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Kinder - der ganz normale Wahnsinn:Kleine Gangster, große Gangster

Tipps für die Erziehung von Jugendlichen, Teenager

Was könnten wir heute anstellen? Die Antwort auf diese Frage bewegt sich nicht immer im gesetzlichen Rahmen.

(Foto: J. Hosse)

Die Kombination Jugendliche, Alkohol und dumme Ideen kann direkt in die Polizeistation führen. Zur pädagogischen Abschreckung sollen Vater oder Mutter ihren ertappten Nachwuchs dann persönlich vom Revier abholen. Doch nicht alle Eltern haben Lust dazu.

Dem Polizist blieb der Mund offen stehen. Er presste den Telefonhörer noch fester ans Ohr. "Wie ... nein?!" Vor ihm saßen vier jugendliche Straftäter, von denen sich einer das Lachen verkneifen musste. Der Polizist kniff empört die Augen zusammen: "Sie haben wohl nicht recht verstanden. Wir haben Ihren Sohn beim Diebstahl ertappt, auf frischer Tat sogar. Und Sie weigern sich, ihn vom Revier abzuholen?"

Was war passiert?

Die Vorbereitung eines "Dummejungenstreiches", wie die Eltern und der Richter (der den Übeltätern einige Sozialstunden dafür aufbrummte) es später nennen würden, war schiefgegangen, und zwar gründlich. Die drei 17-Jährigen hatten sich am Samstagabend auf einer Party betrunken, der einzige 18-Jährige saß am Steuer, nüchtern. Sein Beifahrer schlief den Schlaf der Alkoholisierten, während die drei anderen überlegten, was sie in der Freinacht kommende Woche anstellen sollten.

Der grobe Plan stand schon: Sie wollten den Garten eines Mädchens aus ihrer Schule zum Hingucker machen, alles sollte leuchten, erstrahlen. Doch wie?

Da fuhren sie an einer Baustelle vorbei. Rot-weiße Warnschilder mit gelben Lampen blinkten in der Dunkelheit. Die drei schauten sich an. Dann hielten sie johlend an, direkt neben der Baustelle. Sie stiegen aus, die Straße war nachtleer. Der Fahrer öffnete den Kofferraum, die anderen beiden schnappten sich das nächstbeste Blink-Schild. Das wollten sie jedenfalls.

Doch die war zusammen mit zwei anderen auf ein Brett geschraubt. Der Fahrer kam den anderen zu Hilfe. Sie lachten und schimpften, schraubten und drehten, schimpften noch lauter. Endlich hatten sie das verflixte Schild gelöst. Als sie sich umdrehten, standen zwei Polizisten vor dem offenen Kofferraum und grinsten hämisch.

Die Ausrede "Das Ding stand schief, es ragte ganz gefährlich in die Fahrbahn, wir wollten es nur reparieren", nahmen sie den Delinquenten nicht ab. Die Beamten riefen noch eine Streife und mühten sich, den unschuldig schlafenden Beifahrer zu wecken.

Auf dem Revier verkündete ein Polizist nach der Standardprozedur, dass er nun ihre Eltern informieren werde! Und diese sie dann abholen müssten! Von der Polizeistation! "Aber", wandte ein Jugendlicher ein, "meine Eltern geben heute ein Fest, die können sicher nicht kommen." Der Beamte baute sich vor ihm auf: Wenn es um ihren missratenen Sohn gehe, würden seine Eltern das Fest sicher Fest sein lassen und hierher eilen. "Also ich glaube nicht ...", sagte der Jugendliche, doch der Polizist hatte sich bereits abgewandt und wählte die ersten Nummern.

"Wie kann man nur so blöd sein"

Die Eltern des Beifahrers wollten baldmöglichst erscheinen, um ihren noch immer schwankenden Sohn heimzuholen. Der Vater des zweiten Übeltäters hatte nur gesagt: "Bin auf dem Weg." Die Mutter des 18-jährigen Fahrers meinte, er solle den Nachtbus nehmen, sie sei wegen der jüngeren Geschwister nicht abkömmlich. Der Polizist nahm das nur widerstrebend hin.

Dann rief er bei der Festgesellschaft an. Als der Vater abnahm, hörte der Polizist lautes Lachen im Hintergrund, Gläser klirrten. Der Beamte räusperte sich: "Wir haben Ihren Sohn beim Diebstahl erwischt." "Aha." Der Polizist war mit der Reaktion eindeutig nicht zufrieden: "Er wollte mit seinen Freunden ein Warnschild von einer Baustelle entfernen und gefährdete dadurch den Verkehr!" "Ah. So." "Kommen Sie nun bitte aufs Revier und holen Ihren Sohn ab." "Nein."

Und da blieb dem Polizist blieb der Mund offen stehen: "Wie ... nein?!"

"Wie Sie sicher hören, feiern wir heute ein Fest, und ich habe schon ein paar Gläser getrunken. Wenn ich jetzt ins Auto steige und zur Wache fahre, bin ich gleich meinen Führerschein los." Der Beamte rang um Fassung, der Jugendliche unterdrückte ein Kichern. Der Polizist erhob sich vom Stuhl: "Wollen Sie etwa, dass wir Ihren Sohn mit dem Streifenwagen nach Hause bringen, so dass alle Nachbarn es sehen?" "Das wäre am besten. Und die Nachbarn sind eh alle hier." Der Polizist schnappte nach Luft.

Mit grimmigem Gesicht legte er auf und drehte sich zu dem Sohn des Abhol-Verweigerers um: "Du, komm mit, wir fahren", sagte er zu ihm. Als sie den Raum verlassen wollten, flog die Tür auf.

Herein stürmte der Vater des zweiten Übeltäters und rief: "Wie kann man nur so blöd sein?" Sein Sohn und die Freunde zogen die Köpfe ein.

Doch der Vater war noch nicht fertig. Fassungslos rief er: "Da muss doch einer Schmiere stehen!"

Erwischt beim Stehlen, Drogenkonsum, bei Schlägereien: Wie sollten sich Mütter und Väter verhalten, wenn der Teenager von der Polizei nach Hause gebracht wird? Die Psychologin Marion Pothmann weiß Rat.

© Süddeutsche.de/vs/leja
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