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Internet für Alte:"Senioren sind da nicht so einfach"

Sigrid Geyer sagt, bevor der Johann gekommen sei, habe sie "so eine Angst, zu versagen" empfunden, wann immer sie einem Computer nahekam. Diese Scheu hat sie inzwischen überwunden, nicht wegen Neuseeland, sondern wegen Leichlingen im Rheinland. Dort wohnt ihr Sohn, und dort wohnt also auch ihre Enkelin. Die erzählt bei Skype viel von der Schule, manchmal schaut ihr die Oma auch einfach nur beim Malen zu. So war es, und so war es gut, aber als der Mann von Sigrid Geyer erkrankte, da musste sie Sohn und Enkelin sagen: Die Oma kann's nicht, da könnt ihr machen, was ihr wollt.

Ein Vierteljahr blieb Sigrid Geyer offline. Dann entdeckte sie das Projekt des DRK und "den lieben Johann", nun ist sie wieder am Netz. Mehr noch, Sigrid Geyer ist dabei, eine Botschafterin des Internets zu werden. Sie will in der Altenhilfe für das Projekt und die Hilfsangebote werben. Botschaft: Habt keine Angst! Aber, sagt Frau Geyer, dafür brauche man Geduld: "Senioren sind da nicht so einfach."

Geduld braucht auch Johann Georgi. In den ersten drei Monaten seines FSJ verrichtete der 20-Jährige ganz normalen Dienst - damit er bekannt wird im Haus und nicht als genauso fremd wahrgenommen wird wie das Tablet-Ding, wenn es in den Projektbaustein Internettelefonie geht. Es gibt noch weitere Bausteine, Georgi könnte auch erklären, wie Spiele und Videos funktionieren oder "digitales Storytelling". Frau Geyer fasst sich an den Kopf, als sie das hört, Georgi lächelt. Das müsse sie ja nicht machen.

Roland Halang, der Präsident des DRK in Sachsen-Anhalt, sieht FSJ'ler wie Johann Georgi als Türöffner. Auf Dauer wäre es natürlich gut, wenn Senioren-Pioniere wie Frau Geyer selbst Nachahmer ans Tablet heranführen würden. Ein weiteres "unheimlich gutes Medium, um Leben in die Bude zu bringen" seien auch die Enkel. Mit dem Kontakt zu diesen via Skype beginne für viele Alte die Annäherung an die Technik. Die nächsten Schritte: ein Termin beim Friseur, die Wahl des Essens und die Kommunikation mit den Hilfskräften. Trotzdem könne und sollte man natürlich nicht die ganze Welt digitalisieren, sagt Grit Mantey-Spens, die Leiterin der Altenhilfe in Halle. Es gehe darum, die neuen Möglichkeiten zu nutzen "und dabei die Seele nicht zu vergessen". Da nickt Frau Geyer, und der liebe Johann nickt mit.

© SZ vom 11.03.2016
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