Serie: Körperbilder (16):Spastisch behindert - die Maßnahmen ratloser Ärzte

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Es gab nie eine Erklärung für seinen Zustand. Keiner wusste, warum das Kind plötzlich anfing, anders zu sein. Und die Ärzte ratlos. Von einer versteckten Gehirnhautentzündung sprachen sie und operierten an ihm herum, legten ihn nachts in Schienen, betteten ihn in Gips, operierten ihn wieder. Wie er sie hasste, die Krankenhäuser und die Ärzte, die Schienen schob er in der Nacht einfach weg, so kann es nicht sein, das Leben, dachte er. Was konnte man schon machen mit so einem Kind in den fünfziger Jahren. Dem hoffnungslosen Fall.

Es ist heiß, die Vögel singen matt im Petuelpark. Die Hitze ist nicht gut. Manchmal bäumt sich sein Körper auf, sekundenlang, zappelt herum. Wenn es vorbei ist, redet er einfach weiter. Es sind die anderen, die damit Probleme haben, also erklärt er es ihnen. "Weil das Hirn falsche Signale sendet", sagt Werner Schwarz.

"Auch der Querschnitt hat's nicht leicht", sagt er dann. Er macht das manchmal, so einen Satz in den Raum stellen. Er weiß selber, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu vergleichen. Den Querschnittsgelähmten wird von heute auf morgen alles genommen. Ein Unfall, wumm. Bei ihm gab es kein Wumm. Er hat die Dinge eben nie kennengelernt. Natürlich gibt es Momente, in denen er sich fragt, wie es gewesen wäre, Fußball spielen, in der Disco tanzen, allein sein, spontan sein, weggehen, das hat er am meisten vermisst. Obwohl, Tänzer wäre er ohnehin nie geworden, das ist ihm zu affig. Traurig ist es trotzdem, alles zu verpassen, aber wütend, nein, wütend war er nie. Er hat gelitten, weil er verliebt war und sie nicht. Und natürlich dachte er, es liegt an seinem Körper.

Er schaut sich an. Seinen verkrampften Körper, sein Gesicht, das erstaunlich jung geblieben ist. Er hat einen quergestreiften Pullover an, eine helle Hose, passende braune Schühchen. Eitel, naja, vielleicht ein bisschen. Aber mal ehrlich, was da um ihn herum passiert, das sei doch alles krank. Fitnesswahn, Muskeltraining, Schönheits-Operationen bei Sechzehnjährigen. "Geht's noch." Frauen, die sich Nervengift in Falten spritzen und sich mit hochhackigen Schuhen verkrüppeln. "Alles hirnlos." Implantate. "Die Gesellschaft tut sich damit keinen Gefallen." Männermuskelgeprotze und die Frauen mit ihren himmellangen Beinen. "Gefällt mir gar nicht." Sagt er.

Bei ihm sind die Beine nicht so lang, irgendwann ist sein Körper einfach nicht mehr gewachsen. Und er lässt nach. Die anderen merken das gar nicht, dass er sich nachts im Bett immer schlechter bewegen kann, jede Drehung ein Kampf. Selber Eis essen, selber aufstehen, selber ins Bad gehen, pinkeln, irgendwann in diesem Leben konnte er das. "Ich verdränge das nicht, ich sehe es ja, es geht dann einfach nicht mehr." Es kommt in Schüben. Und es hat Folgen, weil die Gelenke immer weniger bewegt werden, die Sehnen verändern sich, die Muskeln. Wie eine Tür, die zehn Jahre lang krumm hängt. Er braucht jetzt beim Essen einen Helfer. Er lacht: "Da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an."

Überforderte Ärzte

Dann summt Werner Schwarz wieder hoch in seine Wohnung in der Pfennigparade. Man kennt ihn hier, er ist Bewohnersprecher, Mieterbeirat, hilft bei Computer- und Rechtsfragen. Er hatte schon immer Ziele, das hat geholfen. Der Oberarm kam irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Er ist hingefallen, es war ein glatter Durchbruch. Er hat es sofort gemerkt, ist rübergerollt ins Schwabinger Krankenhaus, wo ihm ein Arzt für sechs Wochen den Arm an den Oberkörper binden wollte. "Ärzte sind da oft überfordert. Die können Krankheit und Behinderung nicht auseinanderhalten", sagt er, schaut seinen Pfleger an, der hält ihm das Brot hin, Werner Schwarz beißt ab. Das Knie hat er sich im Bad zertrümmert. "Seitdem ist der Haxn jetzt auch steif."

Er bietet Wasser an und Kaffee. Nur holen muss man sich die Getränke selber. Noch gar nicht so lange her, da konnte er noch alleine trinken. Geht jetzt auch nicht mehr. "Tja", sagt Werner Schwarz. Dann sagt er: "Brot." Der Pfleger schiebt ihm Salamibrot in den Mund. Es ist Mittagszeit. Dann fährt er los, der Rollstuhl summt leise, er fährt Richtung Regal, rammt es, lässt den Hebel nicht los, es summt und summt, sein rechter Fuß klemmt zwischen Stuhl und Regal, er fährt weiter, lässt den Hebel nicht los, und währenddessen, als sei nichts, sagt er, dass er schon gerne einmal Fußball gespielt hätte, einmal nur, um zu sehen, ob er gut gewesen wäre. Dann fährt er zurück zum Tisch. Sein Ballettfüßchen steht jetzt wieder dort, wo es stehen soll.

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