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Vergnügungssteuer für Tantra-Massage:"Hier geht es um sexuelle Kultur"

Lesezeit: 5 min

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg beschäftigt sich derzeit mit der Frage: Sind Tantra-Massagen sexuelle Dienstleistungen und damit vergnügungssteuerpflichtig? Die Inhaberin eines Massage-Institus in Köln findet: nein. Ein Gespräch über den Versuch, Körperarbeit zu kategorisieren.

Von Violetta Simon

Sind Tantra-Massagen sexuelle Dienstleistungen und damit vergnügungssteuerpflichtig? Diese Frage klärt derzeit der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. Die Inhaberin einer Massagepraxis hatte gegen die Stadt Stuttgart geklagt, nachdem diese sie zur Zahlung der Abgabe aufgefordert hatte. Im November 2013 urteilte das Stuttgarter Verwaltungsgericht in erster Instanz, dass es sich bei einer Tantra-Massage zwar nicht um Prostitution im Sinne des Prostitutionsgesetzes handelt. Vergnügungssteuer müsse die Masseurin dennoch zahlen, so das Gericht. Die Frau hat nun Berufung eingelegt.

Martina Weiser ist Tantra-Masseurin und Inhaberin der tantrischen Massagepraxis "Ananda" in Köln, dem größten Institut für diese Art der sinnlichen Ganzkörpermassage in Deutschland. Nach ihrem Psychologiestudium erlernte sie neben diverser Massagetechniken auch Körperarbeit, Bonding und Atemtherapie und eignete sich taoistisches und schamanische Wissen über Sexualität an. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erläutert die Mitbegründerin des Tantramassage-Verbandes, warum Tantra-Massage keine sexuelle Dienstleistung sei, sondern Kunst.

Süddeutsche.de: Es ist für Sie vermutlich nicht einfach, auf einer Party die Frage "Und, was machst du so?" zu beantworten. Wie würden Sie Ihre Tätigkeit in einem Satz beschreiben?

Martina Weiser: Das kommt darauf an, in welchem Umfeld ich mich bewege und ob ich nur ein oberflächliches Gespräch führen will. Manchmal sage ich, ich habe eine Wellness-Massagepraxis. Wenn ich merke, jemand ist offen dafür, sage ich, dass ich eine Tantra-Massagepraxis habe. Als Berufsbezeichnung gefällt mir am ehesten Berührungskünstlerin. Tantra-Massage ist eine Kunst. Ein Kunsthappening mit einem Zuschauer, der nicht nur sieht, sondern auch fühlt.

In Ihrer Massage-Praxis bieten Sie sinnliche Ganzkörpermassagen für Frauen, Männer und Paare an, die auch den Intimbereich mit einbeziehen - bis hin zum Orgasmus. Dennoch bezeichnen Sie ihre Einrichtung als Institut und wollen nicht als Bordell verstanden werden. Wo genau sehen Sie sich?

Glauben Sie mir, seit ich in diesem Bereich arbeite, bin ich damit beschäftigt, eine passende Kategorie dafür zu finden. Eigentlich bildet Tantra eine eigene, neue Kategorie zwischen Sexarbeit und Wellnessbranche. Die Tantra-Massage ist eine intensive Körperarbeit. Wir bedienen das Wohlgefühl, aber auch den Gesundheitsaspekt. Dennoch gehört sie weder in die Medizin, wo Berührungen ja asexuell sind, noch in die Erotiksparte im Rotlichtmilieu - auch wenn ich Sexarbeiter als Kollegen betrachte.

Und dennoch ist die Tantra-Massage keine sexuelle Dienstleistung?

In gewissem Sinne handelt es sich um eine Dienstleistung, für die wir ja auch Geld nehmen. Wir wollen das nicht künstlich ausklammern. Der Unterschied ist: Es dreht sich nicht vordergründig um Sex, sondern um den ganzen Körper. Da spielen sich vielleicht zehn bis 20 Prozent im Intimbereich ab. Es gibt Gespräche, Berührungen, die Masseurin ist unbekleidet, massiert den Kunden mit ihren Händen. So begegnen sich beide auf Augenhöhe und müssen sich aufeinander einlassen. Wenn es mir nur um sexuelle Triebabfuhr geht, gehe ich woanders hin - 50 Euro, eine halbe Stunde, und ich bin erleichtert. Dennoch wird die sexuelle Spannung nicht negiert, sie existiert schließlich. Wir sind Menschen, und Sex ist Bestandteil des Menschen. Er ist etwas schönes und natürliches, daher ist es wichtig, das anzunehmen.

Was bedeutet das Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts von 2013 für Sie, Tantra-Massagen als sexuelles Vergnügen und damit als steuerpflichtig einzustufen - fühlen Sie sich in die falsche Ecke gedrängt?

