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Unsichtbare Skulptur:"Ich meine das alles absolut ernst"

Künstler Salvatore Garau

(Foto: Marri Nogueira)

Salvatore Garau verkauft eine unsichtbare Skulptur für 15.000 Euro - und erntet einen Sturm der Entrüstung. Eine Geschichte über Fantasie, Neid und die alte Frage nach dem Wert der Kunst.

Von Jan Stremmel

Er ist jetzt seit fast 50 Jahren Künstler, aber so viele Nachrichten hat er noch nie bekommen. Männer aus Argentinien nennen ihn einen Betrüger, Frauen aus Russland feiern ihn als Genie. "Das geht alles links rein und rechts raus", sagt Salvatore Garau und lächelt, "aber ich freue mich über jede Reaktion."

Er sitzt in seinem Wohnzimmer, hinter ihm eines seiner Gemälde, expressive grüne und lila Pinselschwünge, vor ihm die Kamera seines Laptops. Ein Mann Ende 60, der zehn Jahre jünger aussieht, lockiges dunkles Haar, schwarz gerahmte Künstlerbrille. Eines sei ihm besonders wichtig, sagt er mehrfach während der nächsten Stunde: "Ich will wirklich niemanden verarschen." Auch sei er kein Satiriker. "Ich meine das alles absolut ernst."

Die Wut und die Liebe, die Vorwürfe, er sei ein "Dieb" und bereichere sich auf dem Rücken von "wirklichen Künstlern" - die ganze Aufregung, die seit ein paar Wochen gegen diesen grundentspannten Sarden anbrandet, hängt zusammen mit seiner letzten Idee. Sie hat ihn weltweit in die Schlagzeilen gebracht. "Künstler verkauft unsichtbare Skulptur für 15 000 Euro" titelte The Sun aus Großbritannien. The Globe and Mail aus Kanada berichtete, mexikanische und argentinische Zeitungen, Fox News. Ein Showmaster, aus welchem Land weiß er nicht mehr, machte den Witz, er werde seiner Frau heute Abend unsichtbare Diamanten schenken.

Die Skulptur ist nicht unsichtbar. Sondern nicht sichtbar. Ein Unterschied.

Seitdem ist Salvatore Garau ein Star, ein Schelm, ein Vorbild. Unter dem Video, das er von einer der unsichtbaren Skulpturen auf Instagram gepostet hat - sie steht vor der Scala in Mailand, wo man allerdings nur ein Quadrat aus Klebeband auf dem Boden sieht -, haben sich mittlerweile fast 1000 Kommentare angesammelt, auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Katalanisch. Größtenteils wütend bis sehr wütend. Einer der am häufigsten gelikten Kommentare lautet: "Des Kaisers neue Kleider." Wobei Garau gleich korrigiert: Die versteigerte Skulptur sei gar nicht unsichtbar. "Sondern nicht fürs Auge sichtbar. Das ist ein Unterschied." Lieber nennt er seine Skulptur deshalb "immateriell".

Es war eine Versteigerung in einem kleinen Auktionshaus in Mailand, im Mai. Die Skulptur namens "Io Sono" ("Ich bin"), warb der Prospekt, sei ein Werk "von größter Wichtigkeit und intellektueller Stimulation". Einen Verkaufspreis von 6000 bis 8000 Euro erwartete man. Am Ende wurden es doppelt so viel. "Und 15 000 Euro sind wirklich, wirklich wenig Geld für einen original Garau", sagt Garau. Es wirkt fast, als wolle er die Leute aus der Kommentarspalte erst recht anstacheln.

Der Käufer ist ein Privatmann, der unbekannt bleiben will. Auch der Künstler sagt, er kenne ihn nicht. Ganz immateriell ist der Kauf allerdings nicht, das Auktionshaus akzeptierte zum Beispiel echtes Geld - und gab dem Käufer ein Zertifikat mit Salvatore Garaus Siegel und Unterschrift. Darauf steht auch die Anweisung: "Aufzustellen in einem Privathaus, in einem Raum frei von Hindernissen auf 150 x 150 cm." Dieses Zertifikat, so steht es dort weiter, dürfe jedoch nicht im selben Raum ausgestellt werden wie das Werk. "Nichts soll ablenken", sagt Garau, "von den Gedanken, von den Ideen, die meine Skulptur anregt."

