Medizin und Wahnsinn (90) Durst nach Zärtlichkeit

Unter Quantenheilung versteht man "sanfte Berührung", die das Nervensystem "auf Heilung umschaltet". Doch Ärzte wollen nicht schmusen - sondern Geld verdienen.

Von Werner Bartens

Gerade in schweren Zeiten muss man offen bleiben für Neues, und auch vermeintlich Selbstverständliches hinterfragen. Der Kollege, dem sonst immer nur das Knie wehtut und der sich nicht entscheiden kann, ob das linke oder das rechte stärker schmerzt, hat das beherzigt.

Wer Körperkontakt sucht, sollte sich massieren lassen.

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Ihm tut neuerdings das Jochbein weh. Das ist zwar immer noch eine Knochensache und fällt wie das Knie in den orthopädischen Bereich. Aber wenigstens kann man manchen Menschen erklären, dass sich das Jochbein nicht an der Handwurzel - das ist das Kahnbein - und nicht am Oberkörper - das ist das Schlüsselbein - befindet, sondern im Gesicht.

Der Kollege hat sich bei einem Sturz vom Fahrrad eine Jochbeinprellung zugezogen, wahrscheinlich weil er gerade irritiert eine dieser riesigen Plakatwände betrachtet hat, auf denen innovativ Selbstverständliches in Frage gestellt wird. Ein Fruchtschorlehersteller wirbt für seine neue Fruchtschorle damit, dass "viel trinken" neuerdings "viel einfacher" sei. Vermutlich schmeckt die bunte Brause so garstig, dass man sie schnell hinunterschlucken will, wenn man sie einmal im Munde hat.

Die Wüste in uns

Viel trinken ist für depressiv veranlagte Naturen, die sich für Philosophen halten, immer einfach gewesen. Für die verbleibende Minderheit gilt die einfache Regel, so viel zu trinken wie man Durst hat. Niemand muss sich für U-Bahnfahrten, Seminare oder Meetings mit litergroßen Nuckelflaschen ausrüsten. Die Wüste lebt zwar - auch in manchem von uns. Die Gefahr, dass Menschen austrocknen ist in Deutschland jedoch höchstens im übertragenen Sinne gegeben. Kein Slogan war so unsinnig und zugleich kommerziell erfolgreich wie der, zu trinken, bevor der Durst kommt.

Der Kollege sitzt jetzt andauernd mit seiner Lieblingsfahrradtrinkflasche auf meinem gelben Sofa und massiert sein malträtiertes Jochbein. Er befürchtet einen Trümmerbruch, mindestens. Eine Bekannte hat ihm zur baldigen Genesung "Qantenheilung" empfohlen, wie sie ein Chiropraktiker aus den Sümpfen Floridas in seinen Büchern propagiert. "Wirkt sofort und kann jeder lernen", ist der Untertitel des Buches und als solcher unschlagbar und ein weiteres Beispiel für kommerziell erfolgreichen Humbug.

In Norddeutschland würde man Quantenheilung mit Fußpflege übersetzen, aber das hilft nicht weiter, um zu erklären, warum medizinischer Unsinn so viele Menschen anzieht. Dass ein Chiropraktiker, der den lieben langen Tag Menschen mit Gewalt die Knochen einrenkt, sich nach etwas Zärtlichkeit sehnt, kann man nachvollziehen. Unter Quantenheilung versteht er deshalb auch eine "sanfte Berührung", die das Nervensystem sofort "auf Heilung umschaltet".

Das wahre Motiv kommt später: Nicht nur für die Patienten ist es schön, gestreichelt zu werden, "auch der Behandler erlebt ein unmittelbares, lang anhaltendes Wohlgefühl".

Dieses Wohlgefühl kennen Deutschlands Ärzte kaum noch. Der hippokratische Eid enthält zwar die Selbstverpflichtung, "zum Nutzen der Kranken" in ein Haus zu kommen und dort "frei von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern" zu bleiben.

Aber kein Arzt in Deutschland schwört diesen Eid und mancher Doktor ersinnt womöglich krude Heilverfahren, um mehr Körperkontakt zu haben. Zufrieden sind die Ärzte nicht und wenig kann sie trösten, wie die Ärztezeitung titelt: "Mehr Geld - trotzdem nicht glücklich".

Wenn schon keine Zeit für Zärtlichkeit bleibt, dafür aber mehr Geld im Honorartopf, könnte eine ökonomische Form der Sublimierung den Weg zum Glück aufzeigen: Geld zählen macht glücklich, berichten Forscher der University of Minnesota im Fachblatt Psychological Science.

Seit er das weiß, massiert der Kollege zwar weiterhin hingebungsvoll sein Jochbein, währenddessen zählt er aber seine Münzvorräte.