Süddeutsche Zeitung

Tagebuch aus Japan:"Vielen hat der Tsunami alles genommen"

Wie lebt man mit der Angst vor der Atomkatastrophe? Wie gehen die Menschen im Erdbebengebiet mit den Folgen des Tsunamis um? sueddeutsche.de dokumentiert in einem Tagebuch, wie Japaner das Desaster erleben.

Japan kämpft gegen die nukleare Katastrophe von Fukushima an. Viele Menschen sind ausgeflogen oder in andere Landesteile geflohen - wie gehen sie mit der Gefahr und der Angst um? Japaner und Deutsche schildern auf sueddeutsche.de ihre Eindrücke und ihren Alltag.

Sho Iwamoto lebt und arbeitet in Sendai - die japanische Küstenstadt liegt 130 Kilometer vom Epizentrum des schweren Erdbebens entfernt und wurde vom Tsunami schwer getroffen. Noch immer sind die Menschen dort weit entfernt von einer Normalisierung des Alltags. Eintrag vom 6.4.2011

Die Erinnerung an das Erdbeben und die Folgen werde ich wohl mein ganzes Leben nicht vergessen, ich war gerade im siebten Stock meines Bürohauses und plötzlich bebte die Erde so lang und so stark wie nie zuvor. Dann rannte ich nach draußen auf die Straße und schon bald wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

Fast vier Wochen ist es jetzt her, dass die riesige Flutwelle in Sendai auf die Küste traf, seitdem ist hier nichts mehr, wie es einmal war. Viele Menschen im Ort hat es sehr hart getroffen, besonders jene, die nah am Wasser gewohnt haben. Die Häuser sind zerstört, Hab und Gut sind verschüttet, der Tsunami hat ihnen alles genommen. Im Moment sind diese Menschen in der Turnhalle der örtlichen Schule untergekommen, doch diese Notunterkunft ist keine Dauerlösung.

Mein Haus und mein Büro sind glücklicherweise in der Innenstadt von Sendai und daher größenteils vom Tsunami verschont geblieben, so dass ich nach wie vor hier leben kann. Natürlich versucht man, seinen Tag so normal wie möglich zu gestalten, aber noch gibt es zahlreiche Einschränkungen.

Zwei Wochen lang gab es keinerlei Lebensmittel zu kaufen und auch jetzt muss man sich lange anstellen und darauf hoffen, nach zwei Stunden Warten etwas zu Essen zu ergattern. Außerdem konnte die Versorgung mit Benzin bisher nicht vollständig wiederhergestellt werden, so dass es an den Tankstellen lange Schlangen gibt und der öffentliche Nahverkehr lahm liegt. Die Stromversorgung funktionierte zwar bereits einen Tag nach dem Erdbeben wieder, aber noch immer haben wir manchmal kein Wasser.

Gott sei Dank kamen aus vielen Städten Japans und auch aus dem Ausland schnell Hilfstruppen nach Sendai, die jetzt beim Aufräumen helfen. Es ist wirklich erstaunlich, wie ruhig die Menschen hier mit dieser schwierigen Situation umgehen. Ich sehe keine allzu große Verzweiflung, keine Panikkäufe, keine Plünderungen. Trotz dieser unglaublichen Katastrophe verhalten sich alle sehr diszipliniert, vielleicht ist das typisch japanisch.

Was uns allerdings große Sorge bereitet, ist die Lage in Fukushima und die widersprüchlichen Meldungen. Man weiß einfach nicht mehr, wem man was glauben soll. Ich verfolge natürlich sämtliche Medien, besonders aber nutze ich jetzt Twitter - die Informationen sind nicht immer ganz akkurat, aber ich fühle mich schnell informiert. Ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, unser Leben hier neu aufzubauen und die weitere Entwicklung abzuwarten.

4. April: "Wir kommen alleine nicht klar"

Yoshie Sasabe, 21, lebt und studiert in Tokio. Als die Atomkatastrophe vor rund zwei Wochen ihren Anfang nahm, hoffte die Japanerin auf ein schnelles Ende der schlechten Nachrichten. Mittlerweile ist die Hoffnung der Ernüchterung gewichen. Eintrag vom 4.4.2011:

Vor zwei Wochen war ich noch guter Dinge, doch mittlerweile bin ich ziemlich frustriert, verwirrt und auch verängstigt. Ich weiß nicht mehr, welchen Meldungen ich glauben soll. Mal heißt es, das Trinkwasser sei radioaktiv belastet, am nächsten Tag wird gemeldet, es bestehe keine Gefahr. Um nicht verrückt zu werden, versuche ich meine Zweifel zu unterdrücken und mich an die Anweisungen der lokalen Behörden zu halten, aber einfach ist das nicht.