Was ist Kunst wert? Der Streit um diese Frage ist so alt wie die moderne Kunst. Seit mehr als hundert Jahren haben zahllose Künstler die Frage selbst ins Zentrum ihres Werks gestellt. Denn wenn nicht mehr Materialkosten, Technik oder Arbeitszeit darüber entscheiden, was Kunst ist und wie viel sie wert ist, lautet die spannende Frage: Was eigentlich dann? Wenn es die reine Erklärung des Künstlers ist, dass ein von ihm ausgewählter Gegenstand Kunst sei, wie Marcel Duchamp es mit seinem Pissoir zeigte - braucht es dann überhaupt noch den Gegenstand? Yves Klein stellte, auf diesem Gedanken aufbauend, in den Fünfzigern in einer leeren Galerie bereits "immaterielle" Bilder aus. Robert Rauschenberg wurde 1961 eingeladen, für eine Gruppenausstellung ein Porträt der Galeristin Iris Clert anzufertigen. Er schickte ein Telegramm: "Dies ist ein Porträt von Iris Clert, wenn ich es sage."

Auch mit Unsichtbarkeit haben seit Jahrzehnten viele Künstler gearbeitet, von Andy Warhol bis Maurizio Cattelan, der einen offiziellen Polizeibericht als Kunst deklarierte: Er dokumentierte die von Cattelan erstattete Anzeige, dass dem Künstler eine unsichtbare Skulptur aus dem Auto gestohlen worden sei. 2019 klebte Cattelan eine Banane mit Gaffertape an eine Wand der Art Basel und setzte den Preis auf 120 000 Dollar fest. (Dieses Werk wurde vor Ort von einem anderen Künstler gegessen, ein weiterer Twist in der Debatte um Werk und Wert, die immer wieder auch in etwas anstrengender Weise an Pennälerhumor erinnert.)

Seine Kunst ist klimaneutral

Aktuell ist "Krypto-Art" das große Thema auf dem Kunstmarkt. Rein virtuelle Werke, die mittels NFTs, also mit Blockchain-Technologie, als einzigartig markiert werden und oft mit Kryptowährungen bezahlt werden. Damien Hirst hat gerade in einem Spiegel-Interview angekündigt, auch seine Kunst in diese komplett virtuelle Welt einzuspeisen. Er wolle wissen, "was geschieht, wenn Kunst und Finanzen zusammenkommen". Ein interessanter Satz von einem der reichsten Künstler der Welt.

Eine NFT-Collage eines vormals relativ unbekannten Grafikers namens Beeple wurde im Februar für fast 70 Millionen Dollar bei Christie's versteigert. Er ist damit aus dem Stand einer der drei teuersten lebenden Künstler. Könnte der Aufschrei, als Garaus unsichtbare Skulptur durch die Weltpresse ging, auch mit solchen Entwicklungen zu tun haben? Salvatore Garau ist kein Freund von NFTs. Er findet sie sogar ausgesprochen schrecklich. "Krypto-Kunst verbraucht, genau wie Krypto-Währungen, so viel Strom wie ganze Länder", sagt er in die Kamera. "Wir zerstören unseren Planeten für Kunst, die letztlich nicht mehr ist als eine JPEG-Datei." Seine Skulpturen dagegen seien "nicht nur fälschungssicher, sondern auch komplett klimaneutral. In Herstellung, Verpackung und Versand". Da spielt nun doch ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel.

Er beschäftigt sich schon länger mit Umweltschutz. Anfang 2020, als die Pandemie begann und mit ihr die Zeit der Videocalls, virtuellen Konzerte und leeren Fußballstadien, da habe er etwas erkannt, das er dringend sofort als Motiv verarbeiten musste: "Die Abwesenheit ist die zentrale Protagonistin unserer Zeit."

Salvatore Garau

Salvatore Garau ist seit 50 Jahren in der Kunstwelt aktiv. Hier seine Eisenskulptur namens "Aal vom Mars".

(Foto: Salvatore Garau)

Garau, auch das ist ein wichtiges Detail dieser Geschichte, ist kein Unbekannter. Er ist seit 50 Jahren in der Kunstwelt aktiv. Er malt, produziert Filme und Musik. Er hatte Ausstellungen in Barcelona, San Francisco, London, seine Werke waren zweimal Teil der Biennale in Venedig. Auf einem Platz in seinem Heimatdorf Santa Giusta auf Sardinien hat er eine zwölf Meter hohe Eisenskulptur namens "Aal vom Mars" aufgebaut - sieben Tonnen schwer, ein von Garau handgeschweißtes Tentakel, das aus dem Boden ragt. Der Vorwurf der wütenden Kommentatoren im Netz, hier mache ein ahnungsloser Pseudokünstler mal eben schnelles Geld, ist bei genauerem Hingucken nicht zu halten.

Abgesehen von "Io Sono", der verkauften immateriellen Skulptur, hat Garau aktuell sieben unsichtbare Werke auf Lager. Er habe sie jeweils für eine bestimmte Stadt erschaffen. Im Februar ging es los, mit "Buddha in Kontemplation". Diese Skulptur, markiert mit einem Quadrat aus Klebeband auf den Pflastersteinen, steht auf einem prominenten Platz: vor der Scala in Mailand. Im Mai stellt Garau dann seine zweite Skulptur an einem ebenso symbolträchtigen Platz auf: vor der New Yorker Börse. Diese Skulptur nennt er "Aphrodite weint". Eine Zusammenarbeit mit dem italienischen Kulturinstitut in New York.

