Serviceleistungen:Wie viel Trinkgeld soll man geben?

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Serviceleistungen: Zeichen der Wertschätzung: Auf die richtige Dosierung kommt es beim Trinkgeld an.

Zeichen der Wertschätzung: Auf die richtige Dosierung kommt es beim Trinkgeld an.

(Foto: Ilustration: Sylvia Neuner)

Restaurants, Lieferungen oder Taxifahrten: Immer wieder steht man vor der Frage nach dem angemessenen Trinkgeld. Über Fingerspitzengefühl, den Ruf der Deutschen und die feine Linie zwischen großzügig und gönnerhaft.

Essay von Christian Mayer

Wenn Amy Schumer in einem New Yorker Restaurant auftaucht, legen die Bedienungen gleich mal einen Zahn zu, denn die Komikerin gilt als legendär großzügig. Mal haut sie fünfhundert Dollar raus, ein anderes Mal tausend Dollar Trinkgeld, die Angestellte eines Matratzenladens bekam sogar eine persönliche Zuwendung von 2000 Dollar. Doch im Dezember 2021 erreichte Schumers Spendierfreude einen Höhepunkt, als sie gemeinsam mit einem Kollegen 30 000 Dollar Trinkgeld in einem Comedy-Club in Manhattan hinterließ, den Betrag sollten die Angestellten gerecht unter sich aufteilen. Schumer unterstützt die Kampagne "The Great American Tip Off", um den "hart arbeitenden Amerikanern, die uns jeden Tag bedienen, etwas mehr Liebe zu zeigen".

Natürlich kann man sich für alle Beteiligten herzlich freuen, vor allem für die Gewinner dieser privaten Glückslotterie, die Leute mit den Schürzen und den Tabletts. Bei Amy Schumer sitzt das Geld offenbar so locker, dass sie damit um sich werfen kann - wobei die Höhe des Trinkgeldes den Wert der Dienstleistung um ein Vielfaches überschreitet. Ein heikles Thema, denn Großzügigkeit schlägt leicht ins Gönnerhafte und ins Großkotzige um, wenn das Machtgefälle zwischen dem, der gibt, und dem, der nimmt, allzu grell ausgeleuchtet wird. Auf Fingerspitzengefühl kommt es eben auch an. Und auf die Art und Weise, wie man solche Schenkungen überreicht, eher dezent oder mit lautem Getöse, als Gratifikation oder als Almosen.

Über die Gegenseite, die der Trinkgeldempfänger, hat der Rapper Lukas Strobel, besser bekannt als Alligatoah, gerade einen Song geschrieben. Als er noch nicht genug mit seinen Auftritten verdiente, putzte der Musiker in einem Berliner Großkino Toiletten, riss die Karten ab und machte Popcorn für die Zuschauer. Dafür gab es manchmal Trinkgeld, "das hat mir richtig gutgetan". Zugleich kennt Alligatoah das bittere Gefühl, wenn die anderen einen nur noch als billige Servicekraft betrachten, die man mit ein paar Euro bei Laune halten kann. In seinem Lied "Nebenjob" erzählt Alligatoah, was ein Paketbote über seinen Kunden aus dem woken Berliner Milieu wirklich denkt, als er ihm die Ware, irgendein "dummes Shirt", im Treppenhaus überreicht: "Wahrscheinlich stört ihn der Geruch von meinen Körpersäften. Sicher sieht er all den Hass in meinem Servicelächeln. Er gibt das Trinkgeld mit extra lauten Soundeffekten. Weil es ihm hilft gegen die Angst in meiner Haut zu stecken."

Die Service-Knechte arbeiten sich noch atemloser an der Erfüllung der Wünsche ab

Man kann den Rap als Abrechnung mit der Liefergesellschaft verstehen, in der die einen immer mehr strampeln, während die anderen immer öfter in ihrer Komfortzone bleiben und nur kurz die Tür öffnen, um die neueste Bestellung in Empfang zu nehmen. Eine Gesellschaft, in der man sein Leben bequem vom Sofa aus steuern kann. Die Service-Knechte arbeiten sich unterdessen an der Erfüllung der Wünsche ab - seit Beginn der Pandemie noch atemloser und gehetzter. Zugleich zeigt sich hier, dass die Trinkgeldfrage in Zeiten wachsender Ungleichheit relevanter und dringlicher ist denn je.