Der Betreiberfirma Tepco glaube ich ohnehin nichts mehr. Allerdings bin ich überzeugt, dass sie uns nicht unbedingt vorsätzlich mit falschen Informationen täuscht, sondern vielmehr selbst keine Lösung für die Katastrophe in Fukushima mehr hat. Die Mitarbeiter, die vor Ort gegen das Schlimmste ankämpfen, sehe ich einerseits als Helden, andererseits empfinde ich einfach nur tiefe Scham, dass sie für das Wohl von uns allen ihr Leben riskieren und wir ihnen nicht helfen können.

Und auch, wenn es im Ausland oft heißt, Japan sei ein entwickeltes Land, das seine Probleme selbst in den Griff bekomme, kann ich nur sagen: Das stimmt nicht. Japan kommt mit dieser Katastrophe alleine nicht mehr klar! Wir brauchen die Hilfe aus dem Ausland. Dass insbesondere aus Deutschland auch schon erste Hilfsgüter und Helfer zu uns gekommen sind, wissen wir Japaner in dieser Situation sehr zu schätzen.

In der Zwischenzeit versuche ich mein Leben so normal wie möglich weiter zu leben, aber wie soll das möglich sein? Meine Semesterferien wurden von der Universität ohne jegliche Begründung um einen Monat verlängert, also habe ich noch mehr Zeit, zuhause zu sitzen und mir Gedanken zu machen.

Manchmal haben wir keinen Strom, und auch einige Lebensmittel werden bereits knapp. Viele Produkte aus der Region um Fukushima werden aus Angst vor radioaktiver Belastung nicht mehr verkauft. Hinzu kommt, dass viele Fabriken von Stromausfällen und -kürzungen betroffen sind und die Lebensmittel nicht ausreichend gekühlt werden können. Deshalb gibt es zurzeit keine Dinge wie Milch und Joghurt zu kaufen.

Ingsgesamt ist es eine verzwickte Situation, denn ich kann und will nicht aus Tokio weg. Dennoch kann ich gerade die Ausländer, die die Stadt mittlerweile verlassen haben, sehr gut verstehen. Wäre ich eine deutsche Mutter und mein Kind würde in Japan studieren, hätte ich schon längst angerufen und gesagt: "Komm sofort nach Hause!" Aber was bleibt mir in meiner Lage anderes übrig, als auszuharren und aufmerksam die Nachrichten zu verfolgen?

Dabei habe ich übrigens auch von der Atomdebatte in Deutschland gehört und dass diese den Grünen Auftrieb gegeben hat, was ich sehr erstaunlich finde. Denn in Japan gehen trotz allem nicht mehr als ein paar hundert Leute gegen Atomkraft auf die Straße. Ich finde, dass sich die Einstellung der Politiker ändern muss. Diese Katastrophe sollte die Letzte ihrer Art sein und ich hoffe so sehr, dass die Welt kein zweites Fukushima mehr erleben muss.

Japan kämpft gegen die nukleare Katastrophe von Fukushima an. Viele Menschen sind ausgeflogen oder in andere Landesteile geflohen - wie gehen sie mit der Gefahr und der Angst um? Japaner und Deutsche schildern auf sueddeutsche.de ihre Eindrücke und ihren Alltag.

Marvin Hoffmann, 31, arbeitet in Tokio, nach dem Erdbeben ging er mit seinem Chef und dessen Familie nach Kagoshima im Süden Japans. Inzwischen ist er nach Tokio zurückgekehrt. Eintrag vom 23.03.2011

Seit Montag bin ich zurück in Tokio. Kagoshima, ganz im Süden von Japan war aber sehr viel angenehmer. Bin hier heute morgen wieder von mehreren Nachbeben wachgerüttelt worden. Und seit heute wird auch noch davor gewarnt das Leitungswasser für Babynahrung zu verwenden, weil die Werte für radioaktives Jod und Caesium die Grenzwerte für Babies überschreiten. Und schon wieder ist Wasser überall ausverkauft.

Auch Instantnudeln und andere Fertiggerichte sind gerade beliebt. Wahrscheinlich weil alles frische Gemüse generell unter Verdacht steht. In meiner Straße brennt nur jede dritte bis fünfte Laterne, in U-Bahn-Stationen sind Rolltreppen aus und nur die allernötigste Beleuchtung ist an. Insgesamt herrscht eine eigenartige Stimmung in Tokio.

