Süddeutsche Zeitung

Serie: Körperbilder (16):"Ich sehe behinderter aus, als ich mich fühle"

Lesezeit: 5 min

Werner Schwarz meistert souverän sein Leben in einem Körper, der immer weniger funktioniert.

Karin Steinberger

Natürlich nervt dieser Körper, schief wie er ist, in großen Teilen unbrauchbar. Wie ein verbogener Metzgerhaken liegt er im Rollstuhl. Die linke Schulter hängt an ihm wie eine Rutschbahn. Die rechte sieht aus, als würde sie irgendwo am Ohr beginnen. Ein Fuß ist so weit zur Seite gedreht, es sieht aus wie die Position einer Balletttänzerin. Ausgerechnet.

"Tja, da gibt's nichts zu kaschieren", sagt Werner Schwarz, Schuhgröße 38, geschätzte Körpergröße 160 Zentimeter, Diplominformatiker, 15 Jahre Siemens, spastisch behindert. Seine linke Hand krallt sich um einen Stift. Sie ist ohnehin seit Jahren zur Faust verkrampft. Die Spastik wollte er wenigstens nutzen. Mit Stift hat er seine Reichweite erweitert, zum Kratzen. Geht ja nicht, irgendeinen Passanten zu fragen, hier, gleich am Kinn bitte.

Er sei schon immer "hemmungslos optimistisch" gewesen, sagt er, also hat er sich darangemacht, die Welt um sich herum auf seinen Zustand einzustellen. Er beobachtet sich, jede Veränderung seines Körpers bringt eine Veränderung seiner Wohnung. Er hat elektrische Summer an Bett und Rollstuhl anbringen lassen, um jederzeit die Wohnungstüre öffnen zu können, er hat das Telefon mit Frei- sprechanlage ganz an den Rand gestellt, um mit seinen immer steiferen Fingern den Knopf drücken zu können, er hat eine elektrische Heizungssteuerung und elektrische Rollos installieren lassen, die Möbel sind robust, weil er oft daran entlangschrammt, die Tassen werden höher und haben einen Henkel, sodass er sie in der Not zwischen seine zwei zusammengeballten Hände klemmen kann.

Langsamer Verfall

"Ok", sagt er, "gehen wir in den Park." Werner Schwarz macht leise summende Geräusche, wenn er "geht". Er summt vor zum Lift, summt durch den Haupteingang des Wohnhauses der Pfennigparade, summt vorbei an all den anderen Rollstuhlfahrern, über die Straße. Es sei wie eine Befreiung gewesen, als er 1974 seinen ersten Rollstuhl bekam, sagt er und rollt die Rampen hoch im Petuelpark. Rollt rauf und runter, so wie damals, als er Tage und Wochen nichts anderes tat, als mit dem neuen Rollstuhl herumzufahren, wie ein Verrückter, schnell und hemmungslos. Weil er davor wie ein Gefangener war in diesem Körper, der ihn immer mehr im Stich ließ. Es war, wie wenn man eine Brille bekommt und endlich sehen darf. So sei das gewesen, sagt er.

Die Fotografin bringt einen Spiegel für die Aufnahmen. Es gefällt ihm, er und der Spiegel, so viel Aufwand. Dann sagt er: "Wenn ich in den Spiegel schaue, ich sehe behinderter aus, als ich mich fühle." Er hat sich schon als Kind mit seinem Körper arrangiert. Er hat gleich erkannt, Schlosser kann er nicht werden. Dann schon eher was Geistiges. Vorgesehen war das nicht, das behinderte Kind. Aber er war stur, ist einfach hineingerollt in die Schule und hat sich durchgesetzt, wollte auch endlich Zahlen und Buchstaben begreifen, wie die kleine Schwester, die ihm ein wenig beibrachte. So kam er weg von zu Hause. So kam er zu Erfolgserlebnissen. Der aus dem "Krüppelheim" - Klassenbester. "Man darf sich nicht zu sehr reduzieren", sagt Werner Schwarz und lächelt ihn an, den Mann im Spiegel.

Spastisch behindert, als könnte ein Name den langsamen Verfall umfassen. Passt ohnehin nicht alles ins Bild. Er hat keine Sprachprobleme, nie gehabt. Aber was macht es schon, keinen Begriff zu finden. Er weiß genug. Besser jedenfalls wurde es nie. Erst zog er das Bein nach, dann wurde das Gehen zur Qual, der Vater, ein Schlosser, baute eine Gehhilfe. Sein Leben war der Wohnungsgang, auf und ab, auf und ab. Eine Kindheit zwischen Küche und Bad, ertränkt in Liebe.

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Spastisch behindert - die Maßnahmen ratloser Ärzte

Es gab nie eine Erklärung für seinen Zustand. Keiner wusste, warum das Kind plötzlich anfing, anders zu sein. Und die Ärzte ratlos. Von einer versteckten Gehirnhautentzündung sprachen sie und operierten an ihm herum, legten ihn nachts in Schienen, betteten ihn in Gips, operierten ihn wieder. Wie er sie hasste, die Krankenhäuser und die Ärzte, die Schienen schob er in der Nacht einfach weg, so kann es nicht sein, das Leben, dachte er. Was konnte man schon machen mit so einem Kind in den fünfziger Jahren. Dem hoffnungslosen Fall.

