bedeckt München 17°

La Boum:Die großen Linien

La Boum

Illustration: Steffen Mackert

Unsere Paris-Korrespondentin hockt immer noch auf dem Land. Dort gibt es Dornen und Geschrei. Was macht sie falsch?

Von Nadia Pantel

Gute fünf Minuten lang erwog ich die Gründung eines Kindergartens. Ich hatte die drei mir anvertrauten Kleinkinder in eine Schubkarre gesetzt, Juchzen und Freude. Womöglich bin ich Pädagogin, dachte ich. Dann kippte die Schubkarre in einen Rosenstrauch. Während ich Dornen aus den kleinen Handinnenflächen zog und beschwichtigend gegen das Geschrei anmurmelte, dachte ich an diese eine wilde Party, die ich in Paris mal besucht hatte.

Dort hatte ich einen Mann getroffen, der sich mir als "Grand reporter", als Großreporter, vorstellte. In Frankreich ist das nicht nur eine Selbstbezeichnung, sondern ein offizieller Titel. Es war noch eher früh am Abend, die Musik hatte noch nicht die Lautstärke erreicht, in der man ohnehin nicht mehr zuhören muss, und alle plauderten so herum. Manche hatten Gespräche, ich hatte den Großreporter. Und der wiederum hatte Erziehungstipps, weil ich erwähnt hatte, dass ich müde sei, wegen meines nicht schlafenden Kindes. "Deutsche Mütter machen den Fehler, sich um alles selbst kümmern zu wollen. Dabei kann man dafür Leute anstellen. Eltern sollten sich auf die großen intellektuellen Linien konzentrieren, die sie ihren Kindern mitgeben wollen." Der Großreporter sprach, ich hielt mir mein kühles Bier an die Wange. Dann ging es um die großen Linien seiner Karriere, um China, Japan, Brasilien. "Ah, sprechen Sie Chinesisch?", fragte ich, weil ich zum Dialog erzogen wurde. Er sagte Nein, weil er für die großen Linien zuständig war.

Nun, da gerade Pandemie war, fiel mir mal wieder auf, dass ich für das Kümmern kein Personal angestellt hatte. Der Kindergarten unseres Sohnes war seit drei Wochen geschlossen, der Mann und ich teilten die Tage in Kind- und Arbeitsphasen auf. Und um eine Pause von Seuchencity Paris zu machen, hatten wir uns gemeinsam mit Freunden auf einem Bauernhof eingemietet. Vier Erwachsene, vier Arbeits-Laptops, vier Kleinkinder, vier altersschwache Pferde, sehr viele Hühner und eine enorme Menge Kieselsteine. Einen Tag nach dem Schubkarrenvormittag saß ich mit den Kindern in den Kieseln. Eines begann, Steine auf die Pferde zu werfen, ein anderes, das Pferde sehr liebt, begann Steine auf das Kind zu werfen. Ich rief: "Non! Non!" Es klang sehr grundsätzlich. War das noch Kümmern oder war das nicht schon eine große Linie? Verhindere Gewalt nicht mit Gewalt, mein Sohn. Warum siezt das Kind mich eigentlich nicht, fragte ich mich.

Noch größer wurden die Linien am Nachmittag. Es war ausnahmsweise still, und ich nutzte die Ruhe, um eine tote Maus aus dem Pool zu fischen, der noch Winterschlaf hielt. Da kamen die Kinder angelärmt. "Ist das eine Maus? Was macht die?" In meinen Kopf begann ich einen Vortrag über das Leben und das Sterben, dann sagte ich: "Schaut mal, die Wolke sieht aus wie ein Schwein."

© SZ/chrm
Zur SZ-Startseite
La Boum

Paris-Kolumne
:La Boum

Alle Folgen unserer Paris-Kolumne "La Boum" finden Sie hier.

Lesen Sie mehr zum Thema