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Pflegende Angehörige:"Wo bleibt die Wut?"

Pillen und Tabletten

Viele, viele bunte Pillen: Ingrid Schlusser hat die Erfahrung gemacht, dass einige davon das Leben ihrer kranken Angehörigen zusätzlich erschwert hätten. Sie sieht unter anderem die Pharmabranche mit ihrem Gewinnstreben mit in der Verantwortung.

(Foto: dpa)

Ingrid Schlusser aus Aubing pflegte 13 Jahre lang erst ihre Eltern und dann ihren Mann. Heute hat sie kaum noch Kraft und kein Geld mehr. Sie übt harsche Kritik an einem System, das sich zunehmend darauf spezialisiere, an Kranken viel Geld zu verdienen.

Auf die Berichte über Günther Wallraffs Undercover-Recherche in einem Münchner Altenheim mit skandalösen Zuständen hin haben uns zahlreiche Leserreaktionen erreicht. So viele, dass wir einige von Ihnen besucht haben und Sie hier in lockerer Folge zu Wort kommen lassen. Heute berichtet Ingrid Schlusser, 54, Münchnerin aus Aubing, die 13 Jahre lang drei Familienangehörige zu Hause gepflegt hat. Sie übt entschiedene Kritik am deutschen Gesundheitssystem.

"Plötzlich hatte ich etwa 20 Einsatzkräfte im Haus. Dabei hatte ich eigentlich nur einen Notarzt für meinen damals schwerkranken Mann gerufen. Stattdessen schickte mir die Notrufzentrale ein Großaufgebot an Einsatzfahrzeugen - und sogar einen Helikopter nach München-Aubing.

Auf meine besorgte Frage, wer für die unverhoffte Lufttruppe aufzukommen habe, erhielt ich die Antwort: Das müsse mich nicht tangieren. Die Rechnung vom ADAC für den Hubschraubereinsatz kam trotzdem. Und das, obwohl der Helikopter ohne den Patienten wieder abgeflogen ist. Das sei ein 'leitliniengerechter Einsatz' gewesen, wie mir der ADAC später mitteilte.

Ich habe drei Angehörige 13 Jahre lang zuhause versorgt und bin in dieser Zeit mehr als nur einmal zu der Überzeugung gelangt: Das System dient nicht dem Patienten, sondern der Patient dient dem System. Krankheit bringt branchenübergreifend Menschen in Lohn und Brot - wie allein der Notarzteinsatz zeigt. Lässt aber vor allem Aktienkurse und Konzerngewinne steigen.

Mein Mann, der an einer Lungenkrankheit litt, wurde an diesem Sommertag 2013 zwar noch ins Krankenhaus gebracht. Doch was nach der Weiterverlegung in eine Lungenklinik an lebenserhaltenden Maßnahmen für ihn vorgesehen war, lehnte er ab. Ich bin bis heute dankbar dafür, dass es zumindest dort keiner großen Überzeugungsarbeit mehr bedurfte, um meinen damals 66-jährigen Mann nach jahrelanger Leidensgeschichte auf eigenen Wunsch und in Ruhe sterben zu lassen.

Ökonomie nimmt überhand

Kampfgeist war vor allem gegenüber Klinikärzten und deren Leitlinien-Hörigkeit vonnöten: Wie oft kam es vor, dass ich Klinikärzte geradezu beschwören musste, meinem Mann bestimmte Substanzen nicht wieder zu verabreichen, weil er diese nachweislich nicht vertragen hatte. Selten mit Erfolg, aber oftmals mit folgenschweren Konsequenzen.

Ein Kernproblem ist, dass die individuelle Behandlung viel zu kurz kommt. Individuallösungen können von einem von Ökonomie getriebenen und von Leitlinien geprägten System schwerlich geboten werden. Hier muss der Patient selbst oder dessen Betreuer aktiv werden. Das geht natürlich nur, wenn man sich umfassend informiert hat und letztlich auch bereit ist, Eigenverantwortung zu übernehmen. Nur Kritik üben reicht nicht. Deshalb habe ich jahrzehntelang ein naturheilkundliches Selbststudium betrieben.

Die treibenden Kräfte im Krankenhaussystem, mit seinen kaum nachvollziehbaren Vorschriften, Pauschalen und Therapieleitlinien, sind weniger die Ärzte als vielmehr die Ökonomen und Zahlenfetischisten in den Verwaltungen der Klinikkonzerne, sowie die zahlreichen Verbände mit ihren fürstlich entlohnten Funktionären. Es geht zunehmend vor allem um die Frage, wie viel Geld der Patient einbringt. Und nicht mehr vorwiegend darum, welche Therapie der Patient wirklich benötigt und auch verträgt.

