Musik für Kinder "Kinder sind wie Heavy Metal"

Patricia Parisi findet, Kinder haben bessere Musik verdient. Und nicht nur die.

(Foto: Claudia Kahnt)

Wie sie darauf kam, Kinderkonzerte zu organisieren? "Aus Notwehr", sagt Patricia Parisi. Als ihre Tochter zu Hause "Schnappi, das kleine Krokodil" sang, wollte sie ihr zeigen, dass es auch anspruchsvolle Kindermusik gibt. Seit 2012 lädt Parisi regelmäßig Bands aus ganz Deutschland nach Berlin ein. Zum Kinderfestival "Milchsalon" kamen zuletzt 800 Besucher. Glaubt man der 44-Jährigen, hatten auch die Eltern Spaß.

Interview von Antonie Rietzschel, Berlin

SZ: Wer im Internet nach Kinderpopmusik sucht, findet heraus, dass Eurodance der neunziger Jahre und Ballermann-Hits sehr beliebt sind. Haben Kinder einen schlechten Musikgeschmack?

Patricia Parisi: Sie sind häufig von ihren Eltern geprägt. Wenn die Helene Fischer hören, kriegen die Kinder das mit und finden die Musik gut. An sich will ich das gar nicht verurteilen, Musik ist Geschmackssache. Ich finde es nur schade, dass es an anderen Einflüssen fehlt. In der Kita werden zum Teil Lieder gesungen, die sehr antiquiert sind. Zum Beispiel von Rolf Zuckowski. Die Texte folgen eher dem Prinzip "Reim' dich oder ich fress' dich" und sind mir einfach zu brav.

Welches Kinderlied können Sie gar nicht mehr hören?

"Schnappi, das kleine Krokodil". Als meine Tochter noch in den Kindergarten ging, hat sie das plötzlich zu Hause gesungen. Ich habe mir das Lied mit ihr gemeinsam angehört und mir wurde klar, dass ich dagegen ankämpfen muss. Meine Kinder sollen nicht so lieblos produzierten Elektromüll hören.

Wie sah diese musikalische Umerziehung im Hause Parisi aus?

Du meine Güte, das war jetzt kein Drill. Wenn den Kindern "Schnappi" gefällt, sollen sie es hören, bis die Ohren bluten - aber dann bitte im eigenen Zimmer. Ich habe meinen Kindern erklärt, dass es Musik gibt, die mit Liebe gemacht ist, die du spüren kannst. Zum Beispiel den Bass im Bauch. Ich habe ihnen dann Musik vorgespielt, die mir gefällt. Irgendwann habe ich überlegt, dass es für die Kinder vielleicht schöner wäre, wenn sie die Texte wirklich verstünden. Daraus ist die Idee für die Kinderkonzerte entstanden.

Sie behaupten, es gibt gute Kindermusik, die auch Eltern ertragen. Wie klingt die?

Gar nicht so sehr anders als Erwachsenenmusik. Alle Genres sind möglich: Von Hip-Hop über Punk bis zu Heavy Metal.

Musikrichtungen von denen Eltern ihre Kinder eigentlich erst mal fernhalten wollen.

Das finde ich total schade. Denn Kinder sind wild und laut - wie Heavy Metal oder Punk. Bei Songs wie "Hardrock Hase Harald" von der Band Randale können sie das rauslassen. Deswegen veranstalte ich die Kinderkonzerte nicht im Theater, sondern in einem Berliner Club. Die Kinder sollen toben können. Natürlich passen wir die Lauststärke an.

Bei der Musik von "Randale", hier beim Milchsalon, können Kinder ausrasten.

(Foto: Stephan Röcken)

Welche Rolle spielt der Text?

Da muss man sich mehr Gedanken machen als bei Erwachsenen, denn Kinder verstehen selten Ironie. Zu platte Witze finden sie aber auch nicht immer lustig.

Ist denn auch Platz für ernste Themen?

Auf jeden Fall. Meinem neunjährigen Sohn gebe ich immer die CDs zur Einschätzung, die mir Künstler schicken. In einem Lied ging es mal um ein Stachelschwein, das nicht zu Geburtstagspartys eingeladen wurde, weil die Ballons immer zerplatzen, wenn es herumläuft. Da geht es um Außenseitertum. Er hat sich gefragt, ob er auch ein Außenseiter ist oder vielleicht sein Kumpel. Die Berliner Sängerin Suli Puschban thematisiert Gender-Klischees auf eine sehr witzige Weise: Sie singt darüber, wie sie Prinzessin Lillifee zum Teetrinken trifft. Und auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet Lillifee: "Ich hab die Schnauze voll von rosa".

Seit mehreren Jahren veranstalten Sie ein Musikfestival für Kinder. Wie schwer ist es, Bands zu finden, die Ihren Ansprüchen genügen?

Anfangs war es sehr schwierig. Ich wollte ja keine Künstler, die sich verkleiden und mit den Kindern gekünstelt umgehen. Andererseits gaben Musiker auch nicht gerne zu, wenn sie für Kinder Musik machten. Das galt als anspruchslos. Geändert hat sich das durch das Projekt "Unter meinem Bett". Bela B. oder Olli Schulz haben Songs geschrieben, die sich auf einer gleichnamigen CD wiederfinden. Leider gibt es aber immer noch zu wenige Bands, die sich mit dem Genre beschäftigen.

Ihre Playlist für eine lange Autofahrt mit Kind?

"Die Muckemacher" spielen Ska, Reggea und auch Funk. Oder "Rotz'n'Roll Radio", das kann man auch als Erwachsener gut hören.

Ihre Tochter, die einst "Schnappi, das kleine Krokodil" sang, ist mittlerweile 13 Jahre alt. Was hört sie heute?

Sie mochte mal Indie-Rock und hat auch Schlagzeug gespielt. Jetzt hört sie Mainstream-Musik. Ariana Grande, damit kann ich nichts anfangen. Vor Kurzem war ich mit ihr auf dem Konzert von Ellie Goulding, da habe ich mich echt gequält. Vielleicht ist das jetzt ihre musikalische Rebellion.

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