Suche nach dem Glück:Wer nach Sinn sucht, findet das Glück

Vielleicht wusste der amerikanische Psychologe Martin Seligman wirklich nicht, was er auslösen würde, als er Ende der 70er-Jahre seine "positive Psychologie" formulierte, die er später im Buch "Der Glücks-Faktor" zusammenfasste: Glück hat mit dem Willen zum Glück zu tun. Wer positiv denkt, erreicht, was er will.

Es ist die Umkehrung des Satzes von Karl Marx, demzufolge das Sein das Bewusstsein bestimmt: Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Und wenn das Sein nicht optimal ist, wenn das Glück ausbleibt, dann liegt das am falschen Bewusstsein. Auch Lebensberater wie Dale Carnegie hatten schon ähnlich gedacht, mit Seligman aber wurde der Gedanke zum Allgemeingut in der Coaching- und Selbstoptimierungsbranche.

Lächle und optimiere dich selbst

Als die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich die Diagnose Brustkrebs bekam und im Internet nach Hilfe suchte, war sie erschüttert, auf wie viel Verdrängung im Namen des positiven Denkens sie traf: Nimm die Krankheit als Herausforderung! Sie ist ein Schritt zur Weiterentwicklung! Jetzt bloß nicht pessimistisch werden! Sie wollte aber den Brustkrebs nicht als Chance sehen, ihre Sorgen nicht verdrängen - vor lauter Angst, selber schuld zu sein, wenn der Krebs sich nicht besiegen lässt. Barbara Ehrenreich recherchierte über die Optimismus-Industrie, auf die sie da gestoßen war, und schrieb ein wunderbar zorniges Buch: "Smile or die", lächle oder stirb. Mach die Grinsekatze - oder verzieh dich aus diesem Leben. Es geht doch gar nicht ums Glück, lautet ihr Fazit. Es geht ums reibungslose Funktionieren in der Leistungsgesellschaft, dem dann das Etikett "Glück" aufgepappt wird.

Vielleicht sind die Deutschen ja insgesamt tatsächlich am glücklichsten, wenn der Schmerz nachlässt, und deshalb nicht ganz so empfänglich für die Scharlatane des Glücks. Und ja - es ist auch nicht ganz falsch, sich klarzumachen, was man vom Leben will und wie man das Gewollte erreichen kann. Aber die Vorstellung vom Glück als Willens- und Bewusstseinsakt hat sich auch hierzulande pestilenzartig festgesetzt: Führt die Partnerschaft nicht jeden Tag zum Glück und der Job nicht zur Erfüllung, läuft was falsch, macht man was falsch, sollte man schleunigst an der Bewusstseinsschraube drehen.

Entsprechend wächst inzwischen auch die Zahl der Bücher, die mit diesem inflationierten Glück abrechnen. Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid hat sich mittlerweile in mehreren Publikationen über die, wie er schreibt, "Glückshysterie" ausgelassen - und nun erscheint das Buch des Kölner Psychiaters und Bestsellerautors Manfred Lütz mit dem ironischen Titel: "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden". (Auch für die Kritiker des neuen Glücksrittertums gibt es offenbar einen soliden Markt.) Schmid, der Philosoph, war einst säkularer Seelsorger an einem Spital bei Zürich, wo er auf die reichen, rastlosen und unglücklichen Glückssucher traf. Lütz ist auch katholischer Theologe und arbeitet viel mit geistig behinderten Menschen - die beiden kommen also aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Und trotzdem klingt, was sie raten, sehr ähnlich.

Glück ist nicht herstellbar

Glück ist schön, sagen der säkulare Philosoph und der katholische Psychiater, aber es ist nicht alles. Schmid lobt die Melancholie, das glückliche Unglücklichsein, das weiß, dass die Welt unerlöst ist - ohne sie deshalb als Jammertal zu empfinden. Lütz möchte die Leser vom "Utopiesyndrom" befreien, das die Menschen dazu bringt, nach dem Unerreichbaren zu streben, statt das Mögliche zu verwirklichen. Das Glück ist eben nicht herstellbar. Es entzieht sich gerade dem, der es erzwingen will. Es kommt, wenn man es nicht sucht und am wenigsten erwartet - zum Beispiel in der Kleiderkammer für Flüchtlinge, wenn man etwas Sinnvolles für andere tut.

Sucht den Sinn statt das Glück! Das ist das Fazit bei Lütz wie bei Schmid. Sinn bedeutet, die Welt jenseits der Selbstbeschäftigung zu sehen, sich auf Gemeinschaft und Verantwortung einzulassen. Wer nur dem Wohlfühlglück nachjagt, kann andere Menschen nicht wirklich lieben, keine Kinder erziehen oder Alte pflegen. Er kann aber auch keine Weltliteratur schreiben oder ein Medikament entwickeln - der Sinnsucher kann das alles schon. Und dann ist es auf einmal da, das Glück. Es lässt sich, wie ein wildes Tier, nicht fangen, zähmen, züchten. Das Glück muss frei sein, sonst ist es kein Glück.

Befreit das Glück aus der Sklaverei des Selbstoptimierungswahns! Dann kommt es von selbst. Ganz unverhofft.

© SZ vom 10.10.2015/bavo
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