Mein Chef ist heute auch wieder nach Tokio zurückgekommen. Nachdem er seine Familie endlich von Fukuoka aus (Norden von kyuushuu, der südlichen der Hauptinseln) Richtung Shanghai in den Flieger setzen konnte. Sein zweiter Sohn ist erst vor 3 Wochen geboren worden und hatte noch keinen Pass (USA) und keine Visas (Japan, China).

Wenn ich Kinder oder eine schwangere Frau hätte würde ich die auch zumindest nach Südjapan schicken.

Übrigens, viele Ausländer hier werden von Angehörigen stark unter Druck gesetzt, sie sollten das Land verlassen. Aber kein Wunder, bei der Art wie im Ausland berichtet wird. Ich bin selbst von der Tagesschau, die ich sonst immer recht fair fand, enttäuscht, wobei angesichts der kommenden Landtagswahlen in BW find ich die Berichterstattung wiederum gut. Ich hab hier schon Briefwahl gemacht und klar gegen Atomkraft gewählt.

20. März: Eine Stadt verliert ihr Gesicht

Benjamin H., 27, Student aus Deutschland, seit vier Jahren in Japan. Hat gerade seinen Master in International Business in Tokio gemacht. Ist mit seiner Freundin ins weiter westlich gelegene Nagoya geflohen - und jetzt zurück in Tokio. Eintrag vom 20. März 2011:

In Nagoya waren die Auswirkungen des Bebens und auch die Angst vor möglichen Strahlen kaum zu spüren. Lokale TV Sender haben natürlich rund um die Uhr von den Ereignissen in Fukushima und den Schicksalen der Opfer des Tsunamis berichtet. Seit Ende letzter Woche werden aber auch dort wieder andere Beiträge gesendet. Um den Bahnhof in Nagoya sah man unzählige Gruppen von Schuelern/Studenten, die alle Geld für die Opfer im Norden sammelten.

Im Hotel, in dem ich die Woche verbracht habe, waren natürlich mehr besorgte Gesichter zu sehen. Nur die gefühlte Hälfte von den Gästen waren Japaner. Beim Frühstück im Hotel kam sogar einmal ein mir unbekannter Amerikaner entgegen, klopfte mir auf die Schulter, teilte mir nur mit "Good Luck, Man!", und verschwand darauf wieder. Das wars schon etwas skuril.

Seit Samstag sind wir nun wieder in Tokio. Als wir nach 6 Stunden Busfahrt schließlich abends gegen 19.00 Uhr über den Tokio Metropolitan Highway fuhren, wurde es mir schon ein wenig mulmig. Nicht jedoch wegen möglicher Strahlenbelastung, sondern wegen den Stromsparmaßnahmen. Die komplette Stadt ist nachts total dunkel.

Selbst die vielen Getränkeautomaten und die allgemeinen Straßenbeleuchtungen wurden auf ein Minimum reduziert, so dass man Fußgänger oft nur als Schemen wahrnimmt. Zwei der einprägsamsten Gebäude in Tokio, der Tokio Tower und das Mori Building im trendigen New Urban Center "Roppongi Hills", konnte man Abends kaum erkennen von weitem. Kurz, das typische Gesicht der Stadt mit seinen vielen Neonlichtern ist fast total erloschen. Das wird wohl noch eine Weile anhalten.

Auch sah ich wesentlich weniger Menschen auf den Strassen. Viele von denen tragen Mundschutz, allerdings nicht wegen möglicher Strahlenbelastung, sondern wegen den Frühjahrspollen, die jährlich Japan heimsuchen.

Die meisten Tokioter Bürger bleiben Abends diese Tage lieber zuhause. Auch aufgrund des reduzierten Bahnverkehrs. Fährt die Yamanote - Tokios Ringbahn - normalerweise alle 2 Minuten, so sind es derzeit nur noch 5-7 Minuten. Das mag sich nicht problematisch anhören, beeinträchtigt den öffentlichen Verkehr jedoch enorm in einer Metropole wie Tokio.

Was mir auch aufgefallen ist, sind die Werbungen innerhalb der Bahnen. Wagons sind normalerweise voll von Advertisements die geradezu zur Reizüberflutung führen. Derzeit wurden alle Werbeplakate durch die hauseigene Ticketwerbung von Japan Railways ersetzt.

