Sorgen der Mittelschicht Die Lust am Jammern

Schon schlimm: Wer viel hat, kann viel verlieren.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Die Mittelschicht hat mehr als genug - doch sie beklagt sich lieber. Dabei ist es ihre Unersättlichkeit, die sie arm macht.

Kommentar von Violetta Simon

"Nicht zu fassen: Wie stellen die sich das vor? Die sind wohl verrückt!" Wer hat nicht schon mal gejammert - über die "ständigen" Tariferhöhungen im Nahverkehr, die "abgehobenen" Preise im Bio-Supermarkt, die "überteuerte" Zahnarztrechnung - und währenddessen baumelt an der Armbeuge die neue Handtasche (es ist die zweite blaue, nur etwas größer). "Wie soll ich das nur bezahlen!?", seufzt man - schiebt sich empört ein Stück Pizza in den Mund und spült es mit einem Schluck Barolo hinunter (man hatte heute keine Lust zu kochen). Womöglich winkt man später noch spontan ein Taxi heran, weil man keinen Nerv hat, nachts bei der Kälte auf die Tram zu warten.

Ist ja nicht so, dass das Geld nicht da wäre. Nur - leider hat man es für etwas anderes ausgegeben. Zum Beispiel auf dem Oktoberfest: Obwohl alle jammern, dass der Preis für die Wiesnmass seit 1980 kontinuierlich gestiegen ist (auf das Vierfache!), hat sich der Pro-Kopf-Konsum nahezu verdoppelt. ​

So schlimm kann es um die Mittelschicht also nicht stehen. Doch wer ist das überhaupt, die Mittelschicht? Das kinderlose Akademikerpaar, das in einer Altbauwohnung zur Miete lebt; der selbstständige Handwerker, dessen Frau seine Buchhaltung macht und sich um die beiden Töchter kümmert; die allein erziehende Physiotherapeutin - sie alle zählen (sich) dazu: Die Mittelschicht ist ausgesprochen heterogen, ihre Übergänge zur Unter- und Oberschicht fließend. Abgesehen von ökonomischen Faktoren gelten auch Herkunft, Bildung und Habitus als Kriterien.

Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellt die mittlere Einkommensgruppe - obschon leicht schrumpfend - traditionell den zahlenmäßig größten Anteil der Bevölkerung, nämlich 61 Prozent. Ein beruhigendes Gefühl für den, der dabei ist. Umso beunruhigender die Vorstellung, den Anschluss an diese Bevölkerungsgruppe zu verlieren. Entsprechend sensibel reagieren manche auf Veränderungen, die ihre Position darin in Frage stellen könnten. "Dann tue ich alles dafür, um nicht abzusteigen", sagt der Wirtschaftspsychologe Martin Sauerland, Professor an der Universität Koblenz. Erstaunlich sei allerdings der Grad der Besorgnis, der nicht immer im Verhältnis zum tatsächlichen finanziellen Backround stehe.

Geht es darum, Herzen zu amputieren?

Solche Ängste sind größtenteils irrational: "Zahlreiche Befragungen haben ergeben, dass gerade Wohlhabende ihre Positionierung in der oberen Mittelschicht falsch, nämlich weiter unten, einschätzen", sagt Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Die Volkswirtin erklärt das Phänomen so: "Die Referenzgruppe der Wohlhabenden ist nicht die Gesamtbevölkerung, sondern das unmittelbare Umfeld, also andere Wohlhabende. Dadurch ist ihnen meist nicht bewusst, wie viele Menschen ein geringeres Einkommen haben als sie selbst."

Eine Lust am Jammern hat sich etabliert, die mitunter beschämende Züge annimmt. Obwohl es uns so gut geht wie nie zuvor, tun wir, als sei unsere Existenz bedroht. "In Anbetracht des Niveaus, auf dem sich die meisten von uns bewegen, ist es geradezu grotesk, wieviel gejammert wird", sagt Wirtschaftspsychologe Sauerland. Wir müssten weder frieren noch hungern und könnten die meisten unserer Bedürfnisse befriedigen. Doch im Gegensatz zum Hunger würden wir bei Geld keinen Sättigungseffekt verspüren. "Nachweislich lässt sich oberhalb eines Einkommens von 60 bis 70 000 Euro die Zufriedenheit nicht mehr steigern, sondern pendelt sich nach einiger Zeit wieder auf dasselbe Level ein."

Daher ist es häufig keine Frage des realen Einkommens, wie benachteiligt sich jemand fühlt. "Vor allem in der oberen Mittelschicht wird auf hohem Niveau gejammert", sagt die Münchner ​Betriebswirtin Nicole Rupp. Das Horten und Ansparen gehöre dort zur Kultur, man definiere sich über Besitz. "Bei der Debatte um die Erbschaftssteuer könnte man meinen, es ginge darum, Herzen zu amputieren", sagt Geldcoach Rupp, die Seminare und Workshops zu Finanzthemen veranstaltet und zum Thema Erben berät. Mit anderen Worten: Wer mehr hat, hat mehr Angst, es zu verlieren.

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