Vergnügungssteuer für Tantra-Massage:Was man im Bordell nicht bekommt

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martina weiser, Tantra-Masseurin

Martina Weiser, Tantra-Masseurin und Inhaberin des Massage-Instituts "Ananda".

(Foto: privat)

Ein wichtiger Faktor in Ihrer Arbeit ist Zeit - eine Massage dauert mindestens eineinhalb Stunden, manchmal bis zu vier. Was kriegen ihre Kunden sonst noch, was sie in einem Bordell nicht bekommen?

Eine sinnliche Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Sexualität, ohne die Fixierung auf den Orgasmus. Aber auch Orientierungshilfe. Es liegt in der Natur der Sache, es macht Sinn, bei sich selber, am eigenen Körper, damit anzufangen und dann die Interaktion mit dem Partner weiterzuentwickeln. Dafür ist Tantra gedacht. Im sexuellen Bereich hat man sonst kaum Anlaufstellen, wo man auch mal konkrete Fragen stellen oder ausprobieren kann, wie sich etwas anfühlt - etwa: Wie kann ich einen Orgasmus haben, wie fühlt sich eine Prostata-Massage an, wie gehe ich damit um, wenn ich zu früh komme, wenn die Erektion nachlässt.

Haben wir in der heutigen Zeit nicht genug Möglichkeiten, uns diese Informationen zu beschaffen?

Wir leben in einer Zeit sexueller Freiheit, wir haben Zugang zu Informationen im Überfluss. Viele Menschen fühlen sich dadurch aber eher verunsichert und haben das Bedürfnis, sich erklären zu lassen, wie es wirklich funktioniert. Ein Porno ist keine realistische Handlungsanweisung, da läuft alles perfekt: schneller, mechanischer Sex. Das sind unrealistische Vorbilder. Gerade junge Menschen lassen sich davon leicht verunsichern. Auch ich habe als junges Mädchen geglaubt, dass etwas mit mir nicht stimmt, wenn ich nicht durch Penetration zum Orgasmus kam. Irgendwann erkennt man, dass die Wirklichkeit anders aussieht und möchte schönen, realen Sex erleben. Doch wo geht man hin, um Antwort zu bekommen?

Vielleicht zu einem Arzt oder einer Ärztin meines Vertrauens?

Wenn ich Klavier lernen möchte, brauche ich einen fähigen Lehrer und einen Ort, an dem ich darauf spielen darf, es anfassen darf - und an dem auch Reaktionen Raum haben dürfen. Wo es in Ordnung ist, wenn etwas nicht funktioniert oder spontan Lust aufkommt. Ärzten und Psychotherapeuten ist es berufsrechtlich verboten, intime und sexuell stimulierende Berührungen anzuwenden - und das ist auch gut so, weil sie dafür nicht ausgebildet wurden und es sie massiv überfordern würde.

Sie bieten also eine Art Liebesdienst mit ganzheitlichem Ansatz auf Wellness-Niveau?

Sagen wir mal so: Es gibt Gourmet - und es gibt Currywurst. Einige unserer Kunden kannten zuvor nur Prostitution und entdeckten dann uns. Sie merken: Das tut mir gut, entspannt mich mehr und hat einen anderen Einfluss auf mich. Es ist aber nicht immer nur Vergnügen, mitunter kommen auch Anspannungen zum Vorschein. Bei Menschen, die lange nicht mehr berührt wurden oder kein erfülltes Sexualleben haben, löst sich manchmal eine Blockade und es fließen Tränen.

In einem Punkt muss sich der Kunde umstellen: Während der Massage darf - und muss - er absolut passiv bleiben. Fällt das manchen Menschen schwer?

Der Gedanke, der dahinter steht, ist: Ich bin vielleicht weder jung noch schön, aber ich fühle mich trotzdem gut. Ich muss nichts dafür tun und kann mich vollkommen hingeben. Diese Hingabe ist für die meisten Besucher gerade beim ersten Mal sehr ungewohnt, da helfen unsere klaren Strukturen und Rituale. Vor allem Männer sind es nicht gewohnt, aus der Macherrolle auszutreten, in der Tantra-Massage sind sie in der passiven, empfangenden Rolle. In diesem Punkt unterscheiden wir uns von der sexuellen Dienstleistung: Man darf sich nicht bedienen an der Masseurin. Spürt der Kunde etwa ihre Brust in seiner Hand, so wäre es absolut unangebracht, zuzugreifen.

Auf die Idee wäre ich jetzt nicht von alleine gekommen.

Deshalb werden vorab Regeln aufgestellt. Wenn jemand immer wieder zurechtgewiesen werden muss, seziert er sich selbst. Dann wird die Massage entsprechend modifiziert.

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