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Ratgeber:"Jedes Paar sollte zweimal pro Jahr in Therapie"

Wie ist man denn sorgfältig zusammen?

Indem man gegen den Alltagstrott angeht. Man sollte nicht vollständig verschmelzen, sondern sich stets ein wenig fremd bleiben, indem man ein Leben außerhalb der Beziehung führt und kreativ bleibt. Es hilft, dafür zu sorgen, dass man sich gegenseitig vermissen kann. Wer sagt denn, dass man unbedingt zusammenleben muss?

Sie haben nie mit einer Frau zusammengelebt?

Nur mit der Mutter meines Sohnes. Dass ich lieber allein wohne, war aber schon vorher so.

Haben wir eine antiquierte Sicht einer Beziehung?

Ich würde sagen, wir stehen genau zwischen alten und neuen Ideen. Es ist uns bewusst, dass Beziehungen nicht ein Leben lang halten, aber wir tun trotzdem noch so, als wäre unsere eigene die Ausnahme.

Was kann in Ihren Augen eine Paartherapie bewirken?

Wenn es nicht passt, nichts. Ein Therapeut kann jedoch beeinflussen, wie zwei Menschen miteinander umgehen, und ihnen den Rahmen geben, einander richtig zuzuhören. Darum sollte jedes Paar zweimal pro Jahr in Therapie.

Einer Ihrer Aphorismen lautet: "Wo nicht aufrichtig kommuniziert wird, hat es die Liebe schwer." Propagieren Sie ernsthaft totale Ehrlichkeit?

Nein. Im Gegenteil: Wer ständig sagt, was er denkt, ist tendenziell beleidigend. Ich meinte damit: Wie soll die Liebe Bestand haben, wenn man nicht ehrlich ist? Das hieße eben auch, zu sagen: "Unsere Beziehung tut mir nicht gut, ich beende sie." Das Ende der einen Beziehung bedeutet ja Raum für eine neue, passendere.

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In einem Interview haben Sie über Beziehungen gesagt: "Ich habe immer Angst, dass irgendwann etwas kommt, das sich schlecht anfühlen wird." Ist das nicht immer das Risiko?

Doch. Meine Erfahrung mit Beziehungen ist, dass dem Gegenüber irgendwann etwas unfassbar Freches in den Sinn kommt, das nicht gut ist für mich. Bei dem ich denke: "Was erlaubst du dir da?"

Wenn es passt, sollte das doch kein Problem sein ...

Auch wenn es passt, werden Sie Dinge erleben, die Sie verletzen. Aber dann können Sie sagen: "Mach das bitte nicht mehr." Dann wird das respektiert, weil Ihr Gegenüber versteht, was Sie sagen. Wiederholt es sich aber, hat Ihr Partner Sie als Mensch nicht verstanden. Dann passt es eben nicht.

Sie haben sehr hohe Ansprüche.

Ja. Wir reden hier aber auch von einer Angelegenheit, die hohe Ansprüche verdient. Einem Chirurgen halten Sie ja dessen hohe Ansprüche hinsichtlich Sorgfalt im OP auch nicht vor. Letztlich rede ich nur von Respekt gegenüber sich selbst. Wenn man nicht glücklich ist, soll man gehen.

Ein kritischer Betrachter könnte denken, Sie laufen vor Problemen in einer Beziehung davon.

Das ist ein typisches Anti-Trennungs-Argument. Aber es gibt tatsächlich eine Reihe von Dingen, vor denen man besser heute als morgen davonläuft. Ich verstehe diese pseudoheroische Idee des Aushaltens nicht. Noch nie hat jemand etwas davon gewonnen.

Glauben Sie noch an die große Liebe?

Ja, sicher. Auch wenn ich sie vor Kurzem verloren habe. Oder gerade deswegen.

Was macht Sie eigentlich zum Beziehungsexperten?

Ich muss nicht Violinist sein, um entscheiden zu können, ob ein Orchester gut klingt. Ich muss auch nicht in einer 20-jährigen Partnerschaft gelebt haben, um festzustellen, dass andere leiden und damit aufhören sollten. Ich behaupte auch nicht, zu wissen, wie man die perfekte Beziehung führt. Ich sage lediglich: Hört auf, schlechte Beziehungen zu führen.

Dieser Artikel erschien zuerst im "Tages-Anzeiger" vom 29.08.2016

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