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Maradona-Double Abi Atici:Was sagt Diego dazu?

Aus den Lautsprechern unterhalb der stockfleckigen Markisen des Vaterstettener Stadions plärrt es nach Diego. "Die Blauen verlieren ihren Vorsprung", kommentiert der Stadionsprecher, der mit seinem Funkmikrofon nervös am Spielfeldrand auf und ab hetzt. "Was sagt Trainer Diego dazu? Wo steckt er überhaupt?" Abi murmelt in sauberstem Schwäbisch ein paar ausweichende Floskeln ins Mikrofon. "Grazie", sagt der Sprecher. Für ihn, für Bekannte, vielleicht ein bisschen für sich selbst spielt Abi nicht nur Diego, er ist es.

Abi Atici Diego Maradona Double

Abi Atici gleicht Diego Maradona bis hin zum Fidel-Castro-Tattoo. Nur die Namen seiner eigenen Kinder hat er sich statt Diegos Nachwuchs auf die Unterarme tätowieren lassen. "Das wäre sonst unfair", sagt Abi.

(Foto: Lena Jakat)

Und für den echten Diego?

Vorbild und Abbild sind sich das erste Mal auf einem kubanischen Golfplatz begegnet. Maradona war ziemlich weit unten, Drogen- und sonstige Eskapaden hatten ihre Spuren hinterlassen. Abi flog in die Karibik und sprach ihn einfach an. "Er hatte Tränen in den Augen", erinnert sich Atici. "Er hat in mir eine jüngere Version von sich selbst gesehen. Das war wirklich herzzerbrechend." Tränen flossen auch, als Atici einmal Familie Maradona in Buenos Aires besuchte.

Das mag tatsächlich an dem einzigen offensichtlichen Unterschied zwischen Abi und Diego liegen: Das Gesicht des Sportartikelverkäufers lacht, wenn er spricht, ein gewöhnlicheres Leben hat dort gewöhnlichere Spuren hinterlassen. "Ich habe Diego immer gut aussehen lassen, auch wenn er ganz unten war", sagt sein Doppelgänger. Wie Diego und sein Verhalten gerade ankommen, hat er immer am eigenen Leib gespürt. "Wenn er was Tolles gemacht hat, haben mir die Leut' auf die Schulter geklopft, wenn er Scheiß gebaut hat, musste ich mir auch das anhören."

Wieder muss Diego sich selbst unterbrechen, wieder hat sich eine kleine Gruppe um den kleinen Mann gebildet. Er soll lächeln, Autogramme geben, posieren. Diesmal hebt er die Hände, wie Diego, halb abwehrend, halb abwinkend. "No, no", sagt er bestimmt und es klingt tatsächlich spanisch, immer wieder, bis die jungen Fans murrend umkehren. Die geborgte Autorität eines Weltstars. "Das gehört auch dazu, so abweisend und arrogant zu sein. Auch wenn mir das innerlich wehtut. Ich würde am liebsten alle umarmen."

Aber nicht immer. Manchmal, sagt Abi, frage er sich schon, wie Diego diesen Rummel jeden Tag aushalte. "Ich muss das ja auch ständig hören - Diego! Diego! - ob ich will oder nicht."

Wenn Abi-Diego auf Massenveranstaltungen unterwegs ist, auf dem Münchner Oktoberfest zum Beispiel, hat er einen Bodyguard dabei. Weil dann die Show funktioniert, aber auch, weil er ihn braucht. Betrunkene Diego-Fans versuchen im Bierzelt schließlich schon mal, auf die Empore zu klettern.

Manchmal würde er gerne in Ruhe im Supermarkt einkaufen, sagt Abi. Oder in Zivil zum Geburtstagsfest eines Bekannten kommen. "Wenn sie mich dann bitten: Komm doch als Diego!, denke ich mir schon: Du bist doch mein Freund." Es klingt fast so, als würde er sein Alter Ego insgeheim auch mal gern verfluchen. Doch das Schrillen einer Pfeife schneidet den Moment ab.

Das Benefizspiel ist zu Ende, die Blauen und die Roten haben jeweils fünf Tore geschossen. Verschwitzte Männer fallen sich in die Arme. Diego ist von seinem Platz hinter der Seitenlinie längst verschwunden und in der Jubeltraube abgetaucht. Seine Arbeit machen, Schultern klopfen.

© Süddeutsche.de/jobr/lala

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