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Pflegende Angehörige:"Menschenwürdige Pflege im Alter ist nicht delegierbar"

Meinem schwerkranken Mann als Privatpatient wurden belastende und aufwändige Untersuchungen zugemutet, unabhängig davon, ob sie seinem jeweiligen Gesundheitszustand gerade zuträglich waren. Behandlungen und Medikamente haben oft nicht geholfen, die Leiden teilweise sogar noch verschärft. Ich weiß nicht, was frustrierender ist, der heillose Zustand des Medizinbetriebs oder die Opfermentalität, die sich überall breit gemacht hat. Kaum jemand will wahrhaben, dass dieses System kranke Menschen längst zu Objekten kapitalistischen Gewinnstrebens degradiert hat.

Nach Jahren der Pflege, den Kämpfen mit Versicherungen und Behörden, haben auch meine Körperkräfte gelitten, emotionale Erschöpfung hat eingesetzt. Ich bin ganz bestimmt nicht lebensmüde, aber mit Sicherheit leidensmüde. Doch dieser Frust weicht dem Kampfgeist, wenn ich mit Studienergebnissen wie solchen von der Bertelsmannstiftung konfrontiert werde:

Im Editorial der Studie 'Partizipative Entscheidungsfindung beim Arzt: Anspruch und Wirklichkeit' wird festgestellt, dass bei der Therapiewahl an einem Austausch mit dem Patienten kein Weg vorbei führe. Und dass dies deshalb so bedeutsam sei, weil es für die Mehrheit der medizinischen Behandlungen keine eindeutige Evidenzlage gäbe, der Patient aber schließlich die Folgen der Therapie zu tragen habe. Soll ich darüber jetzt lachen oder weinen?

Wir müssen unsere eigene Lobby bilden

Den klassischen Vorwurf gegen die Schulmedizin, dass sie an Symptomen herumdoktert, aber den Krankheitsursachen kaum auf den Grund geht, sehe ich als zentrales Problem der Branche: Alternative Therapien sucht man im Klinikalltag eher vergeblich. Wenn dann Standardwirkstoffe versagen oder nicht vertragen werden, herrscht meist Ratlosigkeit unter den Ärzten.

Ich kenne viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und ich kann nicht verstehen, warum sie ihre Kritik nicht viel lauter vortragen: Wo bleibt die Wut? Und wo bleibt der Mut, sich aktiv einzubringen? Wenn wir eine Veränderung wollen, müssen wir sie selbst beginnen und denen helfen, die dazu keine Kraft mehr haben. Wir müssen unsere eigene Lobby bilden. Das wird uns niemand abnehmen. Seit Jahrzehnten unterhalten wir Beitragszahler für Unsummen ein Gesundheitssystem, das in Fließbandmanier immer mehr Pflegefälle produziert. Das mafiöse Pflegesystem ist eine konsequente Weiterentwicklung eines schon viel zu lange aus dem Ruder gelaufenen Gesundheitssystems. Finanziert von unseren Zwangsbeiträgen.

Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Ähnlich schwere Kritik kommt auch aus den Reihen der Ärzteschaft, unter anderem durch das Döllein-Dossier. Darin beschreibt ein niedergelassener bayerischer Arzt und CSU-Mitglied angebliche Bestrebungen, die komplette deutsche Krankenhauslandschaft in Bälde in die Hand von privaten Monopolisten zu überführen - mit den entsprechenden Folgen für die Patienten und Ärzte, und mit weiter steigenden Kosten.

Von der Politik ist nichts zu erwarten

Politiker werden das Pflegesystem nicht umkrempeln können. Oder glauben Sie wirklich, diese würden sich mit den global organisierten Konzernbetreibern anlegen? Der Staat verdient bei diesem Wahnsinn doch kräftig mit. Wieso sollte die Politik daran etwas ändern wollen? Ein ständig wachsendes Heer medizinischer Dienstleister, das Krankheit eher verwaltet als heilt, lässt Unsummen in die Töpfe der Sozialkassen fließen. Es geht um sehr viel Geld - für Industrie und Staat. Alle Versuche, das Pflegesystem verbessern zu wollen, sind zum Scheitern verurteilt, wenn nicht zuerst die Basis, das Gesundheitssystem, vom Kopf auf die Füße gestellt wird.

Deshalb sollten sich pflegende Angehörige lieber auf die Verhinderung schwerer Pflegebedürftigkeit konzentrieren anstatt das Siechtum von Angehörigen nur zu verwalten. Mehr Eigenverantwortung übernehmen und nicht jedes Problem an das System delegieren. Jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten rechtzeitig mit alternativen Therapie- und Vorsorgekonzepten vertraut machen und dabei als zentrales Element auch die Ernährung einbeziehen.

Wir müssen einsehen, dass eine menschenwürdige Versorgung im Alter ebenso wenig an externe Dienstleister delegierbar ist wie Glück. Die Würde eines Menschen lässt sich mit amtlichen Leitlinien, fader Einheitskost und überforderten Pflegekräften einfach nicht wahren. Auch nicht wenn man uns dafür das Doppelte abknöpft. Hören wir auf, uns diesbezüglich etwas vorzumachen."

Protokoll: Ruth Schneeberger