Querschnittslähmung "Ich kann den Zeigefinger ein wenig bewegen"

Benedikt von Ulm-Erbach als Ko-Trainer einer Fußballmannschaft: "Früher habe ich mich über den Sport definiert, trotz des Unfalls habe ich ihn in meinem Leben gehalten."

(Foto: Thomas Steinlechner)

Benedikt von Ulm-Erbach bricht sich beim Snowboarden das Genick. Seither ist er querschnittsgelähmt - und ein glücklicher Mensch.

Protokoll: Lars Langenau

"Einen Tag vor Silvester 2010 passierte der Unfall. Seither bin ich ab dem sechsten Halswirbel querschnittsgelähmt. Ich war mit meiner damaligen Freundin in der Nähe von Innsbruck snowboarden. Wie so viele Male zuvor bin ich etwas abseits im Tiefschnee gefahren. Hinter einer kleinen Erhöhung waren Steine, die ich nicht sehen konnte. Ich blieb hängen und prallte mit voller Wucht mit dem Kopf gegen einen Stein.

Ich war ohne Helm unterwegs. Allerdings sagten mir danach die Ärzte, dass ich mir auch mit Helm meinen Halswirbel gebrochen hätte. An den Moment selbst kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, was meine Freunde damals berichtet haben. Dass ich wohl relativ ruhig gewesen sei, aber gesagt hätte, dass meine Arme kribbeln. Jemand fragte, ob ich die Beine bewegen kann. Ich verneinte. Aber ich habe keine Panik bekommen.

Ich war wohl kurz bewusstlos, aber im Helikopter schon wieder ansprechbar. Ich wurde in die Klinik nach Innsbruck geflogen, wo ich operiert wurde. Dort wurde mir dann erklärt, was passiert war. Allerdings hatte ich so starke Medikamente bekommen, dass es eine Woche dauerte, bis ich wieder etwas mitbekommen habe. Ich konnte mir Dinge erst wieder merken, als in meinem Bewusstsein schon verankert war, dass meine Beine nicht mehr funktionieren. Anfangs habe ich noch gehofft, dass die Funktionen wiederkommen, wie im Film.

Überwogen hat immer die Zuversicht

Aber je länger nichts passiert ist, umso mehr habe ich die Situation angenommen und versucht, die Hoffnung zu unterdrücken. Erst in der Reha habe ich dann komplett begriffen, dass keine Funktionen zurückkommen werden. Enttäuschung, Trauer und Angst habe ich schon gefühlt, aber diese Gefühle waren nie überwältigend. Sie wurden durch die Fähigkeiten, die ich schrittweise wieder erlernte, kompensiert. Überwogen hat immer die Zuversicht, aus meiner jetzigen Situation was zu machen. Ich habe mir noch im Krankenhaus überlegt, wie ich meinen nächsten Job in der Organisation des Ticketings für die Frauen-Fußball-WM auch im Rollstuhl bewältigen kann.

Ich bin ab den Brustwarzen abwärts gelähmt. Im Trizeps habe ich nur noch ganz wenig Funktion, im Bizeps schon und in der Hand, in den Fingern wiederum nicht. Aber über einen Trick kann ich trotzdem greifen. Durch das Anspannen des Handgelenks ziehen sich meine Finger zusammen. In der Reha wurden dafür meine Finger an die Handinnenseite getapt, damit sich die Sehnen verkürzen. Außerdem kann ich den Zeigefinger ein wenig bewegen. Da habe ich Glück gehabt.

Im Nachhinein denke ich, dass mir das unmittelbare Bewusstsein, dass ich mich schwer verletzt habe, geholfen hat, niemals in einen Schockzustand oder eine Depression zu verfallen. Auch wenn ich mich nicht an die erste Woche erinnern kann, war das wohl die entscheidende Zeit, in der ich die Querschnittslähmung angenommen habe.

Nach vier Wochen in der Klinik wurde ich ein halbes Jahr in die Reha verlegt. Ich musste dort alles neu lernen. Am Anfang habe ich anderthalb Stunden gebraucht, um mich selbst anzuziehen. Mir das erste Mal wieder alleine die Zähne zu putzen, war für mich mit 29 Jahren ein Erfolgserlebnis. Bei allen Menschen, die ich in der Reha kennengelernt habe, war nur ein sehr geringer Teil dabei, der sich hängen ließ und sich aufgab. Die meisten wollen schnell wieder einen möglichst hohen Grad an Selbständigkeit erlangen.

Sicher ist vieles komplizierter und erfordert mehr Planung. Und wenn Dinge nicht so klappen, wie ich mir das vorgestellt habe, bin ich sehr frustriert. Aber heute brauche ich nicht mal mehr 20 Minuten, um mich morgens anzuziehen. Meinen Rollstuhl und mich kann ich in weniger als vier Minuten ins Auto verladen, etwa um als Ko-Trainer eine Fußballmannschaft zu trainieren. Ich habe mich relativ schnell an die neue Situation gewöhnt.