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Kinderbetreuung:Kinder auf Zeit - eine Zerreißprobe

Wie lebt es sich, wenn man zwar zwei Kinderzimmer hat, aber die Freunde nur alle zwei Wochen treffen kann?

Wenn es ihnen bekommt, dürfen Scheidungskinder jetzt wochenweise bei der Mutter oder beim Vater wohnen. Aber kann das gut gehen?

Von Ann-Kathrin Eckardt

Anfang des Jahres hat der Bundesgerichtshof mit einer Grundsatzentscheidung zum Wechselmodell für Aufsehen gesorgt. Die Karlsruher Richter stellten klar: Die gesetzliche Regelung habe sich bislang am Residenzmodell orientiert, doch auch ein Wechselmodell sei nach dem Gesetz möglich. Wenn es dem Kindeswohl diene, dürften Familiengerichte die geteilte Betreuung auch gegen den Willen des anderen Elternteils anordnen.

Diese BGH-Entscheidung war der Anlass, um sich dem Wechselmodell im Buch Zwei zu widmen. Dem Modell zugrunde liegt die Idee, dass die Kinder auch nach einer Trennung engen Kontakt zu beiden Elternteilen haben dürfen. Oder sollen. Oder müssen. Welche Worte man hier wählt, ist Ansichtssache. Und die Ansichten gehen beim Thema Wechselmodell weit auseinander: Für die einen ist es die Möglichkeit, das Wohl der Kinder, den Beruf und die eigene Freiheit nach einer Trennung bestmöglich zu vereinen. Für die anderen ist es der blanke Horror, der nicht nur sie selbst zerstört, sondern auch das Liebste, was sie haben, ihre Kinder.

Dient, was gerecht ist, immer dem Kindeswohl?

Vereint sind beide Seiten nur in ihrem Ziel: Alle wollen das Beste für die Kinder. Die Frage ist: Was ist das? Kann das Wechselmodell, das so vernünftig und doch so nach Zerreißprobe klingt, gut sein für den Sohn oder die Tochter? Dient, was gerecht ist, immer dem Kindeswohl? Wie lebt es sich, wenn man zwar zwei Kinderzimmer hat, aber die Freunde nur alle zwei Wochen treffen kann? Und wie fühlt es sich an, plötzlich Teilzeitmama oder -papa zu sein?

Bei der Recherche wird schnell klar: Mit Eltern zu sprechen, die das Wechselmodell befürworten, ist wesentlich leichter, als mit solchen, die es ablehnen. Genau genommen ist Letzteres sogar unmöglich. Denn Eltern, die das Wechselmodell kritisieren, es aber trotzdem leben (müssen), sind meist zu zerstritten, um ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Mit einem Elternteil kann man sprechen. Aber mit beiden? Unmöglich. Zu groß ist die Angst, dass ihr fragiles Familiengebilde in die Luft fliegt.

© SZ.de/fie

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