Serviceleistungen: Der Rapper Alligatoah (hier im Bild) zeigt in seinem Song "Nebenjob", wie sich Paketboten fühlen.

Der Rapper Alligatoah (hier im Bild) zeigt in seinem Song "Nebenjob", wie sich Paketboten fühlen.

(Foto: Rotz & Wasser)

"Ich muss zugeben, ich habe bis vor ein, zwei Jahren auch nicht über mein Konsumverhalten nachgedacht. Aber jetzt gebe ich den Paketboten immer ein Trinkgeld, aus Prinzip", erzählt Alligatoah. Mit dem von ihm gestarteten Hashtag #GibTrinkgeld ruft der Musiker dazu auf, sich in die Lage all jener zu versetzen, die auf ein paar Euro extra angewiesen sind. Die Reaktionen im Netz: Jubel und Anerkennung bei Paketzustellern und Leuten aus dem Gastrogewerbe, aber auch kritische Bemerkungen von Usern: "Eigentlich sollte ein Job doch so gut bezahlt sein, dass man davon gut leben kann, und nicht auf die Spenden von Leuten angewiesen ist", schreibt einer.

Für welche Dienstleistungen wie viel Trinkgeld erwartet wird, das ist ein Knigge-Klassiker. Doch die Materie ist zuletzt immer komplizierter geworden: Gibt man den Paketboten jedes Mal zwei Euro oder nur, wenn man im vierten Stock wohnt? Drückt man das Geld dem Pizzalieferanten direkt in die Hand oder regelt man das über die App? Legt man der Putzfrau etwas hin oder ist mit dem vereinbarten Honorar eigentlich alles abgedeckt? Wer noch etwas weiter denkt, kommt rasch zu den Grundsatzfragen: Kann man mit freiwilligen Kleinbeträgen, die der Empfänger steuerfrei einstecken darf, soziale Unterschiede ausgleichen, ist das ein geeignetes Mittel der Umverteilung von oben nach unten? Oder verstärkt es sogar noch die bestehenden Verhältnisse, die man nur dann wirklich zum Besseren wenden könnte, wenn es in der Dienstleistungsbranche deutlich höhere Mindestlöhne gäbe?

Aus Sicht der Empfänger dürfte die Antwort klar sein: Lieber Cash als warme Worte. Üblich ist das laut einer im Dezember 2021 veröffentlichten Studie der WHU Otto Beisheim School of Management nicht unbedingt: Die Hälfte der Befragten gab an, einem Paketzusteller noch nie ein Trinkgeld gegeben zu haben.

Ein Anruf bei der Imagetrainerin und Betriebswirtin Imme Vogelsang. In ihren Seminaren lernen die Teilnehmer soziale Umgangsformen - man könnte auch sagen, sie werden getrimmt darin, Blamagen abzuwenden. Das Trinkgeldgeben sei fester Teil ihrer Veranstaltungen, mit Probelauf im Restaurant, sagt Vogelsang. Offenbar müssen angehende Führungskräfte erst noch lernen, wie das geht, eine Rechnung mit Grandezza und einem kleinen Bonus zu begleichen.

Vogelsang empfiehlt, die Kultur eines Landes und die ungeschriebenen Regeln einer Gesellschaft immer fest im Blick zu haben. In den USA sind mindestens 15 bis 20 Prozent Trinkgeld üblich, weil Servicekräfte oft ein geringes Grundgehalt bekommen. Wer zum Beispiel in Manhattan ein Mittelklasselokal besucht, sollte ein wenig auf Amy Schumer machen und ein für deutsche Verhältnisse fürstliches Trinkgeld geben - selbst wenn der Service und das Essen eher so lala sind. Andernfalls können einen die verächtlichen Blicke und beißenden Kommentare eines Großstadtkellners vor Scham erröten lassen. Eine solche Demütigung vor den Augen des gesamten Lokals oder auch nur in Anwesenheit der Partnerin sollte man sich besser ersparen. Ähnliches gilt auch für die von vielen Deutschen heiß geliebten Reisen auf Kreuzfahrtschiffen, wo man für Dienstleistungen im Bordrestaurant, beim Friseur oder beim Sporttrainer mindestens zehn Prozent auf den gelisteten Preis draufschlagen sollte. "Das Personal erwartet das, manche Reedereien schreiben das sogar explizit in ihre Handbücher", sagt Imme Vogelsang. Andere Reiseanbieter schlagen den Gästen lieber gleich eine Trinkgeldpauschale von acht bis 15 Euro pro Tag auf die Gesamtrechnung. Eine Maßnahme gegen Gäste, die einen Igel in der Tasche haben.

