aber die meisten Großstädte der entwickelten Staaten hatten dasselbe Problem: zu wenig Wohnraum, zu wenig Platz, zu teuer. Schon 1868 prägte der Berliner Statistiker Hermann Schwabe einen Lehrsatz, das "Schwabesche Gesetz", das im Grunde bis heute gilt: "Je ärmer jemand ist, desto größer ist die Summe, welche er im Verhältnis zu seinem Einkommen für die Wohnung ausgeben muss!"

In der Frühphase der Industrialisierung, der Ära des berüchtigten "Manchester-Kapitalismus", verlief das Wachstum zügellos. Was Friedrich Engels in England sah, beeinflusste sogar das "Kommunistische Manifest", das er 1848 mit Karl Marx veröffentlichte. Über die Elendsviertel in Manchester berichtete Engels 1845: "Die Häuser sind in schlechtem Zustande, nie repariert, schmutzig mit feuchten und unreinen Kellerwohnungen versehen; die Gassen sind weder gepflastert noch haben sie Abzüge, dagegen zahlreiche Kolonien von Schweinen." Näher an den Fabriken fand er Straßenzüge "von aller vernünftigen Baukunst hohnsprechenden Zusammenwürfelung der Häuser - von der Gedrängtheit, mit der sie hier förmlich aneinandergepackt sind, kann man sich keine Vorstellung machen."

Die industrielle Revolution setzte aber erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit voller Wucht ein, sie veränderte das Gesicht der Städte radikal und schrie nach Arbeitskräften. Diese waren leicht zu haben, und billig dazu. Arbeitssuchende strömten vom Elend und dem Tagerlöhnerdasein auf dem Land in die Großstädte, auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Städte verdoppelten und verdreifachten ihre Einwohnerzahl und ihre bebaute Fläche binnen weniger Jahrzehnte. 1868 schrieb der spätere Berliner Stadtbaurat James Hobrecht alarmiert: "Fort mit den Kellerwohnungen, die gut sind für Fässer und Kartoffeln und Gemüse, aber nicht für Menschen! Raum für die Höfe!"

"Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt."

Anders als zu Engels' Zeit wurden die neuen Quartiere nun wenigstens durch Bebauungspläne gestaltet, wie in Berlin schon 1862 durch Hobrecht. Der Historiker Leonardo Benevolo sprach von der "post-liberalen Stadt": Der Staat setzte den Rahmen wie den Verlauf der Straßenzüge und die Kanalisation - für den Rest waren die privaten Bauherren, die Investoren, Vermieter zuständig. Sie nutzten diesen Freiraum zumeist nicht anders als ihre Vorgänger zur Zeit Juvenals und pferchten möglichst viele Menschen für möglichst viel Rendite auf möglichst engen Raum. So entstanden die engen Höfe der sprichwörtlichen Mietskasernen. Heinrich Zille, dessen Bilder und Zeichnungen dem Berliner "Milljöh" ein so kritisches wie sympathisches Denkmal setzten, soll gesagt haben: "Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt."

Ein Hinterhof in "Meyers Hof" in Berlin, 1932

„Man muß in die Höfe vordringen, man muß die blassen Kinder beobachten, die da herumlungern“: Die berüchtigten Meyer-Höfe in Berlin (1932).

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

In den Boomtowns von heute richtet sich die Miete häufig nach dem Bodenpreis, der die Baukosten leicht in den Schatten stellt. In der Gründerzeit war das umgekehrt: Die Renditeerwartungen der Investoren fielen so hoch aus, dass sie den Bodenpreis in die Höhe trieben. Der Effekt war derselbe: Vielen Menschen fehlte das Geld zu einer bezahlbaren Bleibe. Von Hunderttausenden Wohnungen der Mietskasernen Berlins hatten mehr als zwei Drittel nur ein oder zwei Zimmer, bewohnt von kinderreichen Familien.

Der Dreher Moritz Bromme berichtete 1895, wie es in seiner winzigen Unterkunft zuging, nachdem seine Frau nach der Geburt des dritten Kindes nicht mehr zur Arbeit gehen konnte: "Jetzt waren wir zu fünfen. Die Hedwig schlief beim Schwiegervater im Bett, von den beiden anderen Kindern je eins bei Vater und Mutter. So brauchten wir wenigstens kein neues Bett anzuschaffen. Doch geschehen mußte auch das einmal, und so wurden die Aussichten für die Zukunft immer schwärzer, die Frau immer mißmutiger."

Sogar jenen, die nicht in diesen Hotspots der Wohnungskrise leben mussten, schauderte es. Der Industrielle und spätere Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, schilderte die Veränderung aus Sicht des gutbürgerlichen Berliner Westens auf die "Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt und die vielleicht die größte der Welt ist. Nach Süden, Norden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme, sie umklammert den Westen mit Eisenzähnen".

Verschärfend kam hinzu: Staatlicher Sozialwohnungsbau und Genossenschaftsmodelle waren vor dem Ersten Weltkrieg die rare Ausnahme. 1904 hatten deutsche Baugenossenschaften gerade einmal 105 000 Wohnungen errichtet, die noch dazu für arme Mieter unerschwinglich waren. In den Arbeitervierteln herrschte vor allem anfangs ein Elend, das dem in heutigen Armensiedlungen der Dritten Welt nicht nachstand. Die Zustände führten sogar zu einer speziellen Form der Kritik an der Großstadt, die Intellektuelle zugleich faszinierte und abstieß. Auf der politischen Rechten aber verstärkte sich der romantisierende Mythos von der heilen Welt der Vergangenheit.

