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Kinder und digitale Medien:Wenn Eltern selbst zu Co-Abhängigen werden

Was für Alternativen könnten das sein?

Auf jeden Fall solche, die eine realistische Option darstellen, zum Beispiel, dass das Smartphone da bleibt, wenn die Kinder Fußballspielen gehen oder sich mit Freunden treffen. Letztendlich geht es immer darum, mit dem Handy richtig umzugehen und es in den Alltag zu integrieren. Und das gelingt den meisten ja auch.

jürgen wolf

Psychologe und Familientherapeut Jürgen Wolf

(Foto: privat)

Wenn nicht - was können Eltern konkret tun?

Wir müssen uns verabschieden von der Idee, man könne seine Kinder ständig kontrollieren. Die Person, die wir kontrollieren, muss das auch zulassen, sonst scheitern wir am Widerstand. Wichtig ist deshalb, dass die Beziehungsebene stimmt. Man lässt sich nur etwas sagen von jemandem, zu dem man Kontakt hat und der als Autorität wahrgenommen wird. Die Eltern sollten versuchen, dem Kind das Problem zu vermitteln und zum Ausdruck bringen, dass ihnen das etwas ausmacht. Schließlich wird pragmatisch nach Lösungen gesucht, mit denen alle gleichermaßen leben können. Nur so machen Reglementierungsmaßnahmen Sinn. Vereinbarung treffen und Verträge aushandeln - das ist Beziehungsarbeit.

Und wenn es ernst wird?

Dann sollten die Eltern ihr Kind ernst nehmen. Und mit Leuten aus dem privaten Umfeld reden, die bereits Erfahrung mit dem Thema gemacht haben. Wenn das nicht reicht, eine Beratungsstelle aufsuchen - am besten mit dem Jugendlichen zusammen. Leider kommen die Betroffenen oft erst, wenn sich der Machtkampf bereits so hochgeschaukelt hat, dass die Eltern keinen Einfluss mehr auf ihr Kind haben. In dem Fall musss erst einmal an diesem Thema gearbeitet werden, alles andere sind dann Nebenschauplätze. In diesem Stadium manifestiert sich häufig noch ein weiteres Problem: Wenn ich als Vater oder Mutter in so einem Suchtsystem co-abhängig bin, muss ich mich dem stellen, um diese Rolle zu verlassen. Das kann zuweilen hart sein.

Co-Abhängigkeit bei Mediensucht: Wie muss man sich das vorstellen?

Dass Eltern ein Muster entwickeln, in dem sie sich an das System anpassen, statt die Spielregeln zu durchbrechen. So spielen sie dem Jugendlichen, ohne es zu wollen, in die Hände. Einerseits trauen sie ihrem Kind nicht mehr zu, dass es seine Sucht unter Kontrolle hat. Andererseits wissen sie, dass es sich gegen Maßnahmen wehren wird und scheuen sich, die Kontrolle zu übernehmen. Bei einer Sucht muss man die Kontrolle jedoch übernehmen, um den anderen zu schützen.

Was tun co-abhängige Eltern stattdessen?

Sie predigen Vernunft, führen aber keine klaren Regeln ein. Sie regen sich auf, gehen aber nicht den Schritt, den Router mal auszustellen oder abends das Gerät wegzunehmen. Sie nörgeln an ihrem Kind herum und sagen 1000 Mal dasselbe, ohne etwas zu ändern. Damit erreichen sie lediglich, dass sich der Jugendliche einen Panzer zulegt. Das hilft ihm wiederum, die Schuld den Eltern zuzuschieben, nach dem Motto: "Ist ja kein Wunder, dass ich etwas brauche, um abzuschalten." So gesehen, stimmt das ja auch! Der Fehler liegt also oft nicht da, wo Eltern ihn vermuten.

© SZ.de/dd/rus

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