Meditation per App Abstand von der Turbogesellschaft

Praxistipp zur Meditation per App: Flugmodus an. Wenn nämlich der Arbeitgeber anruft, muss man wieder von vorne anfangen.

(Foto: Vitta Gallery/imago)
  • Manchmal hat man das Gefühl, das eigene Leben rauscht so schnell an einem vorbei, dass man kaum etwas davon mitbekommt.
  • Meditieren hilft, liest man überall. Zur Ruhe kommen, auf sich selbst hören, achtsam sein.
  • Die App "Mind.Mind" kostet knapp 50 Euro im Jahresabo und soll helfen - tut sie das auch?
Von Julian Erbersdobler

Packen wir es an, es gibt nichts zu tun. Das hat mein Opa immer gesagt, und ich fand den Satz toll, weil er irgendwie leichtfüßig klang. Heute gibt es meistens so viel zu tun, dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst anpacken soll. Manchmal habe ich das Gefühl, mein eigenes Leben rauscht so schnell an mir vorbei, dass ich kaum etwas davon mitbekomme. Aber geht das nicht allen so? Meditieren hilft, liest man ja überall. Zur Ruhe kommen, auf sich selbst hören, achtsam sein. Ein bisschen Abstand nehmen von der Turbogesellschaft.

Das scheint bei einigen zu funktionieren. Es gibt Facebookseiten, die "Lüdenscheidt meditiert" oder "Kinder-Yoga mit den Medi-Tieren" heißen. Manche machen es im Park oder allein daheim, andere mit Bier in der Hand oder Metalmusik im Ohr. Ich gebe der Sache eine Chance, und schon bald spricht mein Handy zu mir, dass ich mich mit geschlossenen Augen ins Bett legen soll. Body-Scan-Meditation: Die empfiehlt mir die App "Mind.Mind" als Einstieg. Am Anfang ist es schon ein wenig bizarr, dass ausgerechnet mein Smartphone zur sprechenden Klangschale wird. Das Gerät, das mich sonst mit Nachrichten, Eilmeldungen, Terminen und Werbung bombardiert.

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Es ist kurz nach sieben am Abend, als ich zum ersten Mal die tiefe Stimme eines mir fremden Mannes höre, der mich durch die zwanzigminütige Meditation führt. Ich soll die Aufmerksamkeit mehr und mehr in meine inneren Räume und Landschaften richten, sagt er. Ich muss schmunzeln, bleibe aber konzentriert. Danach geht es darum, die Geräusche in der Umgebung wahrzunehmen. Das Trampeln der Kinder im dritten Stock. Die Sirene des Krankenwagens. Der knarzende Holzdielenboden. Drei Geräusche, die ich bisher immer als nervig empfunden habe. Während der Meditation ist das anders. Ich liege einfach da und protokolliere innerlich, was ich höre. Kommt der Lärm von vorne, hinten, unten, oben, links oder rechts? Der Einstieg gefällt mir. Es geht in erster Linie um Konzentration. Nach den Ansagen des Sprechers bleibt genug Zeit, das Gesagte umzusetzen. Und wenn man das Gefühl hat, dass jetzt langsam die nächste Übung kommen könnte, spricht er wieder.

Die Stimme gehört Christian Fein, 48. Der Limburger arbeitete 15 Jahre lang erfolgreich als Unternehmensberater und Geschäftsführer in internationalen Positionen in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Fein hat schnell Karriere gemacht, mit allem was dazugehört: Jetset-Leben, 80-Stunden-Woche, kaum freie Tage. "Als junger Mensch ist es toll, hochgelobt zu werden", sagt er heute. Aber auch, dass einen die Arbeit kaputt macht, wenn man nicht schläft und dauernd liefern muss. Wer Schwäche zeigt, verliert.

Irgendwann konnte Christian Fein nicht mehr. Er war leer. Über einen Zufall fand er zur Meditation. "Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich meditieren werde, dann hätte ich ihn ausgelacht." Feins Stimme klingt am Telefon genauso beruhigend wie in der App. Nach dem Tiefpunkt raffte er sich wieder auf. Als Teenager hatte er den Traum, Psychologe zu werden. Also bildete er sich weiter, unter anderem in körperorientierter Psychologie und Hypnose. Heute berät er Privatpersonen, aber auch Unternehmen wie Allianz und Commerzbank. "In Seminaren für Führungskräfte darf man die Meditationsübungen nicht so nennen", sagt er, da müsse die Verpackung eine andere sein. Der Inhalt sei aber der gleiche.

Ein Praxistipp noch: Flugmodus an

Christian Fein meditiert selbst jeden Tag, mindestens eine halbe Stunde am Morgen. Die Übungen sind auch fester Bestandteil seiner Coachings. Ein Unternehmer, erzählt er, hat ihn mal weinend angerufen und sich bei ihm bedankt. "Der Mann konnte zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder durchschlafen." Es kam auch öfter vor, dass manche seiner Klienten auf ihn zukamen, weil sie unzufrieden waren mit bestehenden Meditations-Apps. Einige gab es nur auf Englisch, andere klangen, als würde ein Roboter die Texte ablesen. Manche beschwerten sich auch über kindische Bilder und Erklärungen. Damit fing alles an. Bei der Umsetzung seiner eigenen App unterstützten den Coach Freunde. Fein nahm sich 14 Tage Zeit, die Anleitungen in einem Tonstudio in Bozen einzusprechen. "Vor jeder Aufnahme habe ich selbst meditiert", sagt er, "das war mir sehr wichtig."

"Mind.Mind" ist simpel aufgebaut, weiße Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund. Es gibt drei Auswahlmöglichkeiten im Menü: das geführte achtwöchige Meditationsprogramm, die Bibliothek mit Qi-Gong- und Atemübungen und den Timer, um ohne Begleitung meditieren zu können. Außerdem findet man kürzere Meditationen, die sich in den Alltag einbauen lassen. Das Jahresabo kostet 49,99 Euro. Nicht im Preis inbegriffen ist die Disziplin, sich dafür regelmäßig die Zeit zu nehmen, die man ja eigentlich nicht hat. Ein Praxistipp noch: Flugmodus an. Wenn nämlich während der Handy-Meditation der Arbeitgeber anruft, kann man gleich wieder von vorne anfangen.

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