Manche Dienstleister reagieren durchaus sensibel auf herablassendes Verhalten

Der Historiker Winfried Speitkamp unternimmt in seinem Buch "Der Rest ist für Sie! Kleine Geschichte des Trinkgeldes" einen Ausflug in die Kulturgeschichte. Schon im Mittelalter gab es das Botenbrot für besondere Dienste. Vor allem mit der Zunahme des Reiseverkehrs und dem Aufstieg des Hotelgewerbes flossen immer öfter Trinkgelder, die im Englischen als tip bezeichnet wurden - ein Akronym für die Aufschrift "To Insure Promptitude", die auf Schalen in Londoner Gaststätten zu finden war. Wer auf sein Bier wartete, konnte mit einem Obolus die Bestellung beschleunigen. Vor allem in höfisch-hierarchischen Gesellschaften diente das Trinkgeld der sozialen Distinktion und dem Selbstbild des Gebenden - dabei galt es, Status und Ehre zu beachten, übrigens auch bei den Empfängern der Wohltaten, die durchaus sensibel auf herrisches und herablassendes Verhalten reagieren konnten.

In der Verfilmung des Thomas-Mann-Klassikers "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Detlev Buck gibt es eine einprägsame Trinkgeld-Szene. Die Geschichte spielt zwar im Fin de Siècle, aber die Konstellation hat sich im Grunde nicht geändert: Als potenzieller Spender steht man immer unter Beobachtung. Großartig, wie die Fabrikantengattin Madame Houpflé (passenderweise gespielt von der Medienunternehmergattin Maria Furtwängler) am Tag ihrer Abreise im Pariser Grand Hotel eine Parade von Bediensteten abnimmt und einen Sack Münzen verteilt, Liftboys, Zimmermädchen, Barkeeper, Kofferträger und Concierge stehen in einer Reihe und strecken ihre Hände aus. Nur der aufstrebende Felix Krull geht dieses eine Mal leer aus, da er es gewagt hat, sich dem Liebesdienst in der Suite von Madame Houpflé zu verweigern. Ein Akt der Bestrafung für mangelnde Leistungsbereitschaft im kapitalistischen System.

Das führt direkt zu der Frage, ob man mit der Höhe des Trinkgelds die Qualität der jeweiligen Tätigkeit bewerten soll. Eigentlich liegt das nahe, weil man ja ungerne Menschen belohnen möchte, die ihre Arbeit missgelaunt und unmotiviert machen. Trotzdem sollte man sich gut überlegen, ob man sich selbst zum Gutachter aufschwingen möchte. Der verspätete Pizzalieferant, die Taxifahrerin, die gerade eine falsche Abzweigung genommen hat, die Putzfrau, die beim Reinigen der Lampenschirme nicht immer genau hinschaut: Muss man Menschen wirklich jedes Mal nach einem subjektiven Sternesystem benoten, bevor man seinen Geldbeutel zückt oder per App noch zwei Euro zusätzlich auf die Rechnung schreibt?

Der Musiker Alligatoah versucht inzwischen, "radikal abgeklärt" Trinkgeld zu geben, meist etwa zehn Prozent, weil er es ablehnt, Dienstleister abzustrafen. "Ich will mich erst gar nicht auf dieses Spiel einlassen. Selbst dann nicht, wenn ich unfreundlich behandelt worden bin. Man weiß ja nie, was der andere für einen Tag hatte oder ob es Gründe für seinen Stress gibt." Das sieht der Gastro-Unternehmer und Berater Miguel Calero genauso, wenn man mit ihm über die Tücken des Themas spricht. Calero gibt prinzipiell immer Trinkgeld. Allein schon deshalb, weil es in vielen Restaurants üblich ist, dass Trinkgelder nicht nur an die jeweilige Bedienung fließen, sondern im gesamten Team gerecht aufgeteilt werden - "da würde man ja alle anderen mitbestrafen, wenn einer unfreundlich war".

In seiner Zeit als Restaurantleiter für das "Vendôme" im Bergisch Gladbacher Schlosshotel Bensberg und in der "Schwarzwaldstube" in Baiersbronn hat Calero viele Gäste aus unterschiedlichen Ländern kennengelernt. Er hält die Deutschen im Vergleich zu den Südeuropäern, aber auch zu Niederländern, Belgiern oder Dänen für "loyale" Trinkgeldgeber. Wie viel die Leute aber tatsächlich geben, das hänge von mehreren Faktoren ab. Etwa ob man gemeinsam mit Freunden am Tisch sitzt, bei denen man keinesfalls als knausrig gelten will. Auch die Höhe der Summe hat Einfluss auf das Trinkgeld: Je kleiner der Betrag, desto größer der Prozentsatz, lautet die Faustregel. Der Cafébesitzer kann damit rechnen, dass seine Gäste von 8 Euro 70 auf zehn aufrunden, bei Gemeinschaftsrechnungen im Sternelokal sind solche Sprünge unüblich. "Da geht es dann mal von 960 auf 1000 Euro - nicht ganz unverständlich, wenn man eh schon so viel zahlt", sagt Calero.

Trinkgeld kann auch eine subtile Art der Bestechung sein - oder ein Zeichen von Liebe

Ein weiteres Kriterium ist die emotionale Bindung zum Personal, das man für treue Dienste belohnen möchte, etwa um jederzeit einen guten Platz zu bekommen. Trinkgeld als subtile Art der Bestechung. Und manchmal auch als Zeichen echter Zuneigung, bisweilen sogar Liebe. Der Münchner Friseur Stefan Pauli kann als Chef in seinem Salon im Luitpoldblock kein Trinkgeld erwarten, weil es nicht üblich ist, dem Inhaber eine zusätzliche Belohnung zukommen zu lassen. Dafür ist ein älterer Kollege aus seinem Team bei der Stammkundschaft außerordentlich beliebt und daher unangefochtener Trinkgeldkönig. Manche Damen erscheinen jede Woche, sie haben den richtigen Schein für ihren Reinhard schon im Geldbeutel. Seit vielen Jahren geht das so, man plaudert über das britische Königshaus, ganz nebenbei kommen die Haare in Form. Solche Kundenpflege zahlt sich dann eben aus.

Und schließlich gibt es noch den Faktor Imponiergehabe. Dass Wichtigtuer mit frisch gedruckten Hunderter-Scheinen herumwedeln, soll gelegentlich noch vorkommen, auch wenn heute viele Gäste dezent mit der Karte bezahlen. Wer sich nach Art des Generaldirektors Haffenloher aus der Fernsehserie von Helmut Dietl verhält ("Ich scheiß dich zu mit meinem Geld"), sende seinem Gegenüber, sagt der Gastro-Profi Miguel Calero, ein klares Signal: Wir beide sind überhaupt nicht auf Augenhöhe. Den kunstvoll zusammengefalteten großen Schein, den ihm ein Gast einmal mit einem mafiösen Handschlag überreichte, hat er daher gleich im Restaurant genauso kunstvoll wieder auseinandergefaltet, um ihn dann der Gemeinschaftskasse zuzuführen. Eine Lektion in Demut. "Danach hat der Gast sein Trinkgeld immer dezent in die Mappe gelegt."

Die Unterhaltungsgranate und Unterstützerin der Arbeiterklasse Amy Schumer würde sich wahrscheinlich lustig machen über solche Skrupel. Und mal eben fett aufrunden bei der Rechnung. Macht ja auch so viel Spaß.

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