Zuhause haben wir alles wie gewohnt. Strom, Wasser, Gas, funktioniert alles. In Tokioter Stadtteil Nakano sind sogar die Geschäfte einigermaßen gut gefüllt. Engpässe gibt es hier nur bei Milchprodukten, Frischfleisch, Instant-Nudeln, sowie Reis. Sprit ist auch knapp zur Zeit. Auf dem Weg nach Tokio habe ich lange Schlangen an den Autobahn-Tankstellen gesehen.

Ich bin mittlerweile sehr beruhigt ueber die ganze Lage. Natürlich ist die Situation im Norden sehr kritisch, allerdings finde ich es im Moment nicht nötig, Tokio (geschweige denn Japan) zu verlassen. Ich werde mich diese Woche endlich um mein Visum kümmern. Mein Antrag wurde am 11.03. leider unterbrochen aufgrund des Erdbebens. Auch werde ich versuchen, von hier meinen Beitrag zur Unterstützung der gut 400.000 Obdachenlosen im Norden zu leisten.

19. März: "Wir leben noch!"

Miho Tsujii, Künstlerin und Übersetzerin, lebt und arbeitet in Tokio. Derzeit in Osaka. Eintrag vom 19. März 2011:

Eine Twitter-Message hat mich erreicht. Eine Person aus Japan mein hat das Skype-Interview, das ich auf sueddeutsche.de gegeben habe, gesehen. Sie meinte, sie hätte dadurch ein Gefühl für die wirkliche Lage in Tokio bekommen.

Von einer meiner engsten Kolleginnen habe ich gehört, dass ihre Familie 30 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima weg wohnt. Ich habe ihr mein Appartment in Tokio angeboten, aber sie haben leider Möglichkeit, nach Tokio zu kommen.

Feuerwehrmänner aus Tokio wollen nun helfen, das Atomkraftwerk Fukushima zu bewässern. Immerhin: Wir leben alle!

18. März: "Wer flieht, kann seinen Job verlieren"

Tadahiro Okuda, 36, Berater, arbeitet in Tokio. Eintrag vom 18. März 2011:

Mein Arbeitgeber hat unser Büro geschlossen. Wegen der radioaktiven Bedrohung und weil die öffentlichen Verkehrsmittel nur noch teilweise fahren, sollen wir von zuhause arbeiten. So sitze ich nun zuhause, mit Laptop und Handy und arbeite - während ich mich gleichzeitig auf die nukleare Katastrophe vorbereite. Der Fernseher läuft, aber nicht immer: Während ich arbeite, schalte ich das Gerät aus, um mich von den vielen schlechten Nachrichten nicht runterziehen zu lassen.

Zuhause versuche ich, Elektrizität einzusparen, besonders zwischen sechs und acht Uhr abends. Die Klimaanlage habe ich ausgeschaltet, Wäschetrockner und Mikrowelle benutze ich nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Es gehört zu meiner täglichen Routine, täglich in den Supermärkten zu schauen, ob die Regale wieder aufgefüllt sind: Ich bräuchte Getränke, Eier, Fleisch, Toilettenpapier und, und, und... Ich habe eine Allergie gegen Pollen und langsam gehen mir die Kleenex-Tücher aus...

Und dann sitze ich natürlich zuhause und spreche mit Freunden und Verwandten über das Internet. Viele meiner Freunde versuchen, Freunde und Familienmitglieder in den zerstörten Gebieten im Norden zu kontaktieren, ihnen Lebensmittel zu schicken, viele haben Angst. Ich versuche, sie so gut es geht zu ermutigen.

19. März: "Wir leben noch!"

Miho Tsujii, Künstlerin und Übersetzerin, lebt und arbeitet in Tokio. Derzeit in Osaka. Eintrag vom 18. März 2011:

Mein Arbeitgeber hat den Mitarbeitern angeboten, von zuhause aus zu arbeiten - aber nur, wenn es ihnen wegen der Stopps im Öffentlichen Nahverkehr unmöglich ist, ins Büro zu kommen oder wenn man Verwandte in den vom Tsunami zerstörten Gebiete im Norden helfen möchte. Das bedeutet eigentlich, dass man trotzdem zur Arbeit kommen muss. Ich, als Vorgesetzte, habe flexible Strukturen eingeführt, die es meinen Mitarbeitern erlauben, zuhause zu bleiben. Ich habe inzwischen begriffen, dass es uns nicht schützen wird, wenn wir nur den Anweisungen der Firmen und der Regierungen folgen.

