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Sexueller Missbrauch in der DDR:Wiedersehen mit dem verlorenen Sohn

Wegen ihres vorbildlichen Verhaltens darf Renate Viehrig-Seger den Jugendwerkhof in Torgau verlassen, und in das Rödner Heim zurückkehren. Sie haut wieder ab, schließlich bleibt sie bei ihrem damaligen Freund. 1977 bringt sie ihren Sohn Simon zur Welt. Die mittlerweile 18-Jährige zieht wieder zurück zu ihren Eltern. Hatte sie ihnen verziehen? Das kann sie nicht sagen. Noch so ein Puzzle-Teil, das fehlt. "Ich glaube, meine Liebe zu dem Kind hat alles überstrahlt", sagt sie. Der Vater rührt die junge Mutter nicht an, kümmert sich liebevoll um den kleinen Simon. Und später auch um Ramon, den zweiten Enkel.

Renate Viehrig-Seger bekommt schließlich eine eigene Wohnung zugeteilt, arbeitet im Schichtdienst bei der Bahn. Die beiden Jungs gehen in die Wochenkrippe. Nur an den freien Tagen holt sie ihre Mutter ab. Trotz all des Leids ist Renate Viehrig-Seger glücklich. Bis zu dem Tag, an dem sie plötzlich nur Ramon aus der Krippe mitnehmen darf. Der dreijährige Simon sei krank, heißt es. Er solle doch lieber bleiben, damit er nicht die ganze Familie anstecke. Vierzehn Tage später steht fest, Simon ist bei einer anderen Familie, trägt einen neuen Nachnamen. Das Jugendamt behauptet, Renate Viehrig-Seger habe Adoptionspapiere unterzeichnet. Sie ist fassungslos.

Zwangsadoptionen waren zu DDR-Zeiten üblich. Meist traf es Eltern, die aus Sicht der Behörden nicht in das Gesellschaftsbild passten. Sei es wegen ihrer oppositionellen Haltung zum DDR-System oder schlicht wegen ihrer Biografie. Renate Viehrig-Seger hatte zur damaligen Zeit bereits eine dicke Akte, galt als Ausreißerin und Lügnerin. Selbst ihre eigenen Eltern glauben ihren Beteuerungen nicht. Zwei Jahre lang sprechen sie kein Wort mehr mit der Tochter, die den Verlust ihres ältesten Sohnes verkraften muss. Renate Viehrig-Seger sieht Simon erst wieder, als er bereits ein erwachsener Mann ist.

"Ich glaube, ihr Simon ist mein Sohn"

2004 macht sie sich auf die Suche nach ihm, nachdem ihr eine Bekannte erzählt hatte, sie habe womöglich Simon in Pirna vor dem Kino stehen sehen. Nach vielen Telefonaten erfährt Renate Viehrig-Seger, wie ihr Sohn jetzt mit Nachnamen heißt und dass er in Bayern lebt. Durch Zufall gelangt sie an die Handynummer seiner Freundin. "Sie müssen entschuldigen", sagt Renate Viehrig-Seger. "Wir kennen uns nicht, ich bin auf der Suche nach einem Simon." "Das ist mein Verlobter", sagt die Frauenstimme am Telefon. "Wurde er am 8.11.1977 geboren?", fragt Renate Viehrig-Seger. "Ja", lautet die Antwort. "Ich glaube, ihr Simon ist mein Sohn".

Im Mai 2004 fährt Renate Viehrig-Seger nach Bayern, wo Simon lebt. Seine Verlobte öffnet die Haustür, nimmt ihr den Mantel ab. Viehrig-Seger steht in einem langen Flur, plötzlich öffnet sich eine der Türen - vor ihr steht ein großer Mann mit kantigem Gesicht und kurzen dunkelblonden Haaren. Sie schauen sich in die Augen und fangen gleichzeitig an zu weinen. "Ich wusste sofort, dass das mein Kind ist." Die Mutter zeigt ihm Babybilder. Schließlich reist auch Ramon an und betrinkt sich mit seinem Bruder.

Renate Viehrig-Seger lebt heute in Berlin. Simon wohnt immer noch in Bayern, Mutter und Sohn telefonieren regelmäßig. Mittlerweile ist die 58-Jährige dreifache Oma. Unter der Vergangenheit leidet sie bis heute. Es fällt ihr schwer, anderen zu vertrauen. Es gibt Menschen, die ihr nicht glauben. Die sich nicht vorstellen können, dass ihr das wirklich passiert ist. Deswegen spricht sie offen über ihre Geschichte. Sie macht Führungen im Jugendwerkhof, geht an Schulen. Für sie ist das wie eine Therapie.

Der große Traum

"Es fehlt an Wissen und Forschung, weil zu wenig Menschen Interesse haben an dem Unrecht, dass sich in der DDR ereignet hat", sagt Stefanie Knorr, die die Befragungen im Auftrag der Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch durchgeführt hat. Auch eine entsprechende Entschädigung gebe es bisher nicht. Der Opferfonds für DDR-Heimkinder ist mittlerweile geschlossen. Zu früh, findet Renate Viehrig-Seger. Viele Betroffene würden jetzt erst mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte beginnen.

Was würde sie denn mit dem Geld machen, sollte es doch noch eine Entschädigungszahlung geben? In den Urlaub fahren? Sich ihren großen Traum erfüllen? Der Traum von Renate Viehrig-Seger hat mit den Tieren zu tun, die überall in ihrem Wohnzimmer zu sehen sind: Delfine. Die Tiere faszinieren sie, weil sie so sozial sind. Sie würde gerne mit Delfinen schwimmen. Einfach ins Wasser springen und warten bis eines der Tiere ihr hilft, sie an die Wasseroberfläche bringt. "Was wäre das für ein Gefühl?". Renate Viehrig-Seger wüsste es gern.

© SZ.de/afis/dd/cat
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