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Leben unter Zeitdruck:Inseln der Entschleunigung

Es kann nicht darum gehen, die Ökonomie zu entschleunigen. Aber es muss gesellschaftliche Bereiche geben, die wir nicht beschleunigen. Rückzugsorte. Das Grundübel ist nicht die Beschleunigung per se, sondern das Wettbewerbsprinzip, das die Beschleunigung antreibt und das in nahezu alle Bereiche unseres Lebens eingesickert ist: Wer hat das klügste Kind? Wer hat die größte Plattensammlung? Wer hat den besten Urlaub gemacht? Wer war auf der besten Party? Und wer ist eigentlich besser im Bett?

Das Problem ist das ständige Gefühl, genauso gut oder besser als andere sein zu müssen. Mehr erleben, mehr arbeiten, mehr besitzen. Das hat absurde Folgen: Wir kaufen Dinge, haben aber keine Zeit sie zu konsumieren. Wir machen irgendwo Urlaub, nehmen uns aber nicht die Zeit dort anzukommen. Wir erleben jede Menge, aber machen keine prägenden Erfahrungen. Am Ende fühlen wir uns abgehetzt, leer, ausgebrannt. Und wer würde nicht die Textzeile unterschreiben, die sich Udo Lindenberg vom österreichischen Schriftsteller Ödön von Horváth geliehen hat: Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu?

Es ist natürlich richtig, dem Einzelnen zu raten, sich von diesen Zwängen frei zu machen. Es ist aber zu kurz gedacht: Wer traut sich schon, mehr als ein Wellness-Wochenende lang auszusteigen? Wer traut sich, am Wochenende das Handy abzuschalten? Die Konkurrenz schläft nicht.

Wer etwas ändern will, muss das permanente Schuldgefühl ausschalten, weniger zu leisten als die Konkurrenz. Kluge Unternehmer sind daher Entschleunigungs-Apostel: Sie deaktivieren am Wochenende die Emailfunktion, achten darauf, dass die Mitarbeiter pünktlich nach Hause gehen, und akzeptieren nicht, dass die Kollegen aus dem Urlaub arbeiten. Sie tun das nicht aus Selbstlosigkeit. Sie wissen: Erst Entschleunigung, Zeit für Muße, gibt Raum für Kreativität.

© Süddeutsche.de/leja

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