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Landflucht:"Was für Leib und Seele, das fehlt hier noch"

Dass Klaus Lütkefedder einer von hier ist, hat ihm bei seinem Vorhaben geholfen. So wie viele Nachbarn ist auch er jahrelang nach Mainz und Frankfurt gependelt. Doch weggezogen ist er nie. Dass er immer in Wallmerod geblieben ist, rechnet man ihm im Dorf hoch an. Eigentlich ist er Bauingenieur, deswegen prüft er selbst, ob zu viel Schnee auf dem Schuldach liegt und die Statik hält. Oder sucht auf Messen nach dem geeigneten Fuhrpark für seine Gemeinde. Im Mainzer Wirtschaftsministerium hat er gelernt, wo es welche Fördermaßnahmen gibt - und wie man sie bekommt.

Er parkt vor dem Freibad in Hundsangen und zeigt auf das Kinderbecken, in dem niemand tobt. Zu kalt an diesem Tag. Er grinst jetzt frech wie ein Zehnjähriger, der Grund: Den Umbau musste er nur zur Hälfte bezahlen. Die Kosten für die Schirme aus Holz, die über dem Schwimmbad Schatten spenden sollen, hat die EU übernommen. Förderung von Holzbaukonstruktionen. Es gibt noch einen Haufen weiterer Projekte, bei denen er Geld abgegriffen hat, etwa für ein Sportheim. Der lang gezogene, futuristische Bau in Herschbach, an dessen Flanken Pflanzen in Tongranulat wachsen, macht ihn fast genauso stolz wie die Initiative "Leben im Dorf".

Das Thema führt ihn inzwischen durch ganz Deutschland, das Interesse an seinen Vorträgen ist groß. "Wenn wir den Leuten nicht sagen können, warum sie bei uns bleiben sollen, wandern sie in die Städte ab. Dann verlieren wir unsere Existenzberechtigung." Er weiß aber auch, dass es nicht reicht, allein die Häuser zu sanieren. Was nützt ein attraktives Dorf, wenn das Leben im Dorf nicht attraktiv ist?

Für Arzt, Supermarkt und Schule kann er sorgen, zu jedem intakten Ort gehört aber noch etwas anderes: der Tratsch. In Elbingen quetscht sich Klaus Lütkefedder an den Männertisch im "Backes", der deutlich kleiner ist als die Tafel der Frauen. Die Jüngste hier dürfte Anfang sechzig sein, die meisten kennen sich schon ihr Leben lang. Als die Bäckerin mit ihrem Lieferwagen vor der Tür parkt, springen die Herrschaften auf, als säßen sie auf einem Trampolin. Die mobilen Händler, die Eier, Nudeln, Brot verkaufen, gab es in der Region schon immer. Der eine kam am Montag, der nächste am Mittwoch. Heute reisen sie gebündelt an. Eine halbe Stunde lang stehen sie auf dem Vorplatz des "Backes", des ehemaligen Backhauses. So ein Häuschen gibt es in fast jeder Gemeinde. Wenn die Elbinger eingedeckt sind mit Quarktaschen und Sonnenblumenbrot, fahren die Händler weiter nach Bilkheim, Zehnhausen und Weltersburg.

"2800 Menschen über 65 Jahre. Die Frage ist nicht: Brauchen wir zusätzliche Kindergärten?"

Hier am Tisch bekommt Klaus Lütkefedder die Sorgen seiner Bürger direkt eingeflüstert. "Wir haben aktuell 2800 Menschen, die über 65 Jahre alt sind. In zehn Jahren werden es rund 700 mehr sein. Die Frage, die wir uns stellen, ist also nicht unbedingt: Brauchen wir zusätzliche Kindergärten?" Deswegen hat er Anfang des Jahres ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: "Lange leben im Dorf".

Jeden Donnerstag kommen Händler mit dem Nötigsten in die kleinen Orte.

(Foto: Felix Schmitt)

Er will, dass die Leute im Alter so lange wie möglich im eigenen Heim wohnen bleiben können. Dafür fördert er die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum. Wer mindestens 20 000 Euro in eine ebenerdig begehbare Dusche oder einen Treppenlift investiert, bekommt einmalig 1000 Euro dazu. Gefördert wird auch, wer in seinem Haus eine abgeschlossene Wohneinheit schafft, die man dann neu vermieten kann. Die meisten Menschen nutzen im Alter nur noch einen Teil ihres Hauses, warum sollte der andere leer stehen?

Das alles könnte man noch viel weiter führen, glaubt Lütkefedder. Nicht alle seine Ideen kommen gut an. Den Auffrischungskurs für ältere Autofahrer, die ihre Erledigungen damit bis ins hohe Alter autark erledigen können, fand nur einer gut: er selbst. Dass es manchmal durchaus Sinn macht, den Führerschein abzugeben, wenn man den Kopf nur noch schwer drehen kann? Müsse man ausprobieren.

Simone Ludwig hat inzwischen ihr nächstes Herzensprojekt geplant, auch ohne Fördergeld. Sie will aus der Gartenlaube auf ihrem Grundstück ein kleines Café machen und dort selbstgemachte Gelees und Liköre verkaufen. "Was für Leib und Seele, das fehlt hier noch." In ihren alten Heimatort zieht es sie nicht zurück. Da stehen zu viele Häuser leer.

© SZ vom 19.05.2018/mane

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