Reden wir über Liebe: Fremdscham Warum wir uns für den Partner schämen

In dem Aufzug willst du mit mir unter die Leute?

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Je näher uns ein Mensch steht, umso peinlicher ist er uns manchmal. Warum das vor allem etwas über uns aussagt, erklärt ein Psychologe.

Von Violetta Simon

Wer kennt nicht das Gefühl, wenn der Partner auf der Party seinen Ausdruckstanz zelebriert oder endlos Witze erzählt, über die keiner lacht. Dabei erzählt Fremdscham mehr über einen selbst als über den Partner, sagt Frieder Paulus, Juniorprofessor für Methoden sozialer Neurowissenschaften. Der 37-jährige erforscht seit 2008 mit den Wissenschaftlern Sören Krach und Laura Müller-Pinzler von der Universität Lübeck das Phänomen des Fremdschämens.

SZ: Herr Paulus, reden wir über Liebe. Warum schämen sich Menschen für ihren Partner?

Frieder Paulus: Aus denselben Gründen, aus denen sie sich für ihr eigenes Verhalten schämen - weil es nicht den persönlichen Vorstellungen entspricht. Jeder Mensch wächst mit Werten und Normen auf und bemüht sich, diesen gerecht zu werden.

Wenn man zu zweit ist, ärgert man sich eher, wenn der andere das Messer abschleckt. Wie wird aus Ärger Fremdscham?

Jede Art von Peinlichkeit braucht Öffentlichkeit, etwa ein Restaurant. Es müssen andere dabei sein, die das beobachten - und manchmal reicht schon die Vorstellung. Widersetzt sich der Partner bestimmten Normen, fragt man sich, was das Umfeld jetzt über ihn denkt und ob er womöglich abgewertet wird.

Burn-out? Oft liegt es an der Partnerschaft

Wie gesundheitsschädlich ist die Ehe? In "Reden wir über Liebe" erklärt ein Spezialist für Psychosomatik, wann sich eine unglückliche Beziehung auf die Gesundheit auswirken kann. Von Violetta Simon mehr ...

Aus Mitgefühl - oder weil man fürchtet, selbst abgewertet zu werden?

Beides. Einerseits sind wir in der Lage, uns in andere hineinzuversetzen, etwa, wenn sich jemand Kaffee über den Schoß kippt. Dann fühlen wir mit der Person. Andererseits fürchten wir, dass das Verhalten des anderen auf uns zurückfällt. Man teilt eine gemeinsame Geschichte, der andere gehört zum Selbstbild - ähnlich wie Eltern und Geschwister. Wenn die sich daneben benehmen, empfindet man das heftiger als bei Bekannten oder Fremden.

Dennoch leben Dschungelcamp und ähnliche Sendungen von der Fremdscham. Inwiefern unterscheidet sich das Gefühl beim Anblick unbekannter Selbstdarsteller von dem, wenn der Partner sich peinlich benimmt?

Bei solchen TV-Formaten ist die Bloßstellung gewollt, die Personen werden aus ihrem Kontext gerissen und verstoßen gegen Konventionen. Man kann sich in Unbekannte nicht so gut hineinversetzen, aber es reicht, um sich vorzustellen, wie peinlich es einem selbst wäre. Der Unterschied ist: Nichts, was diese Leute tun, fällt auf einen selbst zurück.

Man hört immer wieder, dass sich Frauen besonders häufig für ihren Partner schämen. Stimmt das?

Das wissen wir nicht, und diese Annahme würde alle ausschließen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben. Was wir aber aus den Forschungen wissen: Menschen, die sich besonders gut in andere hineinversetzen können und bemüht sind, sich in andere hineinzufühlen, berichten, dass sie sich häufiger fremdschämen.

Welche Situationen werden als besonders peinlich empfunden?

Das ist unterschiedlich - je nachdem, mit welchen Wertvorstellungen man sozialisiert wurde, in welchem Umfeld man sich bewegt und in welcher Situation man sich befindet. Auch hat sich das Verständnis, was als angemessenes Verhalten gilt, im Laufe der Jahrzehnte verändert. Hätte in den Fünfzigerjahren ein Mann seiner Frau die Tür nicht aufgehalten, hätte er sich zum Gespött gemacht. Heute würde das - je nachdem, wo man sich gerade aufhält - gar nicht auffallen. Was von den meisten als peinlich empfunden wird: wenn Privates ungewollt öffentlich gemacht wird.