Mütter und Kinder in der Pubertät:Auf keinen Fall so wie die Mutter sein

Mutter 1: "Weißt du noch, wie meine Tochter immer in meinen hohen Schuhen vor dem Spiegel stand? Jetzt macht sie blöde Bemerkungen über meinen Kleidungsstil - und trägt selbst immer diese unmöglichen knappen Shorts."

Mutter 2: "Mein Sohn mit seinen Freunden! Worüber die immer reden. Und wie sie reden. Das ist nicht meine Welt."

Viele kleine Mädchen ahmen ihre Mütter nach, probieren ihren Lippenstift aus, stapfen in ihren Stiefeln durch die Wohnung, treffen sich mit den Kindergartenfreundinnen zum Kaffeetrinken, wie sie es bei ihrer Mutter erlebt haben. "Töchter orientieren sich an ihrer Mutter, sie ist ihr Rollenmodell für das 'Frau-Sein'", sagt Claudia Haarmann. Die Mutter ist die Frau, mit der sich Mädchen am meisten vergleichen. Doch in der Pubertät rückt die Suche nach dem eigenen Weg in den Vordergrund. "Da wollen Mädchen vor allem eines: nicht so wie die Mutter sein". Es geht dabei nicht nur um Äußerlichkeiten, sondern auch um Lebenskonzepte oder um die Art und Weise, wie eine Partnerschaft geführt wird. "Für eine Mutter kann das sehr schmerzhaft sein", sagt Haarmann. Denn es ist ja ihr ganz persönlicher Lebensentwurf, der in Frage gestellt wird.

Und während die Tochter zur jungen Frau heranwächst, bemerkt die Mutter jeden Tag mehr Falten im Gesicht. Dass die heranwachsenden Kinder den Eltern das eigene Älterwerden bewusst macht, macht es doppelt schwierig, den pubertären Stimmungsschwankungen gelassen gegenüberzutreten. Besonders explosiv wird die Gefühlslage, wenn die Pubertät der Kinder auf die Wechseljahre der Mütter trifft - gar nicht mehr so selten, nachdem bei etwa einem Viertel der Neugeborenen in Deutschland die Mütter 35 Jahre oder älter sind.

Und die Söhne? Sie werden zum Mann - und für die Mütter in gewisser Weise zum fremden Wesen. Denn was im Körper der Töchter passiert, wissen Mütter. Was die Söhne empfinden, ist schwieriger nachzufühlen. "Die Söhne brauchen jetzt einen Mann, an dem sie sich orientieren können", sagt Claudia Haarmann. Die Väter oder andere Bezugspersonen sind als männliche Rollenmodelle gefragt - die Mütter aber deswegen noch lange nicht überflüssig. Sie können ihrem Sohn deutlich machen, was sie als Frau von einem Mann erwarten.

Mutter 1: "Bei meiner Nachbarin und ihrer Tochter scheint das alles viel besser zu funktionieren. Sie sind die besten Freundinnen, sagt meine Nachbarin."

So idyllisch es klingt, wenn sich eine Mutter als "die beste Freundin" ihrer Tochter bezeichnet - aus Sicht von Haarmann ist das "eine Katastrophe". Denn die Aufgabe der Mutter sei eine ganz andere. Sie müsse ihrem Kind Sicherheit vermitteln und das Gefühl geben: "Ich halte dich, ich stehe hinter dir, ich mache dich stark, damit du deinen Platz findest." Eine Mutter, die betont jugendlich auftritt und den Altersunterschied zu ihrer Tochter verleugnet, kann das oft nicht leisten.

Manche Mutter sei dafür in ihrer eigenen Persönlichkeit nicht stabil genug. "Solche Mütter brauchen die Zuwendung ihrer Kinder, um zum Beispiel einen Mangel an Nähe in der Partnerschaft auszugleichen." Vor allem Töchter fühlten sich dann verpflichtet, sich um ihre Mutter zu kümmern. Ein solches "liebes Mädchen" werde sich schwer tun, in der Pubertät die Mutter vom Sockel zu stoßen. "Die fatale Nähe macht Autonomie unmöglich, die Individuation findet nicht statt", sagt Haarmann. Auch Erziehungsberaterin Raffauf mahnt: "Kinder sind nicht dazu da, um ihren Müttern Gutes zu tun."

Mutter 2: "Manchmal möchte ich nur noch die Tür hinter mir zuknallen."

Dass in der Pubertät gelegentlich verbal die Fetzen fliegen, ist normal. Schließlich betreffen die Umbauarbeiten im Gehirn auch das Sprachzentrum der Heranwachsenden und machen die Jugendlichen schlagfertig und diskussionsstark. Der beste Ausgleich: "Mütter müssen während der Pubertät ihrer Kinder dafür sorgen, dass es ihnen selbst gut geht", sagt Claudia Haarmann. Freundschaften und eigene Interessen pflegen, Freiräume suchen und einfordern - alles, was dazu beiträgt, dass man sich selbst gut und selbstsicher fühlt, tut auch der Stimmung zu Hause gut. Und: Mütter sollten nicht immer das Gefühl haben, für alles verantwortlich zu sein, rät Elisabeth Raffauf: "Manchmal müssen sie auch einen Schritt zurücktreten und den Vätern mehr Platz gewähren."

© SZ.de/dd/leja/edi
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