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Miss Germany 2020:Königin für innere Schönheit

Wahl der 'Miss Germany 2020'  in Rust

Siegerin Leonie Charlotte von Hase (in der Mitte mit Schärpe) und die anderen Kandidatinnen bei der Miss-Germany-Wahl im Europa-Park.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands kommt es nicht mehr nur auf Schönheit an, die Show will ja jetzt zeitgemäß sein. Diese Botschaft wird dem Publikum einen ganzen Abend lang eingebimst - doch dann kommt Reiner Calmund.

Im Trailer zur Wahl der Miss Germany 2020 rufen einem die Finalistinnen Schlagworte zu, Werte, um die es gehen soll bei der Show, die nicht mehr von gestern sein will. Es ist ein filmisches Accelerando, schneller und schneller sprudeln die Begriffe, Schnitt, Schnitt, Schnittschnittschnitt. Mehr Echtheit. Selbständigkeit. Vielfalt. Akzeptanz. Hilfsbereitschaft. Zusammenhalt. Nachhaltigkeit. Weltoffenheit. Nächstenliebe. Mut. Stärke. Familie.

Schönheit ist nicht dabei.

Zwei Stunden später steht fest, wer die neue Schönheitskönigin ist, die man, nähme man all das ernst, wohl eher "Königin für innere Schönheit" nennen müsste. Sie heißt Leonie Charlotte von Hase, ist in Namibia aufgewachsen und lebt in Kiel (Weltoffenheit), hat einen Bachelor in englischer Literatur (noch mal Weltoffenheit) betreibt einen Versandhandel für Vintage-Klamotten (Selbständigkeit), ist mit 35 Jahren die älteste Teilnehmerin und zugleich die älteste Miss Germany der Geschichte (Mut?) und hat einen drei Jahre alten Sohn (Familie, Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Stärke).

Die Familie Klemmer aus Oldenburg, die die Krönchenvergabe seit 60 Jahren organisiert, sah sich in Zeiten von "Me Too" und Body Positivity gezwungen, den Schönheitswettbewerb umzustylen in einen "crossmedialen Personality-Wettbewerb". Man beschränke sich nicht mehr allein auf das Äußere der Bewerberinnen, sagt Max Klemmer, 24, Erfinder des neuen Konzepts. Die Bikini-Runde ist schon länger abgeschafft, nun stünden Persönlichkeit, Charakter und Lebensgeschichte der Frauen im Mittelpunkt.

"Unglaublich schöne Frisuren"

Das klingt einerseits so, als könnte man auch einfach die wissenschaftliche Übung "Codikologie und Quellenlektüre: Die Fortsetzung der Frutolf-Chronik" an der Ruhr-Universität Bochum oder das Auswahlseminar zur Studienstiftung des Deutschen Volkes zur Misswahl umfunktionieren, schlaue, interessante Frauen dürfte man da zur Genüge finden. Andererseits erinnert es doch sehr an die Diktion von Heidi Klums Topmodel-Show. Da ist auch ständig von Personality die Rede - die aber nur so lange toll ist, bis sich herausstellt, dass eine Kandidatin beim Fotoshooting ihren eigenen Kopf hat.

Unter den Miss-Germany-Finalistinnen sind eine schwarze und eine schwangere Frau und ein nach Misswahl-Maßstäben Mitglied der älteren Generation, nämlich die spätere Gewinnerin, die tatsächlich schon zarte Fältchen im Gesicht hat. Ansonsten ist neben Product Placement viel Kreisch und Quietsch zu hören und viel Gepose zu sehen, einmal lobt Moderator Thore Schölermann die "unglaublich schönen Frisuren".

Für Persönlichkeit, Charakter und Lebensgeschichte nimmt sich die erstmals rein weibliche Jury gerade einmal 2:30 Minuten pro Kandidatin. Reiner Calmund, der früher mal in der Jury saß und diesmal nur im Publikum, wünscht sich fürs nächstes Jahr wieder zwei männliche Jurymitglieder, denn: "Für Frauen ist auch wichtig, wie die Männer sie sehen, habt ihr dat verstanden?"

Leonie von Hase, die Siegerin, hingegen wünscht sich, einmal die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert zu treffen. Sie sei, sagt sie in der Jury-Kurzbefragung, ein Vorbild, weil sie ein gesellschaftlich unangepasstes Leben führe. Als Siegprämie bekommt sie unter anderem ein Cover-Shooting für die Joy, eine Jahresration Shampoo und mehrere Paar Schuhe.

© SZ/nas/olkl
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