Serie: Körperbilder (16):"Ich sehe behinderter aus, als ich mich fühle"

Werner Schwarz meistert souverän sein Leben in einem Körper, der immer weniger funktioniert.

Karin Steinberger

Natürlich nervt dieser Körper, schief wie er ist, in großen Teilen unbrauchbar. Wie ein verbogener Metzgerhaken liegt er im Rollstuhl. Die linke Schulter hängt an ihm wie eine Rutschbahn. Die rechte sieht aus, als würde sie irgendwo am Ohr beginnen. Ein Fuß ist so weit zur Seite gedreht, es sieht aus wie die Position einer Balletttänzerin. Ausgerechnet.

Werner Schwarz; Serie Körperbilder; Catherina Hess

Werner Schwarz begann als Kind zu hinken, dann konnte er kaum noch gehen. Der Rollstuhl war wie eine Befreiung.

(Foto: Foto: SZ/Catherina Hess)

"Tja, da gibt's nichts zu kaschieren", sagt Werner Schwarz, Schuhgröße 38, geschätzte Körpergröße 160 Zentimeter, Diplominformatiker, 15 Jahre Siemens, spastisch behindert. Seine linke Hand krallt sich um einen Stift. Sie ist ohnehin seit Jahren zur Faust verkrampft. Die Spastik wollte er wenigstens nutzen. Mit Stift hat er seine Reichweite erweitert, zum Kratzen. Geht ja nicht, irgendeinen Passanten zu fragen, hier, gleich am Kinn bitte.

Er sei schon immer "hemmungslos optimistisch" gewesen, sagt er, also hat er sich darangemacht, die Welt um sich herum auf seinen Zustand einzustellen. Er beobachtet sich, jede Veränderung seines Körpers bringt eine Veränderung seiner Wohnung. Er hat elektrische Summer an Bett und Rollstuhl anbringen lassen, um jederzeit die Wohnungstüre öffnen zu können, er hat das Telefon mit Frei- sprechanlage ganz an den Rand gestellt, um mit seinen immer steiferen Fingern den Knopf drücken zu können, er hat eine elektrische Heizungssteuerung und elektrische Rollos installieren lassen, die Möbel sind robust, weil er oft daran entlangschrammt, die Tassen werden höher und haben einen Henkel, sodass er sie in der Not zwischen seine zwei zusammengeballten Hände klemmen kann.

Langsamer Verfall

"Ok", sagt er, "gehen wir in den Park." Werner Schwarz macht leise summende Geräusche, wenn er "geht". Er summt vor zum Lift, summt durch den Haupteingang des Wohnhauses der Pfennigparade, summt vorbei an all den anderen Rollstuhlfahrern, über die Straße. Es sei wie eine Befreiung gewesen, als er 1974 seinen ersten Rollstuhl bekam, sagt er und rollt die Rampen hoch im Petuelpark. Rollt rauf und runter, so wie damals, als er Tage und Wochen nichts anderes tat, als mit dem neuen Rollstuhl herumzufahren, wie ein Verrückter, schnell und hemmungslos. Weil er davor wie ein Gefangener war in diesem Körper, der ihn immer mehr im Stich ließ. Es war, wie wenn man eine Brille bekommt und endlich sehen darf. So sei das gewesen, sagt er.

Die Fotografin bringt einen Spiegel für die Aufnahmen. Es gefällt ihm, er und der Spiegel, so viel Aufwand. Dann sagt er: "Wenn ich in den Spiegel schaue, ich sehe behinderter aus, als ich mich fühle." Er hat sich schon als Kind mit seinem Körper arrangiert. Er hat gleich erkannt, Schlosser kann er nicht werden. Dann schon eher was Geistiges. Vorgesehen war das nicht, das behinderte Kind. Aber er war stur, ist einfach hineingerollt in die Schule und hat sich durchgesetzt, wollte auch endlich Zahlen und Buchstaben begreifen, wie die kleine Schwester, die ihm ein wenig beibrachte. So kam er weg von zu Hause. So kam er zu Erfolgserlebnissen. Der aus dem "Krüppelheim" - Klassenbester. "Man darf sich nicht zu sehr reduzieren", sagt Werner Schwarz und lächelt ihn an, den Mann im Spiegel.

Spastisch behindert, als könnte ein Name den langsamen Verfall umfassen. Passt ohnehin nicht alles ins Bild. Er hat keine Sprachprobleme, nie gehabt. Aber was macht es schon, keinen Begriff zu finden. Er weiß genug. Besser jedenfalls wurde es nie. Erst zog er das Bein nach, dann wurde das Gehen zur Qual, der Vater, ein Schlosser, baute eine Gehhilfe. Sein Leben war der Wohnungsgang, auf und ab, auf und ab. Eine Kindheit zwischen Küche und Bad, ertränkt in Liebe.

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