Portia de Rossi im Interview: "Am Anfang trainierst du einfach mehr und ernährst dich 'gesund'"

SZ: In der Zeit bei "Ally McBeal" haben Sie 22 Kilo abgenommen. Hat Sie nicht mal jemand aus dem Team drauf angesprochen?

Rossi: Nicht wirklich . . . Aber das heißt nicht viel. Wissen Sie, Gewichtsverlust ist eine subtile Sache. Am Anfang trainierst du einfach mehr und ernährst dich "gesund", also Salat ohne Dressing, Hühnchen ohne Haut, Joghurt ohne Fett. An diesem Punkt denken alle, dass du dich voll unter Kontrolle hast, sie bewundern dich für deine Disziplin. Dann kommt der Moment, wo du etwas untergewichtig aussiehst. Nach Fernsehmaßstäben ist "leicht untergewichtig" aber genau der Zustand, auf den man hinarbeitet - weil der Bildschirm etwa fünf Kilo hinzuaddiert. Ich war also ein paar Monate lang ein bisschen untergewichtig, und dann merkte ich, dass meine Ellbogen so weit herausstanden, dass es nicht mehr gut aussah. Deshalb habe ich nur noch langärmelige Oberteile getragen. Ich habe alles getan, um davon abzulenken, wie ausgemergelt ich war.

SZ: Na, ein paar Leute werden die Augen schon zugedrückt haben.

Rossi: Ganz ehrlich - die einzigen, die meinen Körper in dieser Zeit wirklich gesehen haben, waren die Kostümbildnerinnen und meine Trainer im Gym. Deshalb kann ich auch nicht wirklich behaupten, die Filmindustrie hat es verbockt. Wenn mich doch mal jemand vorsichtig drauf angesprochen hat, habe ich das gesagt, was alle sagen: "Oh Gott, ich weiß, ich bin zu dünn, aber ich arbeite einfach unglaublich hart im Moment . . ."

SZ: Können Sie einen normalen Tag aus dieser Lebensphase schildern?

Rossi: Ich bin frühmorgens vor der Arbeit eine Stunde aufs Laufband gestiegen, danach kamen Sit-ups und Leg Lifts, in der Mittagspause bin ich wieder aufs Laufband, ich war eigentlich permanent in Bewegung. Im Bett habe ich noch meine Füße bewegt, um die Kalorienverbrennung zu unterstützen.

SZ: Wie viele Kalorien waren es denn?

Rossi: Ich habe täglich nicht mehr als 300 Kalorien zu mir genommen.

SZ: Das entspricht weniger als 100 Gramm Cornflakes . . .

Rossi: Morgens habe ich eine winzige Portion Eiweiß gegessen, mittags eine winzige Portion Thunfisch, abends gab es entweder einen Hauch gegrilltes Hühnchen mit Salat oder nur Pickle oder nur Senf. Natürlich alles aufs Gramm genau abgewogen.

SZ: Entschuldigung, aber wie hält man das aus?

Rossi: Man hat seine Tricks. Ich hatte immer irgendetwas Kalorienarmes zum Knabbern in der Tasche. Ich habe kleinste Portionen fettfreien Joghurts abgewogen, tiefgefroren und dann gelutscht. Es ging darum, mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich mehr aß, als es tatsächlich der Fall war. Aber die Wahrheit ist natürlich: Man hält es nicht aus. An jedem einzelnen Tag hat der Gedanke an Essen und Kalorien und das Wiederabtrainieren von Mahlzeiten meine komplette Energie aufgefressen. Und es wird immer schlimmer, je länger du den Korridor hinunterläufst, der Magersucht in die Arme. Sie betrifft alles. Absolut alles.

SZ: Gab es noch so etwas wie ein soziales Leben für Sie?

Rossi: Ich habe jemanden engagiert, der für mich im Supermarkt eingekauft hat. Damit ich nicht in Versuchung komme. Ich bin auch nicht mehr auf Partys gegangen, aus Angst vor dem Essen und dem Alkohol. Aber was ich eigentlich sagen möchte: Die Diät ist die Einstiegsdroge. Wer erst mal anfängt, Situationen zu meiden, in denen andere essen, der steckt in Schwierigkeiten. Und wenn du magersüchtig bist, willst du nicht einfach nur Diät machen. Du willst der beste Diätmensch in der ganzen Welt sein. Während alle anderen irgendwann doch in den Cupcake beißen, hältst du durch.

SZ: Das hat Ihnen Genugtuung verschafft?

Rossi: Oh, absolut. Das Belohnungssystem war simpel und kalkulierbar: Jedesmal, wenn die Waage ein halbes Kilo weniger anzeigte, fühlte sich das wie ein gewaltiger Erfolg an. Der Beweis, dass die Mühe sich auszahlte.

SZ: Wie verbreitet sind Essstörungen bei Hollywood-Schauspielerinnen?

Rossi: Sehr. Ich glaube ja, dass Essstörungen bei Frauen insgesamt verbreiteter sind, als wir denken. Bei Schauspielerinnen grassieren sie regelrecht. Die meisten gestehen es sich nicht ein, sie glauben, dass ihr Essverhalten zu ihrem Lifestyle dazugehört.

SZ: Lifestyle?

Rossi: Es ist so: Wenn du in Hollywood eine Rolle bekommst und zwei Monate Zeit zur Vorbereitung hast, gehst du auf Diät. Du hungerst, machst Workouts, dann drehst du deinen Film. Aber wenn der letzte Tag am Set gelaufen ist, rennst du zum nächsten McDonald's und kaufst den Cheeseburger. Du isst all das, worauf du die ganze Zeit verzichtet hast. Viele Schauspielerinnen haben enorme Gewichtsschwankungen, dahinter stecken Essstörungen. Aber keine gibt es zu. Es heißt einfach: "Ich bereite mich gerade auf eine Rolle vor."

SZ: Auf dem Höhepunkt Ihrer Magersucht, hätte da jemand zu Ihnen durchdringen können? Wäre es möglich gewesen zu helfen?

Rossi: Ehrlich, ich weiß es nicht. Die meisten Leute sagen ja: "Ich mache mir Sorgen um dich, du bist zu dünn." Immer, wenn ich das gehört habe, war ich so froh. Gott sei Dank, ich bin dünn! Auch das Mitgefühl, diese plötzliche Liebe haben mir gut getan. Ich fand das so reizend, dass sich da jemand Sorgen um mich machte und mir helfen wollte. Oder ich dachte: Du bist ja nur neidisch, weil du dicker bist als ich.

SZ: Was hätten Sie denn nicht so gerne gehört?

Rossi: Was mir eher geholfen hätte, wäre gewesen: "Du siehst schrecklich aus. Du siehst schwach aus. Du siehst aus, als ob es dir total dreckig geht." Weil ich ja immer rüberkommen wollte wie jemand, der alles im Griff hat. Mein Bruder hat mich einmal unangemeldet im Fitnessstudio abgeholt und ist vor Entsetzen in Tränen ausgebrochen, als er meinen Körper gesehen hat. Das hat mich schockiert.

SZ: Sie wogen damals bei einer Körpergröße von 1,68 Meter noch 37 Kilogramm.

Rossi: Ja.

SZ: Das ist Wahnsinn.

Rossi: Ich weiß.

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