Klügere Unternehmer und Politiker erkannten den sozialen Sprengstoff, der sich hier entzünden konnte; in der Tat waren dieselben Viertel schon um 1900 Orte einer sozialdemokratischen Parallelwelt zur kaiserlichen Klassengesellschaft geworden und machten den Herrschenden immer größere Sorgen. Hier erwuchs auch Widerstand, der bei allen Unterschieden nicht unvertraut anmutet: Protestaktionen der Mieter, häufig von den Frauen der Arbeiter organisiert; Mietboykotte und Formen subversiven Widerstands. Nicht selten verschwanden Familien über Nacht und ließen nichts zurück außer einem verwohnten Zimmer und Mietschulden. Der Historiker Friedrich Lenger ("Metropolen der Moderne") überliefert eine Szene, in der ein Polizeispitzel in einer Hamburger Eckkneipe Gästen lauscht, die befriedigt feststellen, "dass es eine Schande ist, daß man das schwere Geld den Hauswirten hinterherwerfen muß und es gar nicht schade ist, wenn diese Leute betrogen werden".

"Eine Schande, wenn man das schwere Geld den Hauswirten hinterherwerfen muß."

In dieser Zeit, 1906, gründete Margarethe Krupp, treuhänderische Leiterin des Riesenkonzerns Krupp, in Essen eine Mustersiedlung: "Aus Anlass der Vermählung meiner Tochter Bertha will ich eine Stiftung errichten, die vor allem der Wohnungsfürsorge der minderbemittelten Klassen dienen soll." Die Siedlung Margarethenhöhe gibt es noch, ein denkmalgeschütztes Juwel des Städtebaus. Bis heute steht es für eine menschenfreundliche Architektur, die sich an Licht, Luft und Grün orientiert statt an Profitmaximierung.

Zirkusspiel im Hinterhof / Zille

So liebevoll wie sozialkritisch zeichnete Heinrich Zille das Leben in den Mietskasernen (Zirkusspiel, um 1922).

(Foto: akg-images)

Die Stifterin besaß ein soziales Gewissen, keine Frage; vor allem aber sollten solche Wohltaten, ähnlich der Bismarckschen Sozialgesetzgebung einige Jahrzehnte zuvor, die Arbeiterschaft besänftigen. "A hungry mob is an angry mob", diese Weisheit des Reggaesängers Bob Marley galt auch damals, und nirgendwo war das Unrecht eines ausbeuterischen Systems so augenfällig wie in der Wohnfrage: hier das Prekariat oder besser Proletariat in finsteren Behausungen, dort die eleganten Wohnhäuser der Bürger und die Villen und Landsitze der Oberschichten.

Der Staat als Korrektiv des Mietwuchers trat eigentlich erst nach der Zeitenwende von 1918 in Erscheinung. Der Obrigkeitsstaat war gefallen, in den Großstädten gaben oft Sozialdemokraten den Ton an; es begann nun die Blüte der Genossenschaftssiedlungen und Arbeiterhöfe, die noch heute, sofern sie den Bombennächten und dem Abrisswahn des Betonzeitalters entgingen, das Bild der alten Vorstädte bestimmen, am schönsten und eindrucksvollsten sicherlich in Wien. Das "Neue Bauen" war auch die Inszenierung einer neuen und besseren Zeit; nur war sie 1933 bereits vorüber, kaum dass sie begonnen hatte.

Die Bundesrepublik setzte aufgrund der Kriegszerstörungen den Sozialwohnungsbau fort, leider eher ohne den Schönheitssinn der Zwanzigerjahre. Im sozialistischen Osten entstand der Plattenbau, während die Altstädte verfielen; im Westen wuchsen die Türme der "Wohnsilos" wie München-Neuperlach oder Köln-Chorweiler in den Himmel, manche davon sind heute soziale Brennpunkte. Der soziale Wohnungsbau war in der Bundesrepublik bis in die Achtzigerjahre hinein lebendig, er sollte eine soziale Balance zwischen privaten und öffentlichen Vermietern schaffen. Doch das ist vorüber - die Privatisierungswellen haben den öffentlichen Wohnungsbestand von 3,9 Millionen 1987 auf knapp 1,2 Millionen sinken lassen.

Um so drängender erscheint die Frage, wie wirksam Artikel 14 des Grundgesetzes ("Eigentum verpflichtet") auf einem weitgehend privatisierten Markt noch ist, wenn bezahlbarer Wohnraum in den Metropolen zur Seltenheit wird. Artikel 15, auf den sich Jusochef Kevin Kühnert bezieht, ermöglicht Enteignungen - das Problem ist nur: Wer bezahlt den Eigentümern die vielen Milliarden Euro Entschädigung, die das Grundgesetz in einem solchen Fall verlangt? Friedrich Engels musste solche Bedenken nicht haben. Er forderte als Mittel gegen die Wohnungsnot fürs Erste die "Expropriation der heutigen Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten Arbeitern". Vielleicht sollte Kevin Kühnert seinen Engels zur Hand nehmen. Mal sehen, auf welche Ideen er noch kommt.