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Studieren in Coronazeiten:In der Warteschleife

Unser Autor Jakob Arnu, 24, im Audimax der LMU.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gerade hat an den Unis das zweite Corona-Semester begonnen - ohne Vorlesungen im Audimax, ohne Partys, ohne Nebenjobs. Wie fühlt es sich an, wenn die Pandemie in die schönste Zeit des Lebens fällt?

Von Jakob Arnu

Der ernüchterndste Moment meines Philosophie-Studiums war die Zeugnisvergabe. Nach ein oder zwei geisteswissenschaftlichen Extrarunden hatte ich im Frühjahr endlich alle Module beisammen. Ich hätte es zwar vor meinen Freunden nie offen zugegeben, aber am Ende hatte ich mich doch auf die hölzerne Abschlussfeier unserer Fakultät gefreut. Ein klein wenig akademische Ehrerbietung, so verstaubt sie auch sein mag, hätte ich im Gegenzug für vier Jahre Arbeit bescheiden akzeptiert. Mich schick gemacht. Meine Familie eingeladen. Sekt getrunken. Doch stattdessen erreichte mich am 21. Mai 2020 um zwei Uhr nachts folgende Mail: "Sehr geehrter Herr Jakob Arnu, herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Studiengang Bachelor Philosophie erfolgreich abgeschlossen." Darüber in gefetteten Buchstaben: "Dies ist eine automatisch generierte Mail des Mailsystems der Universität München." Mein Zeugnis lag einige Wochen später im Briefkasten.

Natürlich, es gibt schlimmere Dinge, als ein Zeugnis per Post zu bekommen. Doch entfallene Abschlussfeiern sind nur eine Einschränkung von vielen, die das Leben von etwa drei Millionen Studierenden seit März stark verändern. Praktika, Auslandssemester, Vorlesungen im Audimax, Mensa-Essen, Fachschaftsfeiern, Ersti-Partys - alles gestrichen. Stattdessen Online-Seminare, Einsamkeit, Zukunftsängste, wirtschaftliche Sorgen. Zusammengenommen ergibt all das: ja, was eigentlich? Was passiert mit einer Generation, wenn die Zeit, die viele später als die beste ihres Lebens bezeichnen, auf einmal in Aerosolwolken gehüllt wird? Wenn die Freiheit des Studentendaseins plötzlich nur noch eine entfernte Erinnerung ist oder gar ein nie gekanntes Gefühl?

Ich selbst hatte eigentlich zum gerade begonnenen Wintersemester nach Berlin ziehen und dort mein Studium fortsetzen wollen. Doch als immer klarer wurde, dass ich dort meist alleine vorm PC sitzen würde, entschloss ich mich, in München zu bleiben und dort ein Komparatistikstudium anzuhängen. Sollten mehr Studienanfänger als sonst jetzt lieber in ihrer Heimatstadt mit dem Studium beginnen als anderswo, ich könnte es gut verstehen. Denn die Einsamkeit beim Online-Studium setzt vielen meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen zu.

Wir sind nicht alleine. Und doch sind wir es

Das letzte Theaterstück, das ich in der Zeit vor Corona gesehen habe, handelte von dem japanischen Phänomen der "Hikikomori". Es bezeichnet Menschen, meist junge Männer, die unter einem so starken gesellschaftlichen und kapitalistischen Druck leiden, dass sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen können. Über Tage, Wochen, Monate. Die Hikikomori vereinzeln sich, sind einsam, isoliert - aber nicht alleine. Japanische Psychologen vermuten, dass es in ihrem Land mehr als eine Million von ihnen gibt.

An die Hikikomori muss ich nun manchmal denken, wenn sich regelmäßig auf meinem Computerbildschirm bunte Kacheln auftun und sich Gesichter, Schreibtische und Studentenzimmer aneinanderreihen. Wir sind nicht alleine. Und doch sind wir es.

Mein Freund Paul hat kürzlich seine Masterarbeit über die psychischen Folgen von Isolation bei Studentinnen und Studenten während Corona geschrieben. Es zeigte sich, dass neben einem stabilen sozialen Netzwerk besonders entscheidend war, ob die Befragten das Gefühl hatten, während der Pandemie eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Das kann ich gut verstehen, denn ich selbst habe mich ziemlich sinnlos gefühlt in den ersten Wochen der Pandemie. Der Bachelor fertig, mein Nebenjob als Toningenieur ausgesetzt und dann auch noch alle Termine mit meiner Band abgesagt. Alles, was ich tat, fühlte sich nach Beschäftigungstherapie an. Ich war systemirrelevant, irgendwie hängengeblieben in der Warteschleife der Zukunft.

Vom Werkstudent zum Spargelstecher

Doch die Vereinzelung ist nur ein Problem. Auch finanziell hakt es oft - zumindest bei all jenen, die von ihren Eltern nicht ausreichend unterstützt werden können. Einige meiner Bekannten, besonders aus der Kunst- und Kulturszene, haben ihre Nebenjobs verloren, sie arbeiten jetzt in Fabriken, im Frühjahr standen sie auf den Spargelfeldern, um über die Runden zu kommen. Kredite sind für viele keine gute Alternative. Zu ungewiss ist, wann sie das Geld zurückzahlen können. Die Jobaussichten sind in vielen Bereichen gerade mehr als bescheiden.

Und natürlich: Ich vermisse auch das Feiern. Tanzende Körper auf Partys, Festivals und Konzerten, die sich in Massen mal mehr, mal weniger synchron bewegen, Körper, die schwitzen, springen, sich reiben, sich anlächeln, Körper, die sich zufällig auf dem Weg zur Bar anrempeln und berühren können und nicht auf bestuhlten Konzerten mit Mindestabstand wie entropielose Teilchen mathematisch im Raum verteilt sind. Vor Kurzem wurde in den sozialen Medien über eine junge Frau namens Ida gestritten, die im Heute Journal des ZDF darüber gesprochen hatte, wie sehr sie das Ausgehen vermisst. Die Reaktionen waren heftig, Ida wurde angefeindet und beschimpft, ihre Gefühle wurden als "First World Problems" diffamiert. Überhaupt mussten wir Jungen in den vergangenen Wochen oft als Sündenböcke für die steigenden Infektionszahlen herhalten. Teilweise zu Recht. Doch dass auch jene jungen Menschen, die gerade auf einen Großteil ihrer Gewohnheiten verzichten, Hohn und Spott ernten, wenn sie ihre Verluste betrauern, ist selbstgefällig. Warum soll es ein "First World Problem" sein, nicht stattgefundenen Partys nachzutrauern, um den Sommerurlaub zu bangen aber nicht?

Wir - oder zumindest ein Großteil von uns - können uns einschränken, um anderen zu helfen. Verzichten. Nicht feiern gehen. Nicht in der Fachschaft abhängen. Nicht im Audimax sitzen. Nicht das lange geplante Auslandssemester in Angriff nehmen. Ähnlich wie die Rolle von älteren Geschwistern, die "jetzt mal stark und geduldig sein" müssen, wenn das jüngere Kind mehr Aufmerksamkeit benötigt.