"Menschenwürdige Pflege im Alter ist nicht delegierbar"

Meinem schwerkranken Mann als Privatpatient wurden belastende und aufwändige Untersuchungen zugemutet, unabhängig davon, ob sie seinem jeweiligen Gesundheitszustand gerade zuträglich waren. Behandlungen und Medikamente haben oft nicht geholfen, die Leiden teilweise sogar noch verschärft. Ich weiß nicht, was frustrierender ist, der heillose Zustand des Medizinbetriebs oder die Opfermentalität, die sich überall breit gemacht hat. Kaum jemand will wahrhaben, dass dieses System kranke Menschen längst zu Objekten kapitalistischen Gewinnstrebens degradiert hat.

Nach Jahren der Pflege, den Kämpfen mit Versicherungen und Behörden, haben auch meine Körperkräfte gelitten, emotionale Erschöpfung hat eingesetzt. Ich bin ganz bestimmt nicht lebensmüde, aber mit Sicherheit leidensmüde. Doch dieser Frust weicht dem Kampfgeist, wenn ich mit Studienergebnissen wie solchen von der Bertelsmannstiftung konfrontiert werde:

Im Editorial der Studie 'Partizipative Entscheidungsfindung beim Arzt: Anspruch und Wirklichkeit' wird festgestellt, dass bei der Therapiewahl an einem Austausch mit dem Patienten kein Weg vorbei führe. Und dass dies deshalb so bedeutsam sei, weil es für die Mehrheit der medizinischen Behandlungen keine eindeutige Evidenzlage gäbe, der Patient aber schließlich die Folgen der Therapie zu tragen habe. Soll ich darüber jetzt lachen oder weinen?

Wir müssen unsere eigene Lobby bilden

Den klassischen Vorwurf gegen die Schulmedizin, dass sie an Symptomen herumdoktert, aber den Krankheitsursachen kaum auf den Grund geht, sehe ich als zentrales Problem der Branche: Alternative Therapien sucht man im Klinikalltag eher vergeblich. Wenn dann Standardwirkstoffe versagen oder nicht vertragen werden, herrscht meist Ratlosigkeit unter den Ärzten.

Ich kenne viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und ich kann nicht verstehen, warum sie ihre Kritik nicht viel lauter vortragen: Wo bleibt die Wut? Und wo bleibt der Mut, sich aktiv einzubringen? Wenn wir eine Veränderung wollen, müssen wir sie selbst beginnen und denen helfen, die dazu keine Kraft mehr haben. Wir müssen unsere eigene Lobby bilden. Das wird uns niemand abnehmen. Seit Jahrzehnten unterhalten wir Beitragszahler für Unsummen ein Gesundheitssystem, das in Fließbandmanier immer mehr Pflegefälle produziert. Das mafiöse Pflegesystem ist eine konsequente Weiterentwicklung eines schon viel zu lange aus dem Ruder gelaufenen Gesundheitssystems. Finanziert von unseren Zwangsbeiträgen.

Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Ähnlich schwere Kritik kommt auch aus den Reihen der Ärzteschaft, unter anderem durch das Döllein-Dossier. Darin beschreibt ein niedergelassener bayerischer Arzt und CSU-Mitglied angebliche Bestrebungen, die komplette deutsche Krankenhauslandschaft in Bälde in die Hand von privaten Monopolisten zu überführen - mit den entsprechenden Folgen für die Patienten und Ärzte, und mit weiter steigenden Kosten.

Von der Politik ist nichts zu erwarten

Politiker werden das Pflegesystem nicht umkrempeln können. Oder glauben Sie wirklich, diese würden sich mit den global organisierten Konzernbetreibern anlegen? Der Staat verdient bei diesem Wahnsinn doch kräftig mit. Wieso sollte die Politik daran etwas ändern wollen? Ein ständig wachsendes Heer medizinischer Dienstleister, das Krankheit eher verwaltet als heilt, lässt Unsummen in die Töpfe der Sozialkassen fließen. Es geht um sehr viel Geld - für Industrie und Staat. Alle Versuche, das Pflegesystem verbessern zu wollen, sind zum Scheitern verurteilt, wenn nicht zuerst die Basis, das Gesundheitssystem, vom Kopf auf die Füße gestellt wird.

Deshalb sollten sich pflegende Angehörige lieber auf die Verhinderung schwerer Pflegebedürftigkeit konzentrieren anstatt das Siechtum von Angehörigen nur zu verwalten. Mehr Eigenverantwortung übernehmen und nicht jedes Problem an das System delegieren. Jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten rechtzeitig mit alternativen Therapie- und Vorsorgekonzepten vertraut machen und dabei als zentrales Element auch die Ernährung einbeziehen.

Wir müssen einsehen, dass eine menschenwürdige Versorgung im Alter ebenso wenig an externe Dienstleister delegierbar ist wie Glück. Die Würde eines Menschen lässt sich mit amtlichen Leitlinien, fader Einheitskost und überforderten Pflegekräften einfach nicht wahren. Auch nicht wenn man uns dafür das Doppelte abknöpft. Hören wir auf, uns diesbezüglich etwas vorzumachen."

Protokoll: Ruth Schneeberger