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Serdar Somuncu:Ein Pubertierender, der Niklas Luhmann zitieren könnte

Serdar Somuncu

Ist es eigentlich schlimmer, dass ich den Witz gemacht habe oder dass ihr darüber lacht?" Serdar Somuncu.

(Foto: Thomas Rabsch/laif)

So geht Somuncu. Er stellt dem Publikum Fallen, überall. Er kitzelt mit dem Florett, und wenn alle lächeln, besoffen von der eigenen Großherzigkeit, kommt der Presslufthammer. Er redet über Verteilungsgerechtigkeit und inszeniert dann ein Casting für rumänische Bettelbanden. Er predigt Toleranz, beschimpft die AfD und ruft: "Juden sind ein faules Pack!"

Die Leute im Publikum, die meisten zwischen 25 und 50 Jahre alt, Studenten, Einwanderer der dritten Generation, ein paar Senioren, lachen zuweilen laut. Setzt der Verstand ein, wird aus dem offenen Hahaha ein hohles Hohoho. Geht gar nicht, jetzt zu lachen.

Somuncu zeigt auf einen Mann in der dritten Reihe: "Ach, das findest du also lustig? Du traust dich was!" Das Publikum johlt. "Ist es eigentlich schlimmer, dass ich den Witz gemacht habe oder dass ihr darüber lacht?", fragt Somuncu.

Das unterscheidet ihn von den Comedians mit ihren Bruhaha-Witzen, die bei Privatsendern lärmen. Oder den öffentlich-rechtlichen Witzvorlegern, die den eigentümlichen Gymnasiallehrerhumor der Achtziger pflegen. Somuncu ist unberechenbar, einer, der Sex an den Stromkasten schreibt wie ein Pubertierender, danach aber Niklas Luhmanns Überlegungen zur Intimität zitieren könnte.

Kein Auftritt kommt ohne "Fotze" oder "Muschi" aus, aber auch nicht ohne Monologe zum Datenschutz, zu Rassismus, zu Erdoğan. Wann Somuncu welches Niveau bedient, ist unvorhersehbar. "Bei mir soll sich kein Zuschauer sicher fühlen", sagt er. Leute gingen zu Kabarettisten oder Comedians, um das zu hören, was sie erwarten. "Da kann man genauso gut zu Hause bleiben."

Geht Fotze im öffentlich-rechtlichen TV?

Dass Somuncu an Grenzen geht wie kaum einer im deutschen Humorbetrieb, macht ihn interessant - und brisant für die Sender. Meint der das so oder will der nur spielen? Geht Fotze im öffentlich-rechtlichen TV? "Es gibt fast keinen Auftritt im Fernsehen von mir", sagt Somuncu, "der nicht zensiert wurde."

Eine Redakteurin des WDR hat ihn gerade angezeigt, weil er auf der Bühne der Körber-Stiftung in Hamburg über sie und Kollegen gesagt hat: "Diese Arschlöcher nehmen sich heraus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. (...) Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus." Das war Ende 2015, das Youtube-Video davon hatte bis vor Kurzem kaum einer gesehen.

Wenn einer so frei ist, Menschen mit Vulgärprosa zu bedenken, können die natürlich so frei sein, das doof zu finden. Es ist aber auch ein wenig lächerlich. Und auch eine Frage der Kunstfreiheit. Es gab viele Anzeigen, bislang hatte keine Erfolg.

Was will er sein? Comedian? Satiriker? Kabarettist? "Warum muss ich irgendetwas sein?", fragt Somuncu zurück. "Ich bin kein Dienstleister des Publikums. Ich bin nicht da, um Erwartungen zu erfüllen", sagt er am Morgen des Auftritts beim Gespräch in Köln. Schauspieler sei er, allenfalls Stand-up-Comedian.

Als Kind war er zeitweise im Heim, Nonnen fesselten ihn ans Bett. Manchmal träumt er davon

Man trifft sich im Stadtteil Ehrenfeld, da, wo der Zeitgeist neben Dönershops wohnt. "Was die Leute wollen, spielt in meinem Kunstbegriff keine Rolle", sagt er. "Wenn es nur eine Bestätigung ist, und ich eine Kopie von dem werde, was die Leute sehen wollen, ist das keine eigenständige Kunst mehr, dann ist das Reproduktion."

Somuncu kam als Einjähriger nach Neuss, sein Vater besaß ein Gazino in Istanbul, einen Liveclub mit Restaurant, in dem Stars auftraten wie die Schmalzsängerin Bülent Ersoy. Die Mutter war Küchenhilfe.

Aus Geldnot zogen sie nach Deutschland, rackerten, der Junge war wochentags im Heim. Die Nonnen fixierten ihn nachts an Armen, Beinen und am Hals, als er versuchte wegzulaufen. Dem verängstigten Kind drohten sie, es solle ja nichts erzählen, den Eltern erklärten sie die Wunden mit unruhigem Schlaf.

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