Reden wir über Liebe: Fremdscham Peinlich tanzen und rülpsen

Mindestens ebenso gefürchtet: Wenn sich der Partner auf der Tanzfläche zum Horst macht ...

Selbst da kommt es darauf an, in welchem Umfeld man sich bewegt. Und wie stark sich bei einer Gruppe Berufliches und Privates überschneidet. Dann könnte es sein, dass Verhaltensweisen oder ein spezieller Humor plötzlich vor einer Öffentlichkeit präsentiert werden, die davon eigentlich nichts mitbekommen sollte.

Was ist mit miesen Witzen, Rassismus oder sexistischen Bemerkungen - geht das nicht zu weit?

Hier unterscheiden wir drei Kategorien: Jemand tut unabsichtlich etwas, von dem er sofort weiß, dass es peinlich ist - etwa stolpern. In dem Fall ist das Gefühl der Fremdscham nicht so stark, weil der andere selbst signalisiert, dass es ihm unangenehm ist. Schwieriger wird es, wenn einer absichtlich solche Verhaltensweisen an den Tag legt, wie es manchmal bei Pubertierenden zu beobachten ist, zum Beispiel, wenn sie ihren Namen rülpsen.

Frieder Paulus erforscht an der Universität Lübeck mit den Wissenschaftlern Sören Krach und Laura Müller-Pinzler das Phänomen des Fremdschämens.

(Foto: privat)

Ok, das ist wirklich peinlich, vermutlich ist dann Alkohol im Spiel. Was ist die dritte Kategorie?

Wenn solche Entgleisungen unbewusst erfolgen. Wenn sie immer noch einen Witz erzählt, obwohl niemand mehr lacht. Wenn er geschmacklose Bemerkungen macht und in seiner Sichtweise gefangen ist. Auch hier wird Privates öffentlich gemacht: das Selbstbild, das man von sich kommuniziert und wie man von anderen gesehen werden will. Dieses Bild wird durch das Verhalten des Partners beschädigt, und damit die soziale Integrität. Die anderen fragen sich womöglich: Was hat der oder die bloß für einen Partner? Da ist die Fremdscham am stärksten. Und die Angst, dass das auf einen zurückfällt.

Ist diese Angst berechtigt?

Häufig ist es so, dass den anderen gar nichts am Partner aufgefallen ist. Die freuen sich einfach, dass er da ist. Wenn man sich ständig fragt, wie er ankommt und wahrgenommen wird, sagt das auch etwas über einen selbst aus und nicht nur über den Partner. Alles, was uns stellvertretend peinlich ist, ist auch in uns selbst verankert.

Wie kommt es zu dieser Wahrnehmungsschere?

Wir sollten bedenken, dass Normen auch innerhalb einer Beziehung nicht immer gleich ausgeprägt sind - etwa die Vorstellung, wie ordentlich, sportlich oder tolerant man sein sollte. Sei es, weil man unterschiedlich erzogen wurde. Sei es, weil man sich als Person in einem bestimmten Alter oder einer Lebensphase verändert. Oder aber, weil sich durch einen Jobwechsel der soziale Kontext für einen von beiden ändert. Womöglich hat der Partner die Veränderung noch gar nicht verinnerlicht. Dann empfindet man ihn plötzlich als peinlich, obwohl er sich verhält wie immer.

Wie geht man damit am besten um?

Darüber reden hilft eigentlich immer. Es ist wichtig, zu erklären, warum das für einen von beiden peinlich war. Weil man damit auch das eigene Wesen erklärt.

Wird die Fremdscham mit der Zeit weniger, wenn man länger zusammen ist oder älter wird?

Nur, wenn es einem weniger bedeutet, was andere über einen denken. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Kann sein, dass man nicht mehr so oft in die Öffentlichkeit geht, oder dass man einen Freundeskreis hat, bei dem die Normen klar und für jeden gültig sind.

Normalerweise würde ich Sie an dieser Stelle fragen, was Sie durch Ihre Forschung über die Liebe gelernt haben. Dürfte ich stattdessen erfahren, was Ihre schlimmste Fremdscham-Erfahrung war?

Ich würde lieber eine Anekdote von einem Teilnehmer einer unserer ersten Studien anbringen. Das peinlichste, das er jemals erlebt habe, sei ein Familienfest gewesen, auf dem seine Tanten die Gebisse getauscht hätten, erzählte er.

Oh je. Offenbar ist es manchen im Alter also doch egal, was andere von einem denken.

Womöglich war ihnen das zuvor auch schon egal. Und sie hatten nur nicht die Gelegenheit, solche Dinge mit ihren Gebissen anzustellen.

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