Es ist heiß, die Vögel singen matt im Petuelpark. Die Hitze ist nicht gut. Manchmal bäumt sich sein Körper auf, sekundenlang, zappelt herum. Wenn es vorbei ist, redet er einfach weiter. Es sind die anderen, die damit Probleme haben, also erklärt er es ihnen. "Weil das Hirn falsche Signale sendet", sagt Werner Schwarz.

"Auch der Querschnitt hat's nicht leicht", sagt er dann. Er macht das manchmal, so einen Satz in den Raum stellen. Er weiß selber, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu vergleichen. Den Querschnittsgelähmten wird von heute auf morgen alles genommen. Ein Unfall, wumm. Bei ihm gab es kein Wumm. Er hat die Dinge eben nie kennengelernt. Natürlich gibt es Momente, in denen er sich fragt, wie es gewesen wäre, Fußball spielen, in der Disco tanzen, allein sein, spontan sein, weggehen, das hat er am meisten vermisst. Obwohl, Tänzer wäre er ohnehin nie geworden, das ist ihm zu affig. Traurig ist es trotzdem, alles zu verpassen, aber wütend, nein, wütend war er nie. Er hat gelitten, weil er verliebt war und sie nicht. Und natürlich dachte er, es liegt an seinem Körper.

Er schaut sich an. Seinen verkrampften Körper, sein Gesicht, das erstaunlich jung geblieben ist. Er hat einen quergestreiften Pullover an, eine helle Hose, passende braune Schühchen. Eitel, naja, vielleicht ein bisschen. Aber mal ehrlich, was da um ihn herum passiert, das sei doch alles krank. Fitnesswahn, Muskeltraining, Schönheits-Operationen bei Sechzehnjährigen. "Geht's noch." Frauen, die sich Nervengift in Falten spritzen und sich mit hochhackigen Schuhen verkrüppeln. "Alles hirnlos." Implantate. "Die Gesellschaft tut sich damit keinen Gefallen." Männermuskelgeprotze und die Frauen mit ihren himmellangen Beinen. "Gefällt mir gar nicht." Sagt er.

Bei ihm sind die Beine nicht so lang, irgendwann ist sein Körper einfach nicht mehr gewachsen. Und er lässt nach. Die anderen merken das gar nicht, dass er sich nachts im Bett immer schlechter bewegen kann, jede Drehung ein Kampf. Selber Eis essen, selber aufstehen, selber ins Bad gehen, pinkeln, irgendwann in diesem Leben konnte er das. "Ich verdränge das nicht, ich sehe es ja, es geht dann einfach nicht mehr." Es kommt in Schüben. Und es hat Folgen, weil die Gelenke immer weniger bewegt werden, die Sehnen verändern sich, die Muskeln. Wie eine Tür, die zehn Jahre lang krumm hängt. Er braucht jetzt beim Essen einen Helfer. Er lacht: "Da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an."

Überforderte Ärzte

Dann summt Werner Schwarz wieder hoch in seine Wohnung in der Pfennigparade. Man kennt ihn hier, er ist Bewohnersprecher, Mieterbeirat, hilft bei Computer- und Rechtsfragen. Er hatte schon immer Ziele, das hat geholfen. Der Oberarm kam irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Er ist hingefallen, es war ein glatter Durchbruch. Er hat es sofort gemerkt, ist rübergerollt ins Schwabinger Krankenhaus, wo ihm ein Arzt für sechs Wochen den Arm an den Oberkörper binden wollte. "Ärzte sind da oft überfordert. Die können Krankheit und Behinderung nicht auseinanderhalten", sagt er, schaut seinen Pfleger an, der hält ihm das Brot hin, Werner Schwarz beißt ab. Das Knie hat er sich im Bad zertrümmert. "Seitdem ist der Haxn jetzt auch steif."

Er bietet Wasser an und Kaffee. Nur holen muss man sich die Getränke selber. Noch gar nicht so lange her, da konnte er noch alleine trinken. Geht jetzt auch nicht mehr. "Tja", sagt Werner Schwarz. Dann sagt er: "Brot." Der Pfleger schiebt ihm Salamibrot in den Mund. Es ist Mittagszeit. Dann fährt er los, der Rollstuhl summt leise, er fährt Richtung Regal, rammt es, lässt den Hebel nicht los, es summt und summt, sein rechter Fuß klemmt zwischen Stuhl und Regal, er fährt weiter, lässt den Hebel nicht los, und währenddessen, als sei nichts, sagt er, dass er schon gerne einmal Fußball gespielt hätte, einmal nur, um zu sehen, ob er gut gewesen wäre. Dann fährt er zurück zum Tisch. Sein Ballettfüßchen steht jetzt wieder dort, wo es stehen soll.

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Quelle:
SZ vom 22.05.2009
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