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Philosoph Alain de Botton:"Wahre Liebe besteht vor allem aus Vergeben"

April 29 2014 Toronto ON Canada TORONTO ON APRIL 29 British philosopher Alain de Botton

"Ein bisschen mehr Skeptizismus gegenüber Gefühlen wäre hilfreich", sagt Alain de Botton

(Foto: imago/ZUMA Press)

Warum trennen sich Paare heute so schnell? Und was ist das Geheimnis wahrer Liebe? Der Philosoph Alain de Botton hat verstörende Antworten.

Von Thorsten Schmitz

Sie haben noch nie von Alain de Botton gehört? Dann versuchen Sie mal, einen Termin zu bekommen! Drei Monate hat es gedauert, bis der Bestseller-Autor ("Wie Proust Ihr Leben verändern kann") und Philosoph für die SZ zu sprechen war. Er kommt gerade von einer Lesereise in den Vereinigten Staaten an Ost- und Westküste und in Australien. Sein neuestes Buch heißt "Der Lauf der Liebe" - und alle Welt möchte jetzt vom Alltagsexperten de Botton wissen: Wie schafft man das, eine glückliche Beziehung zu führen?

De Botton lebt in London, im feinen Stadtteil Belsize Park. Er leitet in sein karges Arbeitszimmer, es gibt keinen Tee, sondern eine Flasche Sprudelwasser, die muss reichen. Die vor drei Monaten gebuchte Zeit fürs Gespräch nimmt er sich wach und konzentriert, aber nach der vereinbarten Stunde beginnt er auf die Uhr zu schauen. Morgen muss er nach Italien fliegen, Google-Chef Eric Schmidt hat ihn gebeten, auf einem Managertreffen über Liebe zu reden.

Wie man in der Philosophie Trost finden kann

Vor acht Jahren hat de Botton die School of Life gegründet, ein weltumspannendes Unternehmen, das seit Kurzem auch in Berlin Workshops zu Themen anbietet, wie man mit Konflikten umgeht oder wie man seine Führungsqualitäten verbessert. Der gebürtige Schweizer vermittelt in seinen Büchern, Youtube-Clips und in den Kursen seiner Schule, wie man Trost finden kann in der Philosophie.

De Botton hat ein bubenhaftes Gesicht, wirkt fröhlich, selbst wenn er über einen Mord redet, und er ist unbritisch direkt. Er findet, wenn zwei Menschen sich zum ersten Mal begegnen, kann man natürlich smalltalken übers Wetter. "Aber ich würde jemanden, den ich kennenlernen möchte, als erstes fragen: Wovor hast Du Angst?"

Der Gründer der School of Life sagt, Menschen trennten sich viel zu schnell: "Viele glauben, wenn sie entdecken, dass ihr Partner nicht so ist, wie sie sich ihn vorgestellt haben, sei dies das Ende der Liebe."

Dabei sei das genau der Moment, "sich gegenseitig wirklich kennenzulernen". Liebe sei doch vor allem: Vergeben, großzügig sein, sich in den Partner hineinversetzen: "Ah, deshalb ist meine Frau grummelig, sie hatte Ärger im Büro." Schließlich seien wir doch auch mit unseren eigenen Kindern verständnisvoll: "Wir sagen ja nicht zu unserem Sohn, du bist ein Intrigant! Sondern wir denken uns, er schreit, weil er sicher Angst hat vor etwas."

© SZ.de/sars

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