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Kinder - der ganz normale Wahnsinn:Hallo, hallo, schön dass ihr da seid

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Manche kleinen Kinder lieben es, mit anderen kleinen Kindern zu spielen. Andere erleiden erst einmal einen Kulturschock.

(Foto: Julian Hosse)

In Krabbelgruppen treffen Einzelkinder zum ersten Mal regelmäßig auf Gleichaltrige. Das hat nicht nur schöne Seiten und kann einem Kulturschock gleichkommen.

Geh mit deiner Kleinen in eine Krabbelgruppe, hatte eine Freundin geraten. Dies sei der beste Platz für Erfahrungsaustausch und noch dazu ein Mittel gegen die Wohnungsdecken, die vielen Müttern und manchen Vätern auf den Kopf zu fallen drohen - besonders im Winter. "Wer dann keine Krabbelgruppe hat", sagte die Freundin mit düsterem Blick, "sitzt mit seinem Einsiedlerkind frierend auf dem verschneiten Spielplatz. Allein."

Außerdem könnten in einer Krabbelgruppe echte Freundschaften entstehen. Zwischen den Kindern? "Zwischen den Erwachsenen." Sie selbst, erklärte die Freundin, treffe sich mit ihrem Schulkind noch immer mit der "Krabbeltruppe", nun zum Skifahren und nicht mehr zum Spielen. Über Kinderthemen redeten sie dabei übrigens nur noch selten.

Also meldete sich die junge Mutter mit ihrer Tochter an. Sie habe Glück, sagte die Leiterin, sie habe den letzten Platz bekommen, nun sei die Gruppe voll. Als die Mutter das erste Mal den Krabbelraum betrat, hatte sie das ungute Gefühl, dass die Gruppe vielleicht sogar übervoll war. In dem Raum in Wohnzimmergröße saßen zehn Frauen auf dem Boden, um sie herum rollten und tapsten elf Kinder (eine hatte Zwillinge).

"Sucht euch einen Platz", sagte die Leiterin, "wir fangen gleich mit dem Willkommenslied an." Die Mutter suchte, ihre verunsicherte Tochter klammerte sich dabei an ihren Hals. In der Ecke war neben einem Spielzeugberg noch ein wenig Teppich zu sehen - leider direkt an der Heizung. Die Mutter setzte sich dennoch, die Tochter klammerte, beide schwitzten.

Nur eine Armlänge entfernt lag ein Spielzeug-Handy, es war unter die Puppenküche gerutscht. Die Mutter reichte es der Tochter, die begeistert auf die Knöpfe drückte. Solch lautstarkes Spielzeug gab es zu Hause nicht. Über das Piepsen, Tuten und Klingeln hinweg versuchte die Mutter, bei den Gesprächen ringsum mitzuhören. Sie drehten sich nur um ein einziges Thema: die Kinder. Genauer: Mit welchem Brei schläft dein Kind durch, wie lange hast du selbst heute Nacht geschlafen und kaufst du besondere Schuhe zum Laufenlernen?

Die Kinder beschäftigten sich währenddessen damit, die Puppenküche aus-, aber nicht wieder einzuräumen. Ein Junge spielte mit einem Polizeiauto, dessen kaputte Sirene der Kleine gekonnt durch die eigene Stimme ersetzte. Zwei Kinder hatten die Sicherheit des mütterlichen Schoßes noch nicht verlassen. Eines versuchte, aus einer achtlos abgestellten Kaffeetasse zu trinken, wurde aber noch vor dem ersten Schluck ertappt.

Die Mutter fühlte sich ein wenig überfordert. Da wandte sich die Frau neben ihr an sie: "Du bist neu, nicht wahr? Wie heißt denn deine Kleine? Und wie alt ist sie? Kann sie schon laufen? Ach, nein? Na, das kommt bestimmt bald. Mein Tom läuft schon seit einem Monat." Wie schön für ihn, dachte die Mutter. Tatsächlich tapste Tom gerade entschlossen auf sie zu, ein wenig unsicher zwar. Aber nur, weil er über einen Teddy stolperte. Der Junge wollte nicht zu seiner Mutter. Sondern zu dem Spielzeug-Handy. Auf dem drückte noch immer die Tochter herum.

Das hielt Tom nicht ab. Er zerrte an dem Handy, die Tochter riss entrüstet am anderen Ende - diesen Schatz würde sie nicht ohne Widerstand aufgeben.

"Ach ja", sagte die Sitznachbarin lächelnd, "das Handy wollen immer alle haben." Als der Junge merkte, dass er so nicht weiterkam, packte er ein Büschel Haare. Die Tochter brüllte und ließ das Handy los. Die Mutter zog die Hand des Jungen in die andere Richtung und versuchte, seine verkrampften Finger aufzubiegen. Die Sitznachbarin rief: "Tom, du sollst doch nicht an den Haaren ziehen." Und machte nichts.

Der Kulturschock? Geht vorüber

Tom ließ das Handy fallen und stimmte in das Gebrüll der Tochter ein. Ein paar Kinder heulten solidarisch mit, die Gespräche der Mütter verstummten. Ein Kind nutzte die Gelegenheit, krabbelte mit dem nun herrenlosen Handy hinter die Puppenküche und schob sich genüsslich die Ecke mit den Tasten in den Mund. Bei jeder Kaubewegung piepste es.

Die Mutter hatte es geschafft, alle fünf Finger von Toms Faust aufzubiegen. Ein paar blonde Haarsträhnen fielen zu Boden. Die Frau nahm den tobenden Sohn auf den Arm: "Wir setzen uns besser mal woanders hin." "Willkommenskreis!", rief die Gruppenleiterin.

"Hallo, hallo, schön dass ihr da seid, hallo, hallo, wir freuen uns so sehr", sangen fast alle Mütter. Tom brüllte dazu. Die Tochter schluchzte. Die Mutter war nun völlig durchgeschwitzt. Eine andere Mutter beugte sich zu ihr und flüsterte: "Das ist nur der erste Kulturschock. Nächstes Mal wird es besser." Die Mutter nickte zweifelnd.

Ihre Tochter bewegte sich in dieser Stunde keinen Zentimeter von ihrem Schoß weg. In der Woche darauf sammelte sie das Spielzeug ein, das eine Armeslänge von der Mutter entfernt lag. Diese wusste nun, welcher als der beste Kinderarzt im Viertel galt - ihrer war es nicht. In der dritten Woche wagte sich ihre Tochter zur Puppenküche, behielt aber stets im Auge, wo Tom gerade war. Die Mutter diskutierte währenddessen das Für und Wider der fleischlosen Ernährung bei Kindern und erfuhr, dass die Turnstunde am Donnerstag unbedingt empfehlenswert sei, während die Dienstagsstunde von einer eher herrischen Trainerin geleitet werde.

Nach einem Monat sang auch die Mutter am Morgen, "Schön, dass ihr da seid". Nur Tom und seine Mutter, die blickte sie bei dieser Zeile niemals an.

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