Vorletzte Nacht war ich so wütend, dass ich nicht schlafen konnte. Ich habe daher beschlossen, Tokio zu verlassen. Meine Mutter bat mich um Hilfe, sie nach Osaka zu bringen, unserer Heimatstadt. Für die Menschen, die in Tokio wohnen, ist das die letzte Möglichkeit, sich zu schützen. Es ist auch eine sozio-kulturelle Frage: Wer flieht, läuft Gefahr, seinen Job zu verlieren oder die Beziehungen mit Freunden aufzugeben. Außerdem fühlt man Scham, weil man Menschen zurücklässt. Die meisten warten in Tokio, sehen, wie die Situation immer bedrohlicher wird und glauben, was ihnen die Regierung sagt.

Meine Schwester schrie meine kleine Schwester an, die hier bleiben wollte: "Wenn du verstrahlt wirst, wirst du niemals mehr Kinder bekommen können. Ist es das, was du willst?" Aber wie gesagt: Jeder muss diese Entscheidung für sich selbst treffen. Meine besten Freunde in den USA haben angefangen, Nachrichten aus dem Ausland zu übersetzen, so dass wir nicht nur auf japanisches Nachrichtenmaterial angewiesen sind. Gestern, auf der Fahrt nach Osaka, habe ich eine E-Mail erhalten. Eine Radiocrew bat mich, ihnen in die zerstörten Gebiete zu folgen und bei Übersetzungen zu helfen. Aber bis ich antworten konnte, hatte bereits jemand anderes zugesagt. Ein Teil von mir wäre dennoch gerne dabei...

17. März: "Ich bringe meine Familie weg"

Miho Tsujii, Künstlerin und Übersetzerin, lebt und arbeitet in Tokio. Auf dem Weg nach Osaka. Eintrag vom 17. März 2011:

Ich bringe gerade meine Familie weg aus Tokio. Ich will nicht, dass sie der nuklearen Gefahr ausgesetzt ist. Ich selbst möchte am Freitag nach Tokio zurückkehren, um zu arbeiten.

In den letzten Tagen habe ich viele Nachrichten von Freunden aus aller Welt bekommen - per Twitter, Skype, Telefonanrufe. Eine Mail aber habe ich von einem Hotel in Ägypten erhalten, in dem ich einmal war, in Siwa, einer Oase nahe der Grenze zu Libyen. Diese Worte haben mich so bewegt, dass ich weinen musste:

"We are deeply saddened by the natural disasters that have struck Japan last week, and would like to convey to you and the great People of Japan that we share your pain and sorrow. The dignity and courage with which you are confronting this tragedy is admirable. Japan has over the years remembered Egypt in times of difficulty. Now, in our own modest way, we wish to express our feelings of care and solidarity."

18. März: "Wer flieht, kann seinen Job verlieren"

Tadahiro Okuda, 36, Berater, arbeitet in Tokio. Eintrag vom 17. März 2011:

"Die Menschen hier bekommen immer mehr Angst. In jedem TV-Kanal sind die Nachrichten über die Atom-Katastrophe zu sehen. Langsam werden aber auch vereinzelt wieder Comedysendungen gezeigt. Die Leute haben diese schlechten Nachrichten langsam satt. Dabei stelle ich fest, dass die ausländischen Medien die Lage bedrohlicher darstellen als die japanischen Medien.

Dennoch: Die Lage wird hier immer bedrohlicher. Immer mehr Japaner gehen in den Westen des Landes, nach Kobe oder Osaka, um sich vor der nuklearen Bedrohung zu schützen. Die Ausländer verlassen Japan.

Obwohl die Angst vor verseuchten Nahrungsmitteln steigt, sind in den Supermärkten viele Produkte ausverkauft. Fleisch, Eier, Reis, Pasta - selbst Toilettenpapier.

Ansonsten geht es mir gut. Ich bin noch immer in Tokio und will auch weiter hier bleiben - zumindest bis ich von einer konkreten gesundheitlichen Bedrohung höre. Doch ich fürchte, bald wird es hier in Tokio zu gefährlich sein..."

Benjamin H., 27, Student aus Deutschland, seit vier Jahren in Japan. Hat gerade seinen Master in International Business in Tokio gemacht. Ist mit seiner Freundin ins weiter westlich gelegene Nagoya geflohen. Eintrag vom 17. März 2011:

Eigentlich wollte ich heute schon von Nagoya nach Tokio zurück, aber werde das wohl auf Freitag verlegen. Zumindest wenn die Reaktoren nicht noch in die Luft gehen. Neulich kam ein Kollege von mir hier vorbei, ein Amerikaner, da seine Freundin zu viel Angst um seine Gesundheit hatte. Um die Sorgen ein wenig zu mildern, hat er sich entschlossen, auch bis Freitag in Nagoya zu warten.

