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Verhütung:Die natürliche Methode

Die natürliche Methode

Die Idee ist uralt: Höre auf deinen Körper, dann verrät er dir, ob du fruchtbar bist oder nicht. Lange Zeit galten Temperaturkurven als Verhütungsstrategie von Ökotanten. Inzwischen sind Achtsamkeit und Körperkontrolle angesagt. Auch Bloggerin Maggie empfiehlt, auf natürliche Art zu verhüten.

Sicherstes Mittel unter den natürlichen Varianten ist die symptothermale Methode. Dazu muss man jeden Morgen seine Temperatur messen und den Schleim, den die Gebärmutter absondert, beobachten. Einige Tage vor dem Eisprung wird der Schleim nämlich flüssiger, um den Spermien das Durchkommen zu erleichtern. Die Körpertemperatur steigt nach dem Eisprung um 0,2 bis 0,5 Grad. Drei Tage später kann die Frau für den Rest des Zyklus nicht mehr schwanger werden. Wer beide Körperzeichen täglich auswertet, kann präzise die fruchtbaren Tage bestimmen. Die Methode wurde bereits Mitte der 80er-Jahre in einer international anerkannten Studie wissenschaftlich untersucht. Korrekt angewendet - und wenn man an den fruchtbaren Tagen enthaltsam bleibt - sei sie sehr sicher, sagt der ehemalige Professor für Frauenheilkunde der Universität Düsseldorf Günter Freundl, der damals die Studie leitete. Wer aber an den fruchtbaren Tagen mit Kondom verhütet, nimmt dessen geringere Sicherheit in Kauf.

Die Apps

Es gibt jede Menge Apps, die Frauen dabei helfen wollen, die fruchtbaren Tage zu bestimmen. Doch Vorsicht: Sie funktionieren sehr unterschiedlich. Wer sicher verhüten will, sollte sich nicht auf Apps wie Clue, Mein Menstruationskalender oder Woman-Log-Pro verlassen, da dies nur Zyklustagebücher sind, warnt Fruchtbarkeitsexperte Freundl. Diese Apps errechnen die fruchtbaren Tage nach dem Kalender, das heißt, sie fragen Monat für Monat vor allem, an welchen Tagen eine Frau ihre Periode hatte. Ausgehend von einem idealtypischen Zyklus orakeln sie dann den nächsten Eisprung. Bessere Apps berücksichtigen auch Temperatur und Schleim. Die beste App für die symptothermale Methode sei My NFP, findet Bloggerin Maggie, aber auch die empfiehlt sie nur, wenn die Frauen wirklich gelernt haben, ihren Körper zu lesen. Auch Freundl hält My NFP für gut programmiert. Ähnlich funktioniert Ladycyle. Insgesamt fehle es aber an Studien. Bislang habe noch keine App in einer prospektiven Studie den Beweis erbracht, dass sie sicher sei.

Die symptothermale Methode funktioniert besonders gut für Frauen, die ihren Körper schon eine Weile beobachtet haben, etwa weil sie versucht haben, schwanger zu werden. Alle anderen sollten üben. Pro Familia empfiehlt drei bis vier Monate Probelauf. Die Autorin Sabine Kray sieht darin besonders für junge Frauen eine Chance, den eigenen Körper besser kennenzulernen und ein positiveres Verhältnis zu ihm zu entwickeln. Rund um den Eisprung gebe es ein Feuerwerk von stimulierenden Hormonen. Wer das weiß und spürt, kann sich darauf einstellen.

Die Verhütungscomputer

Das Risiko der natürlichen Verhütung ist klar: Einmal beim Ausfüllen der Temperaturkurve verhauen und schon wird es gefährlich. Noch dazu machen Messfehler die Methode ungenau. Hier kann Technik helfen: Es gibt Zykluscomputer wie My Way oder Daysy, die die Temperatur direkt auswerten. My Way ist in etwa so groß wie ein Smartphone. Es hat ein Mini-Thermomete, mit dem man morgens die Temperatur bestimmen kann. Bei Daysy ist der ganze Computer nur noch so groß wie ein zu dick geratenes Thermometer. Auch hier wird unter der Zunge gemessen; zusätzlich werden die Tage der Periode per Knopfdruck bestätigt, und dann gibt es grünes (oder eben rotes) Licht für die nächsten 24 Stunden. Die Verhütungscomputer berücksichtigen aber nicht den Schleim, was sie aus Sicht von Petra Frank Herrmann, Expertin für natürliche Verhütung der Uniklinik Heidelberg, weniger sicher macht.

