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La Boum:Die Scheibe

La Boum

Illustration: Steffen Mackert

Unsere Paris-Kolumnistin muss den Schlüsseldienst rufen. Doch dann haben ein paar Leute eine bessere Idee und eine Brechstange.

Von Nadia Pantel

Die Öffnung erfolgte per Brechstange. Das klingt wie eine Floskel zur Pandemiepolitik, beschreibt aber einfach nur, wie der Handwerker unsere Scheibe zerschlug. Er war eigentlich gekommen, um im Auftrag der Vermieter im Innenhof an alten Treppengeländern herumzuschmirgeln, aber - klirrr, krach - es gab Größeres zu tun. Zwischen ihm und mir lag meine Wohnung. Wir wohnen in einem Quergebäude zwischen zwei Hinterhöfen. Auf der einen Seite haben wir ein Fenster, auf der anderen einen Balkon, dazwischen ein Zimmer, von dem aus man beide Höfe im Blick hat. Ich stand auf der Balkonseite. Schön, so im Frühling. Vor allen Dingen, wenn man dort freiwillig steht. Dies war in meinem Fall nicht so. Ich will hier keine Namen nennen, aber ein Mann, der mit mir zusammenlebt und mit dem ich ein Kind habe, zog die Balkontür, die man wirklich nie zuziehen sollte, weil sie nur von innen aufgeht, mit entschiedenem Schwung zu. Dann stand er mit mir draußen. Vorher hatte er noch einen Topf Bohnen auf den Herd gestellt, höchste Stufe.

Wir mussten dem Schlüsseldienst unsere lächerliche Situation recht genau erklären. "Sie stehen auf Ihrem Balkon? Und ich soll Ihre Wohnungstür aufbrechen?" Ja, sagten wir, ja, bitte. Parallel nahmen wir Kontakt zur Nachbarin auf. "Könnte jemand übers Dachfenster bei euch reinklettern?", fragte sie, und ich lachte hysterisch. Bei dem Dachfenster handelt es sich um ein uneingelöstes Versprechen. Es wurde vor vier Monaten oben auf unsere Wohnung geschraubt und sitzt seitdem unsichtbar auf dem Blechdach herum. Ich erinnerte die Nachbarin daran, dass der Durchbruch in der Decke fehlt, durch den wir Zugang zum Fenster haben könnten. Mein Freund begann, mich mit den fünf Radieschen zu füttern, die er auf dem Balkon angebaut hatte. Er behauptete, in dem Bohnentopf sei sehr viel Wasser.

Im Innenhof begann sich derweil die Nachbarin mit dem Handwerker zu verbünden, der Vermieter wurde per Handy hinzugeschaltet. Wir sahen den Handwerker lachen. Dann wurden wir angerufen und informiert, alle hielten es für eine gute Idee, das Fenster zum Hof einzuschlagen und von dort in unsere Wohnung zu klettern. Das Schloss in der Haustür sei noch so neu und außerdem teuer, da solle der Schlüsseldienst lieber nicht drin herumstochern. Der Handwerker winkte mir noch einmal zu, dann holte er mit der Brechstange aus.

Wir haben jetzt ein Loch in der Wand, vor dem kein Fenster ist. Und ein Fenster auf dem Dach, unter dem kein Loch ist. Als würden wir in einer brachialen Metapher für nicht durchdachte Öffnungsreihenfolgen leben. Ja, dank der fehlenden Scheibe hatte sich der Geruch der verkohlten Bohnen recht schnell verzogen. Doch ich wünschte mir, meine Wohnung würde endlich aufhören, verfehlte Coronapolitik nachzuspielen.

© SZ/chrm
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