Die Lage ist immer noch angespannt. Allerdings sehe ich dem Ganzen mittlerweile gelassen entgegen. Ich betrachte mein Zwangsexil mehr als ungewollten Urlaub in Nagoya.

Carl Mirwald, Kunstpädagoge, Sohn eines Deutschen und einer Japanerin. In Tokio geboren, lebt heute in München. Die Eltern und der Bruder leben nach wie vor in Tokio. Eintrag vom 16. März 2011:

Meiner Familie in Tokio geht es den Umständen entsprechend gut. Sie haben aber ein grundsätzlich anderes Problembewusstsein. Außerdem ist die Berichterstattung sachlich und eher beruhigend. Die Tokioter denken gar nicht daran, die Stadt zu verlassen - die dort lebenden westlichen Ausländer schon. Auf dem Flughafen waren hauptsächlich Deutsche, die panikartig das Land verlassen.

Die Wahrheit über die Gefahren liegt irgendwo in der Mitte. Selbst jetzt, wo in Tokio Radioaktivität gemessen wurde, heißt es weiter, dass sie nicht gesundheitsschädigend sein soll. Natürlich hoffe ich das auch - kann es aber nicht glauben.

Mein Bruder hat erzählt, dass der Alltag eher durch Maßnahmen wie unplanmäßige Stromausfälle beeinträchtigt wird. Überall werden Hamsterkäufe gemacht, es gibt zum Beispiel kein Toilettenpapier mehr. Auch er und seine Frau kaufen mittlerweile vorsorglich ein.

Stephan Schmidt, 31, arbeitet in der Kommunikationsabteilung der United Nations University in Tokio und ist nach Kyoto gefahren. Eintrag vom 15. März 2011:

Die Ereignisse überschlagen sich derzeit in Tokio. Aber die Menschen reagieren sehr besonnen. In der Region um Tokio und Yokohama leben 70 Millionen Menschen - nicht auszudenken, was hier bei einer Massenpanik passieren würde. Trotzdem ist es komisch zu sehen, dass im Park die Leute ganz normal mit dem Hund spazieren gehen oder Basketball spielen.

Viele Geschäfte in Tokio haben derzeit geschlossen. Und in den Supermärkten ist vieles ausverkauft - vor allem Wasser, Instantnahrung und Toastbrot. Es gibt Hamsterkäufe, aber insgesamt läuft das Leben relativ normal weiter, soweit das möglich ist.

Ich selbst habe Tokio verlassen - auf Wunsch meiner Eltern in Deutschland, die sich große Sorgen um mich machen. Gestern Abend bin ich in Kyoto angekommen.

Wenn sich die Lage stabilisiert, würde ich gerne in die Krisengebiete im Norden Japans fahren und helfen. Das Land braucht dann Hilfe. Ich könnte helfen, die digitale Infrastruktur wieder aufzubauen, würde aber auch richtig Hand anlegen. Das Wichtigste ist, dass meine Gesundheit darunter nicht leidet.

18. März: "Wer flieht, kann seinen Job verlieren"

Tadahiro Okuda, 36, Berater, arbeitet in Tokio. Eintrag vom 15. März 2011:

Ich bin noch immer in Tokio, und vorerst werde ich auch hier bleiben. Mein Chef hat mir vorgeschlagen, die Stadt zu verlassen und nach Osaka zu fahren. Aber ich will nicht. Meine Freunde sind alle noch hier, und im Moment sehe ich keinen Grund zu gehen. Die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe von Fukushima auf Tokio sind gering und die Schäden nach den Erdbeben nicht übermäßig hoch.

Wenn ich Frau und Kinder hätte, dann würde ich diese in ein Flugzeug ins Ausland setzen. Aber ich bin Single. Außerdem, glaube ich, würde es die Situation nicht verändern, wenn ich gehen würde. Jemand muss schließlich die Wirtschaft am Laufen halten.

Natürlich wird die Lage kritischer. Die Angst in der Stadt wächst, und in den Supermärkten kaufen panische Menschen die Regale leer. Niemand weiß genau, wie die Situation in Fukushima tatsächlich ist, und die Informationspolitik der Regierung könnte auch besser sein. Sicher, die Regierung tut ihr Bestes. Aber die sind doch auch nicht besser informiert als wir.

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