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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Untergang

"Die Sintflut" von Hans Baldung Grien, 1516.

(Foto: imago stock&people)

Bis heute streiten sich Forscher, ob die biblische Sintflut ein Mythos ist oder wirklich stattgefunden hat.

Von Florian Welle

Immer wieder haben abendländische Maler die Sintflut-Erzählung der Genesis eindrücklich in Szene gesetzt. Hans Baldung Grien dürfte wohl eines der dramatischsten Gemälde geschaffen haben. Vor dem Hintergrund einer pechschwarzen, von Blitzen durchschossenen Wolkenwand ragt ein großer Holzkasten aus dem Wasser. Sieht man davon ab, dass ihn Verzierungen aus der Zeit des frühen 16. Jahrhunderts schmücken, steht er für die Arche Noah. Arche leitet sich vom lateinischen arca für Kasten ab.

"Alles, was auf Erden ist, soll untergehen", spricht ein über die Bösartigkeit der Menschen erzürnter Gott. Grien lässt sie angesichts der Wassermassen ums Überleben ringen. Vergebens versuchen sie ins Innere der mit einem Schloss versperrten Arche zu gelangen, wo der fromme Noah mit seiner Familie und allen Tieren, "von allem Fleisch, je ein Paar", die Sintflut auf Gottes Geheiß überstehen wird, um anschließend mit ihm einen neuen Bund einzugehen.

Auch wenn es phonetisch naheliegt: Die Sintflut hat nichts mit der Sündhaftigkeit der Menschen zu tun. Das Wörtchen sin(t) meint "andauernd", "groß". Weil die Geschichte aus zwei Versionen zusammengefasst wurde, variieren die Angaben. Mal regnet es 40 Tage und Nächte, mal schwillt das Wasser 150 Tage an und 150 Tage wieder ab.

Die große Flut treibt die Menschen seit Jahrhunderten um. Vor allem beschäftigt sie die Frage, ob es sich um eine mythische Erzählung oder eine wirkliche Naturkatastrophe handelt. Jahrhundertelang stand für Gläubige fest, dass sie ein historisches Ereignis gewesen ist. Physikotheologen wie der Schweizer Arzt Johann Jakob Scheuchzer wiederum wollten die Sintflut naturgeschichtlich begründen. Versteinerungen aller Art wurden als ertrunkene Lebewesen gedeutet und als Beweis für ihre Sintflutlehre, die sogenannte Diluvialtheorie, herangezogen.

Auch das babylonische Gilgamesch-Epos kennt schon eine Sintflut

Ein bei Öhningen am Bodensee entdecktes Fossil beschrieb Scheuchzer 1726 als "Beingerüst eines verruchten Menschenkindes, um dessen Sünde willen das Unglück über die Welt hereingebrochen" sei und bezeichnete es als "Homo diluvii testis", die Sintflut bezeugender Mensch. Es dauerte noch fast 100 Jahre bis feststand, dass es sich bei dem Fund um einen Riesensalamander handelt. Nachdem bereits Ende des 18. Jahrhunderts der Geologe James Hutton argumentiert hatte, dass die Erde viel älter sein müsse, als man bis dahin anhand der Bibel errechnet hatte, sollte mit dem Aufkommen der Eiszeittheorie in den 1830er-Jahren die Sintflutlehre als Erklärung für biblisches Geschehen endgültig ausgedient haben.

Eine weitere Entdeckung ließ eine realhistorische Interpretation immer fragwürdiger werden. 1872 fertigte der im British Museum tätige George Smith die erste Übersetzung des dort aufbewahrten Gilgamesch-Epos an. Was er auf den Keilschrifttafeln entzifferte, ließ aufhorchen: Die babylonische Erzählung, über 1000 Jahre älter als die Bibel, kennt auch schon eine Sintflut.

Ihr Held ist Utnapischtim, der wie Noah einen Vogel aussendet, um zu testen, ob die Erde noch mit Wasser bedeckt sei. Das bedeutet, so der evangelische Theologe Thomas Naumann in seinem Aufsatz "Das Rätsel der Sintflut", dass der Bibelstoff die "erheblich jüngere jüdische Version einer viel älteren Sintfluttradition des Zweistromlandes" ist. Bernhard Lang weist in "Die Bibel. Die 101 wichtigsten Fragen" auf Forschungen des Indologen Michael Witzel hin, wonach bereits unsere Vorfahren einen Flutmythos gekannt hätten, als sie um 65 000 v. Chr. Afrika verließen. Das könnte erklären, warum von den amerikanischen Inuit bis zu den australischen Aborigines nahezu alle Völker Sagen von verheerenden Überschwemmungen kennen.

Dessen ungeachtet wurde stets weiter nach naturwissenschaftlichen Belegen gesucht. Manche vermuteten als Auslöser Meteoriteneinschläge, andere brachten Asteroiden oder einen Kometen ins Spiel, wie der mittlerweile verstorbene Alexander Tollmann. In seinem Buch "Und die Sintflut gab es doch" argumentiert der Österreicher, dass vor rund 10 000 Jahren ein Komet in sieben Teile zerbarst, die in die Weltmeere stürzten. Die bis heute am leidenschaftlichsten diskutierte Hypothese stammt jedoch von Walter Pitman und William Ryan.

Die Wissenschaftler vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Universität Columbia lokalisieren die Megaflut am Schwarzen Meer. Am Ende der letzten Eiszeit führte Gletscherschmelze zu einem gewaltigen Anstieg des Meeresspiegels mit der Folge, dass um 5600 v. Chr. die natürliche Landbarriere am Bosporus zerbrochen sein soll, die bis dahin das Marmarameer vom heutigen Schwarzen Meer getrennt hatte. Dieses war bis dahin ihrer Ansicht nach ein dicht besiedelter Süßwassersee, der nun mit der zweihundertfachen Wucht der Niagarafälle geflutet wurde. 100 000 Quadratkilometer Ackerland gingen unter, Überlebende zerstreuten sich in alle Winde. Und mit ihnen die Geschichte von der Überschwemmung. Als Beweis dienten den Amerikanern Gehäusefunde von Muscheltypen, die erst mit dem Salzwasser kamen.

Ihre 1998 publizierten Ergebnisse korrigierten sie später teilweise selbst. Neue Messungen ließen sie die Katastrophe auf circa 6700 v. Chr. datieren. Einige Forscher teilen ihre Schwarzmeer-Theorie, andere jedoch bestreiten sie vehement. Valentina Yonko-Hombach beispielsweise argumentiert, dass bereits vor 9500 Jahren Salzwasser nach und nach in das betreffende Gebiet geflossen sein muss. Von Sturzflut keine Spur, die Sintflut-Theorie selbst ein Mythos. Die Pros und Kontras fechten freilich all jene Schatzsucher und Abenteurer nicht an, die auf dem Ararat, dem höchsten Berg der Türkei, bis heute nach hölzernen Überresten der Arche Noah suchen, obwohl die Bibel gar keinen konkreten Berg nennt, wo sie am Ende aufsetzte, sondern vom "Gebirge Ararat" redet.

© SZ/egge
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