Seit acht Jahren ist er verwitwet

"Sobald ich mich für einen Titel und Platz entscheide, konzentrieren sich dort die Gedanken der Menschen und erschaffen eine individuelle Skulptur", sagt Garau. Ähnlich wie in einer Kirche. Er will es nicht als Parodie verstanden wissen, sondern als Poesie, ein Abbild unserer Zeit. "An der Börse wird in jeder Minute immaterielles Geld verdient und vernichtet. Dabei geht die Schönheit des Planeten kaputt. Deshalb weint Aphrodite."

Er erzählt dann sehr leidenschaftlich von Heisenbergs Unschärferelation, von Parmenides' Auffassung des Nichtseienden und einigen anderen Theorien, die schwer nach Künstlergeschwurbel klingen. Dann aber kommt eine Frage, die hängen bleibt: "Warum glauben Menschen an einen Gott, den niemand je gesehen hat?" Die unsichtbaren Werke, sagt er, kosten ihn mehr Arbeit als alle seine Gemälde und die Metallskulpturen. Die Idee käme ihm in einem Moment, aber dann arbeite er wochenlang an der theoretischen Ausarbeitung: An welchem Platz stellt er die Skulptur auf? Wie könnte der Titel lauten, der die Gedanken der Betrachter auf ihre Reise schickt? Neulich sei er am Strand spazieren gegangen, ein Freund rief an und hörte das Meer im Hintergrund: Ob er gerade störe? Nein, habe er gesagt, aber er arbeite gerade. So sei es nun mal, sagt Garau: Wenn er an immateriellen Werken arbeite, gäbe es keine Studiotür, die er abends schließen kann.

Er ist seit acht Jahren verwitwet, seine Frau war Künstlerin, keine Kinder. Nach ihrem Tod, erzählt er, verlor er für einige Zeit seine Sprache. Er lebt in seiner Heimat, auf Sardinien, in einem Hundert-Quadratmeter-Häuschen, davor eine schmale asphaltierte Straße, dann das Meer. Die Insel hat er seit zwei Jahren nicht verlassen. Das Rechteck aus Klebeband vor der Scala in Mailand hat eine Freundin für ihn angebracht. Sie hat die unsichtbare Skulptur dann noch gefilmt, damit er etwas auf Instagram posten konnte. Das war's. In New York hat er einen Kameramann im Morgengrauen per Videocall über den Platz dirigiert. "Auch der Künstler war sozusagen immateriell."

Warum gibt es für viele Menschen offenbar kaum eine größere Provokation, als wenn ein Mann ein paar Tausend Euro mit einer schelmischen, wenn auch vielleicht nicht ganz neuen Idee verdient, die schon bei Till Eulenspiegel ganz gut funktionierte? Eine Erklärung wäre Neid. Kondensiert in dem bräsigen Satz, den die moderne Kunst seit hundert Jahren aushalten muss: "Das hätte ich auch hingekriegt."

Wobei gegen den Neid nicht mal Künstlerkollegen immun zu sein scheinen. Neulich hat Garau auch Post von Anwälten bekommen. Ein Künstler aus Florida und einer aus Spanien werfen ihm, unabhängig voneinander, vor, von ihnen abgekupfert zu haben. Beide hätten schon vor Jahren unsichtbare Skulpturen geschaffen und machten nun das Urheberrecht geltend. Garau lacht. Mit dem einen der beiden habe er kurz hin- und hergeschrieben und die Sache geklärt - "der Mann hat keine Ahnung gehabt, wie viele Konzeptkünstler sich schon vor 60 Jahren dem Thema Unsichtbarkeit gewidmet haben". Der andere meint es unter Umständen ernst mit der Drohung, vor Gericht zu ziehen.

Spätestens dort dürfte sich die Sache erledigen. Denn auch der Vorwurf, es ginge ihm ums Geld, ist bei genauerem Hinschauen schwer zu halten. Die 15 000-Euro-Skulptur hat nämlich - und das haben sämtliche Berichte in den internationalen Medien vergessen zu erwähnen - nicht Garau selbst verkauft. Sondern einer seiner Sammler. Ein netter junger Mann aus Italien, der sich bereits vor Jahren ein paar kleinere Gemälde von Garau angeschafft habe. Dieser Sammler jedenfalls hat die Skulptur über das Auktionshaus versteigern lassen und die 15 000 Euro bekommen. Garau hat nichts von diesem Geld je gesehen. Er hatte sein immaterielles Werk im Frühling 2020 an den Sammler verkauft. Für 2800 Euro.

© SZ/marli
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