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Tagebuch aus Japan:"Vielen hat der Tsunami alles genommen"

Wie lebt man mit der Angst vor der Atomkatastrophe? Wie gehen die Menschen im Erdbebengebiet mit den Folgen des Tsunamis um? sueddeutsche.de dokumentiert in einem Tagebuch, wie Japaner das Desaster erleben.

Japan kämpft gegen die nukleare Katastrophe von Fukushima an. Viele Menschen sind ausgeflogen oder in andere Landesteile geflohen - wie gehen sie mit der Gefahr und der Angst um? Japaner und Deutsche schildern auf sueddeutsche.de ihre Eindrücke und ihren Alltag.

Sendai liegt im Nordosten Japans, 130 Kilometer vom Epizentrum des verheerenden Erdbebens entfernt. Die Stadt wurde vom Tsunami stark verwüstet, viele Menschen leben derzeit in Notunterkünften.

(Foto: AP)

Sho Iwamoto lebt und arbeitet in Sendai - die japanische Küstenstadt liegt 130 Kilometer vom Epizentrum des schweren Erdbebens entfernt und wurde vom Tsunami schwer getroffen. Noch immer sind die Menschen dort weit entfernt von einer Normalisierung des Alltags. Eintrag vom 6.4.2011

Die Erinnerung an das Erdbeben und die Folgen werde ich wohl mein ganzes Leben nicht vergessen, ich war gerade im siebten Stock meines Bürohauses und plötzlich bebte die Erde so lang und so stark wie nie zuvor. Dann rannte ich nach draußen auf die Straße und schon bald wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

Fast vier Wochen ist es jetzt her, dass die riesige Flutwelle in Sendai auf die Küste traf, seitdem ist hier nichts mehr, wie es einmal war. Viele Menschen im Ort hat es sehr hart getroffen, besonders jene, die nah am Wasser gewohnt haben. Die Häuser sind zerstört, Hab und Gut sind verschüttet, der Tsunami hat ihnen alles genommen. Im Moment sind diese Menschen in der Turnhalle der örtlichen Schule untergekommen, doch diese Notunterkunft ist keine Dauerlösung.

Mein Haus und mein Büro sind glücklicherweise in der Innenstadt von Sendai und daher größenteils vom Tsunami verschont geblieben, so dass ich nach wie vor hier leben kann. Natürlich versucht man, seinen Tag so normal wie möglich zu gestalten, aber noch gibt es zahlreiche Einschränkungen.

Zwei Wochen lang gab es keinerlei Lebensmittel zu kaufen und auch jetzt muss man sich lange anstellen und darauf hoffen, nach zwei Stunden Warten etwas zu Essen zu ergattern. Außerdem konnte die Versorgung mit Benzin bisher nicht vollständig wiederhergestellt werden, so dass es an den Tankstellen lange Schlangen gibt und der öffentliche Nahverkehr lahm liegt. Die Stromversorgung funktionierte zwar bereits einen Tag nach dem Erdbeben wieder, aber noch immer haben wir manchmal kein Wasser.

Gott sei Dank kamen aus vielen Städten Japans und auch aus dem Ausland schnell Hilfstruppen nach Sendai, die jetzt beim Aufräumen helfen. Es ist wirklich erstaunlich, wie ruhig die Menschen hier mit dieser schwierigen Situation umgehen. Ich sehe keine allzu große Verzweiflung, keine Panikkäufe, keine Plünderungen. Trotz dieser unglaublichen Katastrophe verhalten sich alle sehr diszipliniert, vielleicht ist das typisch japanisch.

Was uns allerdings große Sorge bereitet, ist die Lage in Fukushima und die widersprüchlichen Meldungen. Man weiß einfach nicht mehr, wem man was glauben soll. Ich verfolge natürlich sämtliche Medien, besonders aber nutze ich jetzt Twitter - die Informationen sind nicht immer ganz akkurat, aber ich fühle mich schnell informiert. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, unser Leben hier neu aufzubauen und die weitere Entwicklung abzuwarten.

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