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Männerhilfetelefon:Wenn Männer Opfer von häuslicher Gewalt werden

Häusliche Gewalt gegen Männer

Knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Lieber schweigen, statt als Weichei zu gelten: Männer können sich oft nicht überwinden, Hilfe zu suchen. Nordrhein-Westfalen und Bayern haben eine Hotline eingerichtet. Eine erste Auswertung zeigt: Sie ist offenbar dringend nötig.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Herbert Grönemeyer brachte es vor 36 Jahren mit drei Worten auf den Punkt: "Männer weinen heimlich", sang er 1984. Über ihre Sorgen und Ängste, aber auch über psychische oder körperliche Gewalt sprachen Männer damals eher nicht, und auch mehr als drei Jahrzehnte später ist Deutschland bei dem Thema nicht viel weiter, zumindest nicht, was Gewalterfahrungen angeht. Doch es gibt minimale Veränderungen.

Die bemerkte auch Nordrhein-Westfalens Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach (CDU), als sie sich Ende 2019 die Statistik des Bundeskriminalamts für das Jahr 2018 anschaute - und ein Muster entdeckte. Dort ist nach dem Anstieg der Zahlen von Gewalt- und Tötungsdelikten gegen Frauen (81,3 Prozent der Opfer sind weiblich) unter anderem dieser Hinweis notiert: "Allerdings scheint auch die Partnerschaftsgewalt zum Nachteil männlicher Personen von zunehmender Relevanz zu sein. Indiz dafür ist die (fast kontinuierliche) Steigerung der Anzahl männlicher Opfer der letzten Jahre." 18,7 Prozent der Opfer sind den jüngsten Zahlen zufolge Männer.

Ob die Zahlen wirklich steigen, kann man aus der Statistik nicht ablesen. Möglich und wahrscheinlich ist, dass sich zumindest das Anzeigeverhalten ändert, dass sich also mehr Männer, die Gewalt erfahren haben, bei der Polizei melden. In der Statistik des Bundeskriminalamts sind ja nur Taten erfasst, die auch zur Anzeige gebracht werden. Kriminologinnen und Kriminologen schätzen die Dunkelziffer bei dieser Art von Delikten jedoch als extrem hoch ein. "Bei häuslicher Gewalt gehen wir insgesamt von einer Dunkelziffer von 80 Prozent aus, wir glauben aber, dass sie bei Männern noch deutlich höher ist", sagt auch der Pressesprecher der größten deutschen Opferschutzorganisation Weißer Ring, Tobias Großekemper. "Das hat auch mit dem noch immer vorherrschenden Männlichkeitsbild in unserer Gesellschaft zu tun. Als Mann Opfer von häuslicher Gewalt zu werden ist noch immer sehr schambehaftet. Opfer zu sein, gilt als unmännlich, ist ein Tabuthema. Wer mittags von seiner Frau geschlagen wurde, erzählt das abends nicht seinen Kumpels."

Im Schnitt rufen zwischen acht und neun Männer an

Gleichstellungsministerin Scharrenbach möchte die Zahl der Männer, die sich als Gewaltopfer zu erkennen geben, weiter erhöhen. Weil es für betroffene Männer in Deutschland kaum Anlaufstellen gibt, sollte ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen werden. "Männer gehen eher nicht in Beratungsstellen, bei vielen ist die Scham noch zu groß", sagt Scharrenbach. "Daher haben wir uns auf die Hotline und das Internet konzentriert."

Die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Bayern richteten deshalb vor einem halben Jahr gemeinsam ein deutschlandweit einmaliges Angebot ein: das "Männerhilfetelefon". Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 1239900 können sich von Montag bis Freitag Männer melden und auch anonym beraten lassen, die von Mobbing, Stalking, körperlicher und sexualisierter Gewalt in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz betroffen sind. Ihnen sollen am Telefon möglichst konkrete Hilfe angeboten und örtliche Kontakte vermittelt werden. In NRW wird die Hotline von der "Man-o-mann Männerberatung" in Bielefeld betreut, in Bayern von der AWO Augsburg; bei beiden erreicht man per Telefon Therapeuten, Psychologen und Pädagogen. In Bielefeld besteht das Beraterteam nur aus Männern, in Augsburg ist es gemischt. NRW lässt sich die Hotline etwa 124 000 Euro im Jahr kosten.

Nach einem halben Jahr hat die Ministerin nun eine erste Bilanz gezogen: Knapp 2400 Männer haben das Angebot seit April angenommen, im Durchschnitt rufen also pro Werktag zwischen acht und neun Männer an. Die meisten Anrufer sind zwischen 31 und 50 Jahre alt; 70 Prozent aller Männer melden sich per Telefon, die anderen schreiben Mails. Mehr als die Hälfte aller Anrufe gehen in Bielefeld zwischen neun und 13 Uhr ein. Der Großteil der Gespräche dauert etwa 25 Minuten. Am häufigsten werden die Männer von ihren Partnerinnen und Partnern oder Ex-Partnerinnen und Ex-Partnern seelisch oder körperlich angegriffen; 93 Prozent dieser Tatverdächtigen sind Frauen.

"Unsere Erfahrungen aus den ersten sechs Monaten zeigen: Es war richtig und auch höchste Zeit, das Angebot zu schaffen und schnelle Hilfe für gewaltbetroffene Männer zur Verfügung zu stellen", sagt Scharrenbach. Auch beim Weißen Ring ist man froh über die Hotline: "Die Idee ist großartig. Es gibt deutschlandweit viel zu wenige Beratungsstellen für Männer. Betroffene müssen Hilfe bekommen - unabhängig vom Geschlecht. Wir hoffen, dass durch die Hotline noch mehr Fälle aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld kommen", sagt Weißer-Ring-Sprecher Großekemper.

In den vergangenen fünf Wochen haben besonders viele Männer angerufen. Mit Corona will die Ministerin das aber nicht erklären, "auch wenn ich mir intensive Gedanken mache, wie das in der dunklen Jahreszeit während der Pandemie jetzt wird in den Familien".

Ältere Männer berichten von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit

Anders als Frauen erlebten Männer in den meisten Fällen psychische Gewalt, berichtet Scharrenbach, das seien 78 Prozent aller Fälle. Aber: Die Hälfte der Männer gebe an, auch körperlich angegangen worden zu sein. Als Grund werden meist Konflikte in der Beziehung und mit anderen Familienangehörigen angegeben. Hinzu kommt, dass sich immer häufiger auch ältere Männer melden, die von sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit berichten. Dazu trage auch die öffentliche Aufarbeitung und Berichterstattung über die großen Missbrauchsfälle Staufen, Lügde, Bergisch Gladbach und Münster bei, glaubt die Ministerin.

In Köln und Düsseldorf gibt es mittlerweile acht sogenannte Schutzwohnungen für Männer, deren Konzept ist ähnlich wie das von Frauenhäusern. Es sollen noch mehr hinzukommen.

© SZ/nas
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Ehe, Gewalt, Seite Drei

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