Medizin und Wahnsinn, Folge 156 Jo-Jo-Effekt mit Ansage

Nicht nur das Abnehmen, sondern das ganze Leben ist ein Jo-Jo-Effekt. Da helfen nur noch strengere Diäten - oder Rückwärtsgehen.

Von Werner Bartens

Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss, wie gerne behauptet wird, sondern ein einziger Jo-Jo-Effekt. Nur bergauf oder bergab geht es selten und auch nie nur in eine Richtung. Meist kreisen Stimmungen, Liebesleid und Arbeitsneid mehr oder weniger melancholisch um eine übergewichtige Mitte. Mit ein paar Ausschlägen nach oben und unten, manchmal rückwärts. Warum sollte es beim Körperumfang anders sein? Das Gewicht pendelt sich wieder ein, oft sogar auf höherem Niveau. Es hat ja durchaus etwas Beruhigendes, dass immer noch ein bisschen Wachstum drin ist. Wer permanent abnimmt, ist krank. Wer permanent zunimmt, stößt auch irgendwann an seine natürlichen Grenzen.

Viele Diäten versprechen 20 Kilo weniger in drei Monaten, doch ein halbes Jahr nach scheinbaren Erfolgen sind die Pölsterchen zurück - schuld ist der Jo-Jo-Effekt.

(Foto: dapd)

Wie intern schon bekannt ist, wird Wikileaks noch vor Weihnachten und den ersten Brigitte-Diäten im Januar vertrauliche Papiere, Briefwechsel und geheime Stellungnahmen von Fastenkliniken, Ernährungswissenschaftlern und Herstellern von Schlankheitsmitteln veröffentlichen. Die brisanten Schriftstücke, die gerade von der Redaktion ausgewertet werden, zeugen von einer despektierlichen Haltung gegenüber Klienten und Patienten ("Die Deppen glauben tatsächlich noch an Diäten und Fastenkuren"). Auch eine gewisse Ernüchterung gegenüber den eigenen Angeboten kann man den zahlreichen Strategiepapieren entnehmen ("Wir wissen doch alle, dass keine Schlankheitspille wirkt und außer FdH wirklich jede Diät sinnlos ist, deshalb kommt es umso mehr auf unser Marketing an").

Vor diesem Hintergrund muss man die neue Diät sehen, die Forscher kürzlich in einem angesehenen Fachblatt beschrieben haben. Diese Diät sei so einfach, hieß es, dass man nicht mal mehr Kalorien zählen muss. Als ganz so unkompliziert erwies sich die Chose dann doch nicht, denn man musste beim Essen akribisch darauf achten, den richtigen Anteil von Eiweiß, Fetten und Kohlenhydraten zu sich zu nehmen. Natürlich nur, wenn die Produkte den passenden glykämischen Index aufwiesen. Ohne ein biochemisches Aufbaustudium geht da gar nichts, und man kann sich gut das pummelige Paar beim romantischen Essen vorstellen, bei dem sie Nährwerttabellen studiert und er den Blutzuckeranstieg errechnet. Es ist schön, wenn einem auch in chronischer Zweisamkeit der Gesprächsstoff nicht ausgeht.

In China gibt es hingegen seit einigen Jahren tatsächlich einen einfachen Weg zum niedrigeren Gewicht. Viele Menschen praktizieren das Rückwärtsgehen. Nicht bildlich, sondern wörtlich. Sie gehen rückwärts, weil sie mit dieser unkonventionellen Art der Fortbewegung angeblich mehr Kalorien verbrauchen und deshalb abnehmen. Das lässt sich mit beeindruckenden Kasuistiken bestätigen, denn der Weltrekordhalter im Rückwärts-Marathon ist ein ziemlich dürrer Geselle. Achim Aretz stellte Ende Oktober in Frankfurt mit 3:42:41 Stunden eine neue Bestmarke über die 42,195 Kilometer auf und war damit rückwärts schneller als die meisten seiner Kollegen vorwärts.

Es ist allerdings zu kurz gedacht, sich auf das Rückwärtsgehen als neue Diät zu konzentrieren. Nicht nur, dass Kollisionen mit anderen Passanten und Verkehrsunfälle drohen. Das Unterfangen ist auch ziemlich anstrengend und aufwendig, man könnte in dieser Zeit auch einen Sport betreiben, der einem Spaß macht. Es gibt zudem eine Methode, die viel effizienter zum Gewichtsverlust führt und das soziale Miteinander nur kurz beeinträchtigt: Essen und trinken, während man auf dem Kopf steht. Das verbrennt viele Kalorien und die zugeführten Lebensmittel haben eine natürliche Abneigung dagegen, sich gegen die Schwerkraft die Speiseröhre hochzuquälen. Kommen sie wieder zurück, ist das nur der erwartbare Jo-Jo-Effekt.

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