Interview am Morgen "Mehr gemeinsame Zeit führt zu mehr Streit"

Grade noch beim Anstoßen auf gute Vorsätze, kurz darauf beim Streiten: Vielen Paare verfangen sich zum Jahreswechsel in Diskussionen.

(Foto: Priscilla Du Preez/Unsplash)

Die Leiterin einer Beratungsstelle für Partnerschaftskrisen erklärt im Interview am Morgen, warum sich viele Paare rund um Weihnachten streiten oder sogar trennen. Und gibt Tipps, wie man gut über die Feiertage kommt.

Von Thomas Hummel

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr mündet bei vielen Familien und Paaren im Streit. Im ersten Quartal eines neuen Jahres werden mit Abstand die meisten Scheidungsanträge eingereicht. Katrin Normann, Leiterin des "Familien-Notruf München", einer Beratungsstelle für Krisen in der Partnerschaft, erklärt die Gründe - und worauf Paare achten sollten.

SZ: Viele Menschen erwarten, dass über die Feiertage Frieden und Harmonie herrscht. Die Realität sieht wohl anders aus.

Karin Normann: Das hohe Konfliktpotenzial hat viel damit zu tun, dass man im Winter grundsätzlich zu depressiven Verstimmungen neigt. Die Laune ist allgemein schlechter. Die Menschen kriegen weniger Licht ab, gehen wegen des schlechten Wetters weniger raus, bewegen sich weniger. Licht und Bewegung führen aber zum Abbau von Stress-Hormonen. Und da eine gute Paarbeziehung maßgeblich vom Wohlbefinden des Einzelnen anbhängt, kann das zu Spannungen führen.

Weihnachten und Silvester überfordern viele noch einmal besonders.

Der Alltagsstress ist zu dieser Zeit groß, das begünstigt Probleme in Beziehungen. Im Beruf muss alles am 31. Dezember fertig sein für den Jahresabschluss, gleichzeitig will man über Weihnachten und Neujahr Urlaub nehmen - für sich selbst, für die Beziehung, für die Familie. Das ist ein Riesendruck. Kinder können ein Stressfaktor sein. Mit dem Partner geht man dann im Zweifel am wenigsten sorgsam um, da lassen es viele krachen. Mit Arbeitskollegen etwa versucht man noch auszukommen, zu Hause kommt dann der Frust raus.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Warum neigt man dazu, seinen Frust am Partner auszulassen, wo dieser einem doch am liebsten sein soll?

Weil die Erwartungen an den Partner höher sind, als bei anderen Personen. Oft viel zu hoch. Er oder sie soll sexuell anziehend sein, gleichzeitig der beste Freund, das beste Elternteil der eigenen Kinder, soll einen unterstützen, wenn es einem schlecht geht. Paarbeziehungen werden oft mit Wünschen und Sehnsüchten überfrachtet.

An Weihnachten bricht sich dann die Enttäuschung Bahn?

Hier spielen hohe Erwartungen eine besonders wichtige Rolle. Manche sehen Geschenke als Liebesbeweis: Der Wert des Geschenks wird in Relation gesetzt zur Größe der Liebe. Außerdem haben viele idealisierte Bilder im Kopf, wie diese Feiertage ablaufen sollen: Da machen wir es uns besonders schön, das Essen wird besonders lecker - da ist die Enttäuschung abzusehen.

Weihnachten ist ein Familienfest, so viel Zeit verbringt man selten miteinander. Wird es manchen deshalb zu viel?

Wenn es in der Beziehung rumort, führt mehr Zeit zu mehr Streit. Einfach weil die Paare mehr Gelegenheit dazu haben. Auch der obligatorische Verwandtenbesuch kann problematisch sein, wenn die Beziehung zu den Schwiegereltern nicht einfach ist.

Das hört sich alles nicht gut an. Haben Sie Tipps, wie Paare den Streit am Ende des Jahres vermeiden können?

Man sollte die Situation innerhalb der Familie realistisch einschätzen. Wenn der Partner mit meiner Mutter nicht klarkommt, dann weiß ich das vorher. Außerdem sollte man sich absprechen: Wie groß ist das Bedürfnis nach Ruhe? Will man endlich einmal Sport treiben oder lieber Zweisamkeit auf der Couch erleben? Ganz wichtig ist es, eine innere Großzügigkeit und Gelassenheit zu entwickeln. Verabschieden Sie sich von der Sehnsucht nach Perfektion. Vielleicht gibt es Übernachtungsgäste und alle müssen zusammenrücken, vielleicht sind die Kinder aufgedreht und es herrscht Chaos, wo zuvor Ordnung war.

Bisweilen bringen Paare Vorstellungen aus ihren Ursprungsfamilien mit, die sich bisweilen schwer miteinander vereinbaren lassen.

Gerade jüngere Paare müssen eigene Weihnachtsrituale entwickeln. Wie viel Zeit nehmen wir uns als Paar, wie viel Zeit geben wir der Familie, wie viel Zeit ist für jeden persönlich übrig? Darüber kann man sich absprechen. Nur weil man unterschiedlicher Meinung ist, muss das nicht zum Streit führen. Und noch ein Ratschlag: An den Feiertagen sollte man nicht ausgerechnet die heißesten Themen ansprechen. Zum Beispiel unterschiedliche Vorstellungen beim Kinderwunsch oder ähnliches.

Aber gerade Neujahr ist doch für viele ein Datum, an dem man das alte Jahr resümiert und die Wünsche fürs neue aufstellt.

Da sollte man vorsichtig sein: Hat einer den Wunsch, künftig mehr Zeit für sich zu haben, dann sollte er oder sie das dem Partner vielleicht nicht gerade am gemeinsamen Silvesterabend eröffnen. Man soll natürlich nichts verdrängen, aber Weihachten und Neujahr sind ohnehin belastende Phasen. Da sollte man die Stressfaktoren möglichst reduzieren und einen besseren Zeitpunkt abwarten.