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Politischer Stil:Schauriger Schlussakkord

Peter Ustinov als Kaiser Neo beschließt Rom niederzubrennen

Ein katastrophaler Herrscher mit musischen Interessen: Kaiser Nero, gespielt von Peter Ustinov.

(Foto: imago stock/imago/United Archives)

Donald Trumps letzte Tage im Amt sind ein einziges Fiasko. Ein Blick in die Geschichte von Nero bis Kaiser Wilhelm II. zeigt: Unschöne Abgänge sind keine Seltenheit.

Von Joachim Käppner

In den allerletzten Tagen der Präsidentschaft Barack Obamas erschien in US-Zeitungen eine hübsche Karikatur: Der Garten des Weißen Hauses bei Nacht, aus dem Inneren des Gebäudes ertönt Gebrüll, es ist Donald Trump, der neue Präsident: "Die Codes! Wo sind die Codes?" Im Schatten stehen zwei Beamte in einer rasch geschaufelten Grube, vor sich eine Kiste mit den Codes für die Atomwaffen, und der eine sagt: "Wir müssen schneller graben."

Damals, im Januar 2017, war das Internet voll mit solchen Scherzen und Memes aller Art. Nun, da Trump als bislang letzte Untat das Land an den Rand eines neuen Bürgerkriegs getrieben hat, ist nur wenigen nach Lachen zumute. Die letzten Tage an der Macht liegen unter einem dunklen Schatten.

Fast könnte man an den römischen Kaiser Nero denken, der im Jahre 64 kurz vor dem Ende angeblich noch die Stadt Rom selbst in Brand setzen ließ und dazu die Laute schlug (so wie Trump, als er noch durfte, in die Welt hinaustwitterte). Zwar ist seine Schuld nicht verbürgt. Aber es ging nun rasch bergab, die letzten Getreuen wechselten die Seite oder rührten wenigstens keine Hand zu seiner Unterstützung, der Senat erklärte Nero für abgesetzt (nein, wir reden hier wirklich von Nero, nicht von Donald Trump, aber gewisse Ähnlichkeiten sind nicht zufällig). "Der feige Tyrann verkroch sich in ein Versteck", schrieb der große Altertumsgelehrte Theodor Mommsen, "erst als seine Entdeckung unvermeidlich war, tötete er sich selbst mit den Worten: Ach, welcher Künstler geht mit mir zugrunde!"

Trumps Ende - ein "Hauch von Shakespeare"

Hybris und Raserei, Narzissmus und Gewalt, Rachsucht und das maligne Bestreben, den Nachfolgenden das Regieren so schwer wie möglich zu machen: Der schaurige Schlussakkord der Trump'schen Präsidentschaft enthält alle Elemente jenes Irrsinns der letzten Tage, welcher die Nachwelt von je her fasziniert hat, der finale Akt eines großen Trauerspiels. Gern wird heute, in Anspielung auf Washington im Januar 2021, Shakespeares König Richard III. zitiert, der in der Nacht vor der Entscheidungsschlacht von Bosworth Field 1485 von den Geistern jener heimgesucht wird, die er ermordet hatte, und die ihm zuraunen: "Verzweifle und stirb." Trumps Ende, schreibt nun The Atlantic, "hat einen Hauch von Shakespeare".

Themenpaket - Hochzeit im Hause Hohenzollern

Mit Kaiser Wilhelm II. musste im Jahr 1918 der letzte Hohenzollern-Kaiser abdanken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trump hat dabei das Muster gescheiterter und an der Macht klebender Monarchen übernommen, die für ihren Fall alle möglichen inneren und äußeren Feinde verantwortlich machen, gewiss aber nicht sich selbst. Ihm sind die Demokraten und der Rechtsstaat nun das, was dem deutschen Kaiser Wilhelm II. im November 1918 die angeblichen Bolschewisten und Vaterlandsverräter waren, in Wahrheit Matrosen und Soldaten, die sein verhasstes Pickelhaubenregime zu Fall gebracht hatten. Sie wollten nicht länger als Kanonenfutter für einen sinnlosen und längst verlorenen Krieg dienen, in den Wilhelm II. die Welt maßgeblich mit hineingetrieben hatte. Am kalten Morgen des 10. November 1918 rumpelte sein Wagen Richtung Exil davon, das schmähliche Ende einer Monarchie.

Eine Art Krieg hat Trump zumindest auf den Straßen der eigenen Hauptstadt entzündet. Auch demokratisch gewählte Herrscher erweisen sich in ihren letzten Tagen mitunter als sehr schlechte Verlierer, wobei der scheidende US-Präsident jedes Ranking der Kunst, möglichst würdelos aus dem Amt zu gehen, weit anführen würde.

Andrew Johnson, der wie Trump nur knapp einem Impeachment entkommen war, ein würdeloser Mann, der aus rassistischen Motiven die eben erst im Bürgerkrieg errungene Befreiung der Schwarzen sabotierte, akzeptierte nie seine Wahlniederlage 1869 gegen den Nordstaaten-Helden und ehemaligen Heerführer Ulysses Grant. Die letzten Tage im Amt verbrachte Johnson damit, hässliche Bemerkungen über Grant zu schreiben ("ein Täuscher und Betrüger") und bis zur allerletzten Minute im Weißen Haus Papiere zu unterschreiben, als könne er so den Amtswechsel fernhalten. Vor der Amtseinführung des president-elect am Mittag des 4. März 1869 suchte Johnson per Kutsche das Weite, die Verkörperung eines Mannes, der dem Amt so wenig gewachsen war wie den charakterlichen Anforderungen, welche die Demokratie von Siegern wie Unterlegenen verlangt.

Herbert Hoover

Marschierte am Ende grußlos aus dem Weißen Haus: Herbert Hoover (1874 - 1964), 31. Präsident der USA.

(Foto: Hulton Archive/Getty Images)

Als Herbert Hoover, der Präsident, der die USA hilflos durch die Weltwirtschaftskrise taumeln ließ, im Januar 1933 seinem Nachfolger Franklin D. Roosevelt Platz machen musste, marschierte er grußlos aus dem Weißen Haus; in den Wochen zuvor hatte er versucht, noch möglichst viele Beschlüsse zu fällen, die dem Sieger das Regieren verleiden würden. Am Tag der Amtsübergabe saß er mit vor Widerwillen versteinertem Gesicht neben Roosevelt im offenen Wagen. Die New York Times schrieb: Während Washington den Moment mit Freude und Musik beging, habe die Verliererseite den Eindruck gemacht, "als befände sie sich in einer belagerten Stadt".

Letzteres wird, wenn auch auf ganz andere Weise, wohl auch der letzte Gruß Donald Trumps an die amerikanische Demokratie sein, wenn am 20. Januar Joe Biden vereidigt wird und es vorbei ist, endlich.

© SZ/chrm/vs
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