Genau das ist der Grund, warum wir hier aktiv sind und das so nicht stehen lassen wollen. Hier geht es um mehr als um die Grundsatzfrage "Ist das Rotlicht oder füllt das eine gesundheitliche Lücke?" Uns ist wichtig, das als Beruf zu sehen, der eine neue Kategorie bildet. Ich möchte nicht, dass unsere Arbeit auf sexuelles Vergnügen reduziert wird, das ist zu kurz gedacht. Hier geht es um eine sexuelle Kultur und um Wissen.

Was man im Bordell nicht bekommt

Ein wichtiger Faktor in Ihrer Arbeit ist Zeit - eine Massage dauert mindestens eineinhalb Stunden, manchmal bis zu vier. Was kriegen ihre Kunden sonst noch, was sie in einem Bordell nicht bekommen?

Eine sinnliche Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Sexualität, ohne die Fixierung auf den Orgasmus. Aber auch Orientierungshilfe. Es liegt in der Natur der Sache, es macht Sinn, bei sich selber, am eigenen Körper, damit anzufangen und dann die Interaktion mit dem Partner weiterzuentwickeln. Dafür ist Tantra gedacht. Im sexuellen Bereich hat man sonst kaum Anlaufstellen, wo man auch mal konkrete Fragen stellen oder ausprobieren kann, wie sich etwas anfühlt - etwa: Wie kann ich einen Orgasmus haben, wie fühlt sich eine Prostata-Massage an, wie gehe ich damit um, wenn ich zu früh komme, wenn die Erektion nachlässt.

Haben wir in der heutigen Zeit nicht genug Möglichkeiten, uns diese Informationen zu beschaffen?

Wir leben in einer Zeit sexueller Freiheit, wir haben Zugang zu Informationen im Überfluss. Viele Menschen fühlen sich dadurch aber eher verunsichert und haben das Bedürfnis, sich erklären zu lassen, wie es wirklich funktioniert. Ein Porno ist keine realistische Handlungsanweisung, da läuft alles perfekt: schneller, mechanischer Sex. Das sind unrealistische Vorbilder. Gerade junge Menschen lassen sich davon leicht verunsichern. Auch ich habe als junges Mädchen geglaubt, dass etwas mit mir nicht stimmt, wenn ich nicht durch Penetration zum Orgasmus kam. Irgendwann erkennt man, dass die Wirklichkeit anders aussieht und möchte schönen, realen Sex erleben. Doch wo geht man hin, um Antwort zu bekommen?

Vielleicht zu einem Arzt oder einer Ärztin meines Vertrauens?

Wenn ich Klavier lernen möchte, brauche ich einen fähigen Lehrer und einen Ort, an dem ich darauf spielen darf, es anfassen darf - und an dem auch Reaktionen Raum haben dürfen. Wo es in Ordnung ist, wenn etwas nicht funktioniert oder spontan Lust aufkommt. Ärzten und Psychotherapeuten ist es berufsrechtlich verboten, intime und sexuell stimulierende Berührungen anzuwenden - und das ist auch gut so, weil sie dafür nicht ausgebildet wurden und es sie massiv überfordern würde.

Sie bieten also eine Art Liebesdienst mit ganzheitlichem Ansatz auf Wellness-Niveau?

Sagen wir mal so: Es gibt Gourmet - und es gibt Currywurst. Einige unserer Kunden kannten zuvor nur Prostitution und entdeckten dann uns. Sie merken: Das tut mir gut, entspannt mich mehr und hat einen anderen Einfluss auf mich. Es ist aber nicht immer nur Vergnügen, mitunter kommen auch Anspannungen zum Vorschein. Bei Menschen, die lange nicht mehr berührt wurden oder kein erfülltes Sexualleben haben, löst sich manchmal eine Blockade und es fließen Tränen.

In einem Punkt muss sich der Kunde umstellen: Während der Massage darf - und muss - er absolut passiv bleiben. Fällt das manchen Menschen schwer?

Der Gedanke, der dahinter steht, ist: Ich bin vielleicht weder jung noch schön, aber ich fühle mich trotzdem gut. Ich muss nichts dafür tun und kann mich vollkommen hingeben. Diese Hingabe ist für die meisten Besucher gerade beim ersten Mal sehr ungewohnt, da helfen unsere klaren Strukturen und Rituale. Vor allem Männer sind es nicht gewohnt, aus der Macherrolle auszutreten, in der Tantra-Massage sind sie in der passiven, empfangenden Rolle. In diesem Punkt unterscheiden wir uns von der sexuellen Dienstleistung: Man darf sich nicht bedienen an der Masseurin. Spürt der Kunde etwa ihre Brust in seiner Hand, so wäre es absolut unangebracht, zuzugreifen.

Auf die Idee wäre ich jetzt nicht von alleine gekommen.

Deshalb werden vorab Regeln aufgestellt. Wenn jemand immer wieder zurechtgewiesen werden muss, seziert er sich selbst. Dann wird die Massage entsprechend modifiziert.

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