Verhütungsspielzeug

Die wachsende Verhütungsindustrie hat noch mehr im Programm. Der Gesundheitsmarkt zeigt, wo es hingeht: Dort gibt es Armbänder und Uhren, die alle möglichen Daten erfassen: Wie hoch ist der Blutdruck? Hat man genug geschlafen und wie viele Kalorien wurden verbrannt? Warum sollten solche Armbänder Frauen nicht auch sagen, wie sie am besten ihr Liebesleben planen? Ideen dafür gibt es: Die Schweizerin Lea von Bidder hat mit ihrem Team ein Armband entwickelt, das die fruchtbaren Tage einer Frau bestimmt. Es heißt Ava, sieht aus wie ein Fitnessarmband und ist seit Neuestem auch in Deutschland zu haben. Ava muss man nachts tragen, um den Zeitpunkt der niedrigsten Körpertemperatur einzufangen. Es misst aber noch andere Körperfunktionen, die bei der Ermittlung der fruchtbaren Tage helfen sollen, die Herzfrequenz etwa oder den Ruhepuls. Ob die vielen Daten zusätzlichen Nutzen bei der Verhütung bringen, sei noch nicht bewiesen, sagt Gynäkologin Frank-Herrmann. Solche Beweise fehlen auch für eine weitere Erfindung: Trackle, ein Temperaturmessgerät, das man sich nachts in die Scheide einführen soll. Total praktisch findet Entwicklerin Katrin Reuter ihren digitalen Tampon, eben weil man dann morgens nicht zwischen Kindern mit dem Thermometer hantieren muss. Angst vor Überwachung und Hackern sollte man aber auch nicht haben, sonst könnte einem der Trackle in der Scheide womöglich den Schlaf rauben. Er sitzt dort und misst die ganze Nacht, bis er die niedrigste Temperatur eingefangen hat, die er dann wireless aufs Handy überträgt.

Diaphragma

Wer zu viel Technik im und um den Körper fürchtet, der landet doch wieder bei den ganz alten Verhütungsmethoden. Bei der Spirale oder beim Diaphragma, quasi dem Kondom für die Frau. Es ist ein Ring, an dem eine Plastikfolie aufgespannt ist. Das Diaphragma bedeckt den Muttermund und versperrt den Zugang zur Gebärmutter. Es verhütet aber nur dann wirksam, wenn es gut sitzt. Da Frauen es vor dem Geschlechtsverkehr selbst einführen müssen, brauchen sie ein gutes Körpergefühl, sagen Frauenärzte. Das Diaphragma ist also ein Fall für die äußerst Körperachtsamen, zum Beispiel für Nutzerinnen der Menstruationstasse (einem wiederverwertbarem Tampongefäß), die man auch mit einer bestimmten Technik einführen muss.

Kupferspirale und Kupferkette

Kupfer macht die Spermien unbeweglich und wirkt auf die Gebärmutterschleimhaut. Die Kupferspirale - ein T-förmiges, mit Kupferdraht umwickeltes Stück Kunststoff, das in die Gebärmutter eingesetzt wird - verhindert Schwangerschaften damit zuverlässig und ganz ohne Hormone. Trotzdem wird sie in Deutschland nur von wenigen Frauen getragen - auch weil sie mit stärkeren Blutungen einhergeht als die Hormonspirale. Außerdem steht sie im Ruf, nur ein Verhütungsmittel für Frauen zu sein, die bereits Kinder haben. Zu Unrecht findet Jutta Pliefke, die als Gynäkologin für Pro Familia arbeitet. Kupferspiralen würden in der Größe angepasst. Für ganz junge Frauen gebe es zudem die Kupferkette, die aus kleinen, auf einen Nylonfaden aufgezogenen Kupferperlen besteht. Doch das Einsetzen einer Spirale ist teuer und die Krankenkassen zahlen Verhütungsmittel nur bis zum 20. Lebensjahr. Auch Ärzte setzen sich eher selten für das Kupfermodell ein - der Eingriff sei für sie bei Frauen unter 20 Jahren wenig lukrativ, so Pliefke.

Der Mann

Bleibt die Frage nach den Männern. Geforscht wird an einem Verhütungsgel, das dafür sorgt, dass zwar Samenflüssigkeit austritt, die Samenzellen selbst aber im Hoden bleiben. An Affen ist das bereits getestet worden. Ob es eine wirksame und sichere Verhütungsmethode für den Mann sein kann, ist noch unklar. Und dann gab es im vergangenen Jahr die Geschichte eines Tischlers, der ein Ventil gebaut hat, um seine Samenleiter bei Bedarf zu verschließen; ein Arzt hat ihm das sogar eingesetzt. Ernstgenommen wird diese Idee jedoch nicht, sondern als kurioses Phänomen auf der Suche nach modernen Verhütungsmethoden ins Feld geführt. Vielleicht aber könnte auch der Mann ja mal eine Weile Hormone schlucken, wenn die Frau nicht mehr mag? Forschung dazu gibt es seit Langem. Diese Studien wurden aber immer wieder abgebrochen - wegen der Nebenwirkungen.

© SZ vom 04.11.2017/ick
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