Es gibt keinen Raum mehr für Irrwege und Zufälle

Doch was mich und viele meiner Freunde noch viel mehr schmerzt als geschlossene Clubs oder abgesagte Festivals, ist der Verlust eines Lebensgefühls. Der Verlust des Desorganisierten, des Zerstreuten, kurz: der Freiheit des Studentendaseins. Denn durch die Kontaktbeschränkungen bleibt kaum Raum für zufällige Begegnungen, für Spontaneität, für Unverbindliches, für Irrwege und Zufälle. Alle sozialen Interaktionen wollen wohl überlegt sein und konzentrieren sich meist auf das engste Umfeld. Doch so schön es ist, mit der Familie und den besten Freunden Zeit zu verbringen: Es fehlen die Abende mit losen Bekanntschaften, an denen Zerstreuung vor Tiefe steht. Oder die vielen Freistunden im Fachschaftsraum, in denen sich zwischen dem ersten und dem fünften Kaffee erstaunlich produktive Gespräche mit anderen Kommilitonen ergeben. Mit all meinen lockeren Freundschaften und Bekanntschaften per Whatsapp Kontakt zu halten, grenzt für mich an ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich mal wieder an einem Samstag schon um 22 Uhr mit einem Buch im Bett liege, frage ich mich manchmal, ob Corona meine, unsere Jugend vorzeitig beendet hat. Werden wir nach der Pandemie noch Lust haben, uns die Nächte um die Ohren zu schlagen, zweimal die Woche feiern zu gehen, Clubs und Raves zu besuchen? Das Coming-of-Age-Motiv, dass Jugendliche in eine Krise gehen und als Erwachsene aus ihr hervorkommen, ist ja zu genüge in Hunderten Filmen und Büchern verewigt worden. Oder kommt unsere Jugend nach ein, zwei Jahren Pause wieder um die Ecke, wie eine alternde Rockband? AC/DC jedenfalls haben für 2021 eine "wirklich allerletzte" Tour geplant und erinnern mich dabei an die Dateinamen meiner mehrmals überarbeiteten Hausarbeiten: Abgabe_Fertig_Korrektur_Neu_Final_Finalfinal_Jetztaberwirklich.docx.

Gehören wir Studenten und Studentinnen also zu den Verlierern dieser Pandemie? Nein, so einfach ist es zum Glück nicht. Um Friedrich Hölderlin zu zitieren: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Die Notwendigkeit zur digitalen Lehre etwa wird von vielen als Gelegenheit für die Universitäten gesehen, ihre altbackene akademische Fortschrittsverweigerung aufzugeben. Ähnlich wie das Home-Office verhelfen Online-Seminare zu mehr Flexibilität im Studium. Bei Neuerungen wie dem Platzbuchungssystem in Bibliotheken fragt man sich, wieso niemand früher darauf gekommen ist.

Die Lebenserfahrung Corona könnte hilfreich sein

Doch auch jenseits solcher ganz praktischen Auswirkungen wird Corona meine Generation sicherlich noch lange begleiten. Beate Großegger, die Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, das im Mai tausend 16- bis 29-Jährige zur Corona-Isolation befragt hat, formulierte es so: "Jede einschneidende Lebenserfahrung im jungen Alter prägt die Perspektive einer Generation." Das mag erstmal trivial klingen, doch für die Zukunft, die uns erwartet, könnte die Lebenserfahrung Corona durchaus hilfreich sein. Denn auf uns jungen Menschen lastet nicht nur der Druck, in einer globalen, kapitalistischen Welt bestehen zu müssen, sondern auch immense gesellschaftliche Verantwortung: die weltweit wachsende soziale Ungleichheit, das Massengrab im Mittelmeer, Rassismus, Sexismus und anderen Ismen und natürlich noch der Klimawandel. Ich fühle mich verantwortlich, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der alle befreit und friedlich miteinander leben können. Der Widerspruch zwischen aktuell empfundener Systemirrelevanz und zukünftiger Verantwortung ist also riesig.

Wie uns Corona bei der Bewältigung dieser Probleme helfen kann? Neben einiger hoffentlich auch in Zukunft eingesparter Flugmeilen, ermöglicht uns die Pandemie auch, innezuhalten und neue Formen des Arbeitens, der Kreativität, der Freiheit oder der Solidarität auszuprobieren. Wir sollten uns fragen: Wollen wir wirklich, dass alles wieder so wird wie früher? Jedes Mal, wenn ich in den Nachrichten die jungen Leute in den USA oder in Belarus auf der Straße sehe, die ein historisches Fenster erkannt haben und Hoffnungslosigkeit in Mut verwandeln, denke ich: Wir sollten es machen wie sie. Falls Corona uns wirklich die Jugend nimmt, so darf es nicht umsonst geschehen.

Viele Bekannte von mir haben in den vergangenen Monaten übrigens angefangen, sich in Nachbarschaftshilfen zu organisieren, sie gehen für ältere Menschen einkaufen. Was sie tun, ist nicht nur ein Beitrag zum Kampf gegen Corona - sondern auch für die eigene Systemrelevanz.

© SZ/vs
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