Transsexualität:Frau sein ist mühsam

Lesezeit: 2 min

Jane Thomas, CSU, war früher mal ein Mann. Transgender, Transsexuell. Fotografiert in ihrer Wohnung

Jane Thomas, CSU, war früher mal ein Mann.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Jane Thomas war früher ein Mann. Dann ließ sie sich umoperieren und trat in die CSU ein - ausgerechnet. Die Geschichte einer Wandlung.

Von Gianna Niewel

In der Grundschule hatte er nur ein Ziel: er wünschte sich Puppen. Er bekam Spielzeugautos. Er schlüpfte in die Kleider seiner Mutter, er schleppte sie über den Flur, wenn sonst niemand Zuhause war. Ihn sollte niemand sehen. James Thomas war doch ein Junge.

Jahre später entscheidet sich James Thomas, sein Geschlecht angleichen zu lassen. Jane Thomas ist nun eine Frau. Sie sagt: Ich hab' doch nur ein Leben. Und in dem näht sie sich die Kleider, die ihr in Modezeitschriften gefallen, sie trägt sie, wenn sie nach München fährt oder Berlin. Zuhause, in Escherndorf, 349 Einwohner, traut sich die 64-Jährige nicht, oder nicht richtig. Sie will nicht angestarrt werden, weil Blicke oft lauter sind als das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand.

Nach ihrer OP ist Jane Thomas, evangelisch, in die CSU eingetreten. Ausgerechnet, möchte man sagen, steht doch kaum eine Partei für eine so konservative Politik. Passt, sagt Jane Thomas, sie selbst glaubt ja auch an die Ehe, an gute Bildung, daran, dass Kinder von zwei Menschen erzogen werden sollten. Und überhaupt: Die CSU, sagt sie, ist doch eine Volkspartei, christlich und sozial. Eine Volkspartei muss das Volk abbilden, also auch Transsexuelle. Jane Thomas sagt: "Menschen wie mich". Sie engagiert sich in elf Projektgruppen.

Bei der Lesben- und Schwulenunion mag sie bekannt sein, in der Seniorenunion und dem Evangelischen Arbeitskreis auch. Schwierig wird es für sie oft, wenn sie Fremden begegnet. Wenn die fragen, was sie ist - an sich ja schon eine dämliche Frage - und sie nur sagt: "die Annäherung an eine weibliche Person". Dabei will sie es den anderen leichtmachen, sie will sie nicht provozieren, in dem sie sagt "eine Frau", wo doch die Bluse spannt um die breiten Schultern. Sie sagt, es reiche ihr, akzeptiert zu werden.

Akzeptieren, das scheint ein warmes Wort zu sein, Wertschätzung schwingt darin mit. Akzeptieren, das ist ein kalter Begriff. Wer will wertgeschätzt werden, wenn er gemocht werden könnte?

Es mag in die Köpfe der Menschen gesickert sein, dass Frauen sich mit Frauen verpartnern können und Männer mit Männern und dass es, jetzt mal im Ernst, auch vollkommen egal ist, wen man liebt. Aber dass ein Mann sich fühlt wie eine Frau oder umgekehrt? Dass dieses Gefühl einen Menschen zermürben kann, ihn verzweifeln lässt? Das zu verstehen sei immer noch zu viel verlangt, sagt Jane Thomas.

Und so ist ihre Geschichte nicht nur die Geschichte vom Suchen und Finden. Es geht auch darum, wie viele innere Widersprüche ein Mensch aushalten kann.

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