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Gentrifizierung:Besseresser gegen Billigheimer, Hipster gegen Zille

Eine Studentin hat Kunden in der Markthalle zu ihrem Monatsgehalt befragt, von 500 bis 5000 Euro sei alles "ziemlich gleichmäßig verteilt". Es gibt einen Stand, der die Preise nach dem Einkommen der Kunden berechnet; es gibt Kinderflohmärkte, Weihnachtsgottesdienste und Anwohneressen. Doch am Ende kann auch Niedermeier die Wohlstandsblase nicht wegdiskutieren. Nicht den gereiften Emmentaler zu 3,70 Euro für 100 Gramm und nicht die Eiskugel mit karamellisiertem schwarzen Sesamcrunch zu 1,80 Euro. Die Markthalle ist damit eine schwierige Kulisse für Pädagogik. Niedermeier erklärt den Leuten gern: Wenn man kochen kann, lässt sich aus guten Produkten selbst mit wenig Geld viel machen. Er gibt aber auch zu, dass man mit solchen Sätzen Gefahr läuft, wie Marie Antoinette zu klingen: Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Quinoa-Cronuts fressen.

Um das Volk selbst zu fragen, muss man nur die Straßenseite wechseln. Im Café Jannimu ist wöchentlich Lagebesprechung der Initiative "Aldi bleibt". Ins Leben gerufen hat sie die Filmemacherin Stefanie Köhne, die seit 30 Jahren im Viertel wohnt. Köhne ist eine freundliche Frau, die sich in Rage reden kann. Sie engagiert sich, weil sie vor dem Aushang, der den Drogeriemarkt ankündigte, "die Hilflosigkeit der Leute gespürt" habe. Man hört Begriffe wie "praktische Solidarität", "Respekt" oder "positive Utopie", die in dem Kiez gelebt werde. Und immer wieder geht es um "die Grundversorgung", die in der Halle gewährleistet sein müsse. Was das bedeutet, welche Preise angemessen sind, was eine "Halle für alle" leisten sollte, kann keiner genau erklären. Aber so, wie Köhne "Grundversorgung" sagt, klingt es nach Krieg oder Belagerung. Dass 200 Meter weiter die nächste Lidl-Filiale liegt, irritiert sie nicht weiter.

Ernährung Die Legende von Aronia
"Superfood"

Die Legende von Aronia

Besonders gesund? Die Aroniabeere ist der jüngste Spross im Garten der Superfrüchte, denen erstaunlichste Fähigkeiten nachgesagt werden. Belege dafür fehlen.   Von Hanno Charisius

Kann es sein, dass die Diskussion über Ungleichheit richtig ist, dass man sie aber am falschen Thema aufhängt - einem Supermarkt? Köhne sieht da keinerlei Widerspruch: "Niemand will einen Discounter verteidigen, der Milliardären gehört", ruft sie. Das sei Zufall. "Ich will nicht lesen, dass wir hier für den Antichrist kämpfen." Die Bürgerinitiative hat schon neue Ziele: "Wir wollen, dass die Halle rekommunalisiert wird." Eine Forderung, von der die grüne Bezirksbürgermeisterin sagt, sie entbehre jeglicher Rechtsgrundlage.

Es ist kaum hilfreich, dass die Lebenswelten, die hier aufeinander prallen, vor Klischees nur so strotzen. Zille gegen Hipster. Wer durch die Markthalle schlendert, braucht keine fünf Minuten, um persönliche Vorurteile zu bedienen. Da ist der Bio-Skeptiker, dem es "egal ist, ob irgendein Zausel den Hühnern auf der Blockflöte vorbläst". Oder der Student, der "wenig Geld" hat, Lebensmittelethik aber wichtig findet. Da ist das Ehepaar mit 780 Euro Rente, das "auf Sonderangebote bei Aldi angewiesen" ist. Oder die Touristin, die Zimtschnecken "amazing" findet und den Stand mit dem Spreewaldgemüse als Selfie-Hintergrund nutzt. Und da ist auch die junge Mutter, die "Wert auf gesundes Essen" legt und fragt: "Wer bitte will denn das alte Kreuzberg zurück? All den Dreck und die Fixer?"

Während sich in der Markthalle die Emotionen hochschaukeln, segelt als Einziger ruhig unterm Radar: Aldi. Warum einmischen in einen Streit, in dem es läuft wie geschnitten Goldähren-Toast? In dem die Konkurrenz die Bodenhaftung verliert und Bürgerinitiativen das Marketing schmeißen? Fragen bearbeitet der Konzern nur schriftlich. In der höflichen Antwort ist oft von Kundenbindung die Rede: "Wir freuen uns über das Engagement unserer Kunden für ihren Aldi-Markt in Kreuzberg." Das zeige, dass die sich "bei uns wohlfühlen". Im Weiteren geht es viel um zertifizierte Nachhaltigkeitsstandards, Qualität, Gesundheit, Menschenrechte oder Verantwortungsethik. Nun könnte man ironisch fragen: Wenn Aldi so viel Gutes tut, wieso redet der Konzern dann nie offen darüber?

Eine einfache Antwort ist: Solange man den Kunden beim Portemonnaie hat, ist alles andere Nebensache. 84 Prozent der Deutschen kaufen beim Discounter. Wie sehr die Billigpreise verinnerlicht wurden, sieht man beim Aldi-Konkurrenten Lidl, der sich gerade um einen Imagewechsel zu "Deutschlands nachhaltigstem Discounter" bemüht und eine viel beachtete Kooperation mit Bioland beschlossen hat. Wie es heißt, zu Bedingungen des Bioverbandes. Diese Woche verabschiedete Lidl sich dann von dem Plan, nur noch Fairtrade-Bananen zu verkaufen. Der Kunde war doch nicht bereit, mehr zu bezahlen. Die kolumbianischen Bauern, die für den Bananendeal umgerüstet hatten, dürfen nun sehen, wie sie klarkommen.

Solidarität, das zeigt der Zoff um die Markthalle, ist verdammt komplex geworden

In Kreuzberg sinniert Florian Niedermeier angesichts der Kritik an den edlen Röstungen im neuen Markthallencafé: "Wir haben uns vielleicht manchmal zu sehr auf die Bedürfnisse der Kaffeebauern in Lateinamerika konzentriert und die Nachbarschaft aus dem Blick verloren. Darauf müssen wir jetzt Antworten finden." Solidarität ist verdammt komplex geworden.

Florian Niedermeier
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Der Protest hat Hallenchef Florian Niedermeier verunsichert.

(Foto: Markthalle Neun)

Doch wie viel Gemeinschaft braucht eine Gesellschaft, wie viel Nebeneinander verträgt sie? Um das zu beantworten, geht man am besten in die Mitte der Markthalle, wo Inge Wruck, ihr Alter verrät sie nicht, seit 1989 ein Bistro-Büdchen betreibt. Der Kaffee kostet bei ihr 1,50 Euro, die Bockwurst zwei Euro. Keiner ist länger hier als sie, ihr Fazit aus 30 Jahren: Zeiten ändern sich, und Zusammenhalt war hier immer wenig, vor allem, wenn es ums Geld ging.

Am vollsten sei es vor der Wende gewesen, erzählt Wruck, aber dann sei "was Komisches" passiert: In den Neunzigern rannten die Leute alle in die neuen Einkaufszentren im nahen Berliner Osten, um sich billig einzudecken. Die Halle verödete. Als man die Leute dann vor acht Jahren fragte, welches Konzept sie für die Markthalle wollten, "da wünschten die sich all die Läden zurück, die sie selbst mit kaputt gemacht hatten, weil sie da nicht mehr einkauften: Metzger und Kurzwarenhändler." Wruck ist dafür, dass Aldi bleibt, "auch weil ich Sorge habe, meine Kunden zu verlieren". Sie kennt die Egoismen. Als sie den Kaffee mal um zehn Cent verteuerte, hieß es: "Was fällt dir ein, du Fotze, wir trinken jetzt woanders." Und seit sie auf der Hallenversammlung für Aldi gestimmt hat, "reden vier Händler nicht mehr mit mir."

Die Diskussion darüber, was Essen kosten sollte, hat gerade erst begonnen - Klimawandel, kaputte Landwirtschaft, wachsende Ungleichheit ... Im Labor Kreuzberg kann man schon mal lernen. Ob Besseresser oder Billigheimer, Altlinker oder Neureicher, ob Hipster oder Hartz-IV-Empfänger: Man schenkt sich